Die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. und
20. Jahrhunderts haben eine weitere schwerwiegende
Medientransformation hervorgerufen.
In Fotografie und besonders im Film sind Bildmittel
in die Wirklichkeit getreten, die anders
als vorher in Malerei und Graphik Aneignung
von Wirklichkeit schaffen, dieses jedoch den veränderten
Bedingungen der Zeit gemäß für alle
zu erreichen suchen. Sie sind demgemäß auf
Vervielfältigung angewiesen und tendieren in
ganz neuer Weise auch in sich selbst zu einer
standardisierten Gleichfärmigkeit entsprechend
den gesellschaftlichen Werten der Zeit, die feudale
Unterordnung der Freiheit, Gleichheit und
Brüderlichkeit zu ersetzen bemüht sind. Auch
hier wieder ist die Unlösbarkeit von künstlerischen
und gesellschaftlichen Vorgängen evident.
Benjamin sah es so: „Die technische Reproduzierbarkeit
des Kunstwerks verändert das Verhältnis
der Masse zur Kunst?"
Neue Bildmedien und industrielle Produktion
Die Bedeutung der Fotografie und des Films für
die Wirklichkeitssicht des modernen Menschen
sowie auch für das, was sich als seine Kunst
entwickelt hat, kann schwerlich überschätzt werden.
Bereits die frühe Fotografie des 19.Jahrhunderts
ist ein im Prinzip demokratisches Medium,
das jeden einzelnen in die Lage versetzt, sich als
Produzent von Kunst zu betätigen. Die von Benjamin
definierte „Aura" der kultisch begründeten
Kunst der Vergangenheit ist programmatisch
in Frage gestellt und ein neuer Begriff an die
Stelle von Originalität getreten, der besser mit
Authentizität umrissen werden kann.
Dichter an den Gegenstand der Wirklichkeit
heranzutreten, aber gleichzeitig auch näher an
den Ort der Produktion zu schauen, ist eines der
Phänomene im 19. Jahrhundert, die gemeinhin
dem Oberbegriff Realismus zugeordnet werden.
Benjamin gab eine brillante Beschreibung dieses
Vorgangs: „Die Entschälung des Gegenstandes
aus seiner Hülle, die Zertrümmerung der Aura, ist
die Signatur einer Wahrnehmung, deren ,Sinn
für das Gleichartige in der Welt' so gewachsen
ist, daß sie es mittels der Reproduktion auch dem
Einmaligen abgewinntlo."
Bezeichnenderweise zeigt sich seit der Mitte des
20. Jahrhunderts eine weitere Bemühung, den
Bereich der Kunst weiter auszudehnen und die
von einer geringen Bildungselite getragene Kunst
auf größere Gruppen auszuweiten. Die Produzenten
bedienen sich dafür bereits zur Verfügung
stehender Mittel; der industriellen Produktion.
Sie suchen die Industrie in den Dienst der neuen
Bemühungen zu stellen".
War es analog gesehen im ausgehenden Mittelalter
die Emanzipation der freien Handwerke, so
vorbildlich veranschaulicht in Gutenbergs Erfindung
des Drucks mit beweglichen Lettern, so
ist es Im 20. Jahrhundert die Maschinenproduktion,
die jetzt die Rolle der notwendigen Medienerweiterung
spielt. Frank Lloyd Wright gab
in einem Vortrag vom Jahre 1901 „The Arts and
Crafts of the Machine" eine der frühesten Artikulationen
dieser ldee: „Die Maschine ist nicht
mehr aus der Welt zu schaffen. Sie bleibt und
ist der Pionier der Demokratie, die unserer
Hoffnungen und Wünsche letztes Ziel ist. Der
Architekt unserer Zeit sollte keine wichtigere
Aufgabe kennen als die Verwendung dieses
modernen Werkzeuges, soweit es überhaupt
möglich ist?"
Doch genau an diesem Punkt beginnt die Schwierigkeit
der Verständigung: die Interpreten des
ausgehenden Mittelalters wie auch der Phase
des heutigen lndustriezeitalters übersehen häufig
die Tatsache, daß die neuen für die Expansion
notwendigen Produktionsmittel nicht ohne Be-32
sitzer sind. Sowohl die Druckerpresse wie auch
die verschiedenen Formen der lndustrie sind
oder gehen bald in den Besitz von Gruppen
über, deren Macht somit durch die potenzierende
Ausweitung ebenfalls potenziert wird. Diktatoren
haben sich der Macht der Maschine zu vergewissem
gesucht und sind dabei erfolgreich
gewesen. Marinetti ging so weit, einen „multiplizierbaren
Menschen" zu planen, der dem
Ideal der Maschine nachgebildet war und die
herkömmlichen Werte des Humanen ablehnte".
Der Mißbrauch der kapitalistischen Wirtschaftsformen
wie auch der Einfluß der auf das Wort
begründeten Propaganda ist von ebenso ambivalentem
Wesen wie es die Worte Massenmedien,
Fortschritt, Wohlstand sind, die eine verhüllte
Ideologie der Besitzer von Produktionsmitteln
darstellen. „Unter Massenmedien verstehen
wir komplexe organisierte Kommunikationstechniken
für simultane Verbreitung - in
Druck und Film, über Tonfunk oder Bildfunklt."
Unter dieser Ambivalenz sind demgemäß auch
die seit den späten 50er Jahren bekannten Versuche
zu sehen, Kunstwerke im Sinne industrieller
Objekte herzustellen.
