MAK

Volltext: Heinrich Freiherr von Ferstel

Wahrlich eine Aufgabe, der grössten eine, die nicht bloss einen eminenten 
Künstler, auch einen eminenten Kopf erfordert. 
Wie das gewaltige Gebäude sich heute vor unseren Augen erhebt, ist es nur 
möglich, dasselbe in seiner äusseren Gestaltung zu beurtheilen, ein hochragender vier 
eckiger Bau in der Mitte, der ganz dem speciellen Unterricht gewidmet ist, daran 
vorn in der Hauptfa^ade die Aula mit den Hauptstiegen und den Nebenräumen, rück 
wärts die Bibliothek, auf den Ecken kuppelgekrönte Pavillons, welche die Seiten ver 
binden und jeder für sich Relief und Abschluss geben. Jegliche Bestimmung ist klar 
ausgesprochen, in der Front die hoch emporschiessende Aula, rückwärts die fenster 
lose, mit Blendarkaden gegliederte Wand des mit Oberlicht erleuchteten Bibliothek 
saales, zu den Seiten die gleichmässige Flucht der Hörsäle. Künstlerisch betrachtet, 
wir glauben Melodien zu hören; in unserer Erinnerung werden die grossen Bauten 
Italiens lebendig, und die gepriesenen Namen Bramante und San Michele und Sanso- 
vino, und wie sie sonst lauten, aus der goldenen Zeit des Cinque cento, klingen in 
unserem Ohr. 
Der grosse Meister ist heimgegangen zu seinen Genossen. Er hat sein Werk 
unfertig verlassen müssen, ohne den Schmuck, der ihm erst den Stempel der Voll 
endung aufdrücken sollte. .Freilich, seine Ideen, wie er es machen wollte, sind bekannt, 
sind gezeichnet und niedergelegt, und er hat das Werk gelassen in den bewährten 
Händen seines Schwagers, seines langjährigen treuen Mitarbeiters Köchlin, aber über 
diesen Ideen schwebte und schwebt das Schwert des Damokles. 
Werden diejenigen Räume, die dafür bestimmt und berechnet sind, so fragen 
wir besorgt, auch den farbigen, malerischen Schmuck erhalten, den sie verlangen wie 
Hungernde und Dürstende? 
Unser Freund und Meister Hess noch mehr der Waisen zurück als diesen un 
vollendeten Bau. Das Geschick hatte es gut mit ihm gemeint; es hatte ihn wie mit 
Schaffensdrang, so auch mit Schönheit und Lebensfreudigkeit ausgestattet und hatte 
ihm ein häusliches Glück wie nicht vielen gewährt und hatte es ihn ungetrübt und 
lange Jahre geniessen lassen. Zu Grinzing auf weit das Land überschauender Anhöhe 
hatte er zu jener Zeit, da er noch in der architektonischen Romantik lebte, diesem 
Familienglück eine reizende Stätte geschaffen, und gerade hatte er sich auch das 
städtische Heim für das Leben nach Bedarf und Geschmack eingerichtet. Im Behagen 
der eigenen Häuslichkeit besass er einen ausserordentlichen Sinn dafür, der so oft 
den Architekten abgeht. Beweis dessen die von vielen mit Dank gepriesene Anlage 
der Cottages bei Währing, die seine Schöpfung war und der er noch in letzter Stunde 
einen gemeinsamen Mustergarten zu schaffen bemüht war. 
'4
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.