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MAK

Full text : Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XX (1885 / 238)

das ganze Mittelalter hindurch begegnen uns kühn componirte Buchstaben,

deren Erfinder häufig mehr au den Schmuck, als an die Lesbarkeit des

Geschriebenen gedacht haben müssen. Und diese Richtung scheint unausrottbar

 zu sein wie Unkraut oder wie jener Hauskobold, der sich durch

keinerlei Beschwörungen bannen lassen wollte und. als man endlich das

ganze Gebäude verbrannte, unter dem geborgenen Hausrath wohlbehalten

vorgefunden wurde. Spukt er doch auch heutzutage wieder.

(Schluss folgr.)

Papyrus Erzherzog Rainer.

Ein. Ereigniss, dessen Kunde kaum aus dem engen Raume des Studirzimmers

 irn k. k. Oesterr. Museum, wo die Entzitferung der Papyri

unausgesetzt fortschreitet, in die Oelfentlichkeit gedrungen, hat nicht

allein die gelehrte Welt mit Ueberrascbung und höchster Spannung

erfüllt, sondern insbesondere auch die theologischen Kreise sofort ergriffen:

Die Auffindung eines kleinen Bruchstückes eines uralten, nicht

canonischen Evangeliums, welches von Matthäus (a6, 30-34)

und Marcus (14, 26-30) viel weiter absteht, als diese beiden von einander,

 aber mit Marcus mehr verwandt ist! Der Text dieses Papyrus-Evangeliums,

 welcher nach den Buchstabenformen sicher dem dritten,

der Abfassung nach aber dem ersten Jahrhundert n. Chr. angehört, hat

einen ganz anderen Uebergang von dem Abendmahle zu der Ankündigung

 der Verleugnung, als den den beiden genannten Evangelisten

gemeinsamen, kündigt das Citat und die Versicherung des h. Petrus in

abweichender Weise an, kürzt letztere stark ab, lässt den Vers; wAber

nach einer Auferweckung werde ich euch vorausziehen nach

Galiläau aus und construirt die Verleugnungsweißagung anders, als die

beiden Evangelisten. Die Sprache ist energisch, gedrungen, die Ausdrucksweise

 anschaulich, mit drastischen Wendungen. Dieser schriftstellerische

 Charakter, welcher überdies die Mittheilungen von Thatsachen

nur als einen verbindenden Faden erscheinen lässt, an welchen sich die

Reden Christi, auf die es hier zunächst ankommt, aneinanderreihen,

sowie das gänzliche Fehlen jenes Verses verbiirgen. wie

G. Bickell in Innsbruck scharfsinnig schließt, das höherebAlter des

Papyrus-Evangeliums. ist dann aber auch der Schluss berechtigt, dass

in Folge der Auffindung dieses Bruchstückes aus vier canonischen Evangelien

 - drei werden? Zweifellos ist es, dass mit demselben die Evangelienkritik

 in eine neue Bahn gelenkt wird. Denn man wird nicht

weiter anstehen dürfen - so lässt sich schon ein zweiter gelehrter

Theologe, Professor Dr. H arnak in Gießen ("Theologische Literaturzeitungß

 vom 13. Juni) vernehmen - vin dem Wiener Papyrus von

Faijum die erste handschriftliche Bestätigung dafür zu erkennen, dass

unser Matthäus und Marcus keine Originalwerke gewesen sind - auch

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