Vorformen der multiplizierbaren Kunst
Die Geschichte der seit 1959 bestehenden Pro-
8 Andy Warhol, Blumen, 1967
Anmerkungen 9-17
'Gesammelte Schriften I, 2, hrsg. von R. Tiedemann und
H. Schweppenhäuser, FrankfurtlMain 1974, S. 496.
"Gesammelte Schriften, I, 2, hrs . von R. Tiedemann und
H. Sdiweppenhäuser, Frankfurt! ain 1774, s. 4x0.
"Eine kritische und mehr konservative Vorgeschichte dieses
Phänomens gibt L. Mumford in seinem Kapitel
„Standardilatian, repraduction and Chaice" in „Art and
Technics", New York 1952, S. 35-110.
" U. Kulterrnonn: Architektur der Gegenwart, Baden-Baden
1967. S. 70.
1' Multiplied Man and the Reign of the Machine, in War,
the World's Only Hygiene, from: Marinetti: Selected
Writlngs, London 1972, S. 92. Der Text wurde 1911-1915
Beschrieben.
" F. Böckelmann: Theorie der
FrortkturtlMain 1975, S. 33.
ß U. Kultsrmann: Cate Voltaire, Augenblick 1956.
1' Hans Richter allerdings benutzte die ready-mades von
Duchamp Jahrzehnte Später als Waffe gegen u... HUS
wesentlich anderen gesellschaftlichen Verhältnissen erwachsene
Kunst der 60er Jahre, Begegnungen von Dada
bis heute, Köln 1973, S. 155-156.
"Zitiert nach C. Spencer: Defining the Public, Studio
International 133, Sept. 1971, S. 92.
Massenlxammunikation,
duktion von Kunst in Massen für den Markt der
neuen Käufermassen kann allerdings eine wesentlich
andere Wurzel aufweisen als die der
industriellen Produktion. Diese ist in der Pratestbewegung
gegen eine Wirklichkeitsauffassung
zu sehen, in der das Original wie auch die
„GeheiIigten Güter" mißbraucht worden waren,
unter anderem um Kriege für die Absatzstokkungen
der industriellen Güter zu führen". Als
Marcel Duchamp 1913 sein „Bycicle Wheel" ausstellte
und es 1916 sogar duplizierte, gab er den
sichtbarsten Ausdruck für eine Unwillenserklärung,
indem er ein Objekt der industriellen Produktion
direkt auf einen Sockel stellte und zum
Kunstwerk erklärte".
Marcel Duchamp suchte den alten Wertbegriff
des Originals zu entwerten und einen neuen
Wert zu schaffen. Seine Argumentation beruft
sich auf Musik und Literatur, in denen der Begriff
Original in diesem Sinne nicht auftaucht,
da der Vollzug des Gestalteten sich erst zum
Erlebnis auswirke, das Objekt in sich selbst aber
kein Eigenleben habe. Es sei die belebende
Funktion der Idee, die sich gleichartig in vielen
Objekten verkörpern könne, ahne daß der Originalitätscharakter
damit zu tun habe. Man Ray
benutzte in einigen seiner frühen Objekte das
Argument, durch seine Vervielfältigung werde
er unzerstörbar gemacht, ein Gedanke, der ebenso
auf der Analogie zur Musik und Literatur
beruht.
Wie Duchamp stellt etwa gleichzeitig auch Vladimir
Tatlin in Rußland den übertragenen Charakter
des Kunstwerks in Frage. Im Manifest
der Produktivistengruppe und in seinen gleichzeitigen
Arbeiten sucht er dem Objekt selbst
seinen Wert aus sich allein zu geben. Es solle
nicht erscheinen, was es nicht sei, sondern ausschließlich
es selbst sein, was auch für die
frühen Ready-mades von Duchamp gelten kann.
Tatlin wie auch sein Landsmann EI Lissitzky
haben die Kunst der symbolischen Bedeutung
beraubt, jener religiös fundierten Aura im Sinne
Walter Benjamins, die einer vergangenen Gesellschaftsform
angehörte. Tatlin erweiterte diese
Emanzipation der Objekte in ihrer Brauchbarkeit
im Sinne auch einer emotionalen Nutzung.
Der dritte bahnbrechende Künstler für die
Befreiung der Kunstproduktion von der traditionellen
und gesellschaftsbedingten Aura der Originalitöt
war Laszlo Moholy-Nagy. Seine Beschreibung
des Gestaltungsprazesses für das
erste industriell hergestellte Bild hat dokumentarischen
Charakter; „l had the factorys color
chart in front of me and I sketched my paintings
an graphs paper. At the ather end of
the telephone the factory supervisor had the same
kind of paper divided in four squares. He took
down the dictated shapes in the correct position
. . ."1'. Dieses Ereignis fand im Jahre 1922
statt und kann als eine der frühesten Realisationen
eines Künstlers im Einklang mit der industriellen
Realität sowie auch mit den sozialen
Veränderungen angesehen werden. Duchamp,
Tatlin und Mohaly-Nagy schufen Objekte, die
aus dem herkömmlichen Bereich der bürgerlichen
Kunstproduktion herausfielen, sie haben
auf die weitere Entwicklung der Kunst im 20.
Jahrhundert einen fundamentalen Einfluß ausgeübt.
Der nächste entscheidende Schritt in der Vorgeschichte
der multiplizierbaren Kunst wurde in
Paris von einem Landsmann MohoIy-Nagys, Victor
Vasorely und der ihm nahestehenden Galerie
Denise Rene, vollzogen. In seinem Manifest
„Towards a Democratisation of Art" schrieb
Vasorely 1954: „Thus, together with craftsmanship,
the mythe of the unique work of art will
disappear and the multipliable work of art will