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Full text : Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift zur Pflege der künstlerischen Bildung und der städtischen Kultur, 1. Jahrgang 1904/05

MUTHESIUS  „Stilarchitektur  und  Baukunst“  und  von  SCHULTZE-NAUMBURG
  „Kulturarbeiten“  (Hausbau).  B -  z -

DER  GROSSE  UNBEKANNTE.
n  einem  Vortrage  über  Gewerbeförderung  gab  Hofrat  Exner  dem
nicht  mehr  ganz  neuen  Gedanken  Ausdruck,  daß  mit  der  Hebung
des  Produzenten  nur  die  halbe  Arbeit  getan  sei,  wenn  nicht  auch  für
die  Geschmackserziehung  des  Konsumenten  das  Nötige  geschehe.  Der
Gedanke  sei  nicht  von  ihm  —  er  eigne  sich  nicht  die  Geistesblüten
anderer  an  —  also  der  Gedanke  käme  von  einem  großen  Manne,  den
er  nicht  nennen  darf,  weil  er  es  ihm  verboten  habe.
Wir  sind  auf  den  großen  Unbekannten  nicht  neugierig,  weil  seit
Lichtwark,  Schultze-Naumburg,  Muthesius  u.  a.  die  Kulturarbeit  und
Kunsterziehung  ohnedies  planmäßig  im  Gange  ist  —  verwunderlich
ist  es  nur,  wie  lange  diese  Ideen  brauchen,  um  in  die  Hofratssphäre
einzudringen,  so  daß  der  besagte  Gedanke  dort  nur  unter  dem  Siegel
der  Verschwiegenheit  wie  eine  revolutionäre  Idee  weitergegeben  wird.
Wir  können  dem  Herrn  Hofrat  eine  Reihe  von  Schriften  nennen,  die
den  obigen  Gedanken  aufs  glänzendste  erledigen,  und  die  von  Männern
herrühren,  die  gar  nicht  unbekannt  sind,  außer  vielleicht  am  grünen
Tisch.  Vielleicht  nimmt  der  Herr  Hofrat  einmal  die  „Hohe  Warte“
zur  Hand,  da  findet  er  sie  hübsch  beisammen  und  manches  „Revolutionäre“.


MOMME  NISSENS  MUMPITZ.
n  dem  ausgezeichneten  „Kunstwart“,  dessen  wohlverdientes  Ansehen
nicht  geschmälert  werden  soll,  lese  ich  einigermaßen  betroffen
Momme  Nissens  Jongleurstückchen,  literarische  Taschenspielerkünste
und  Equilibrierästhetik  um  „Die  mittlere  Linie“.  So  heißt  der  Artikel
von  Momme  Nissen,  aus  dem  ich  bezeichnende  Sätze  heraushebe,  die
von  Lichtwark  handeln:  „Kunst  soll  Volkswünsche,  nicht  Modewünsche
„erfüllen.  Lichtwark  erfaßt  die  ersteren  nicht;  die  beste  niedersächsische
„und  beste  deutsche  Heimatkunst:  Worpswede  und  Leibi  fehlen  im  Hamburger ­
  Museum.“  Oder:  „Es  scheint  aber,  daß  seine  Entferntheit  von
„klassischer  Lebensluft  ihn  hindert,  die  Kontinuität  zwischen  Klassischem ­
  und  Heutigem  genugsam  zu  bewerten.“  Oder:  „Lichtwark  ist
„ein  vorzüglicher  Registrator  der  toten,  aber  kein  Erwecker  lebendiger
„Hamburger  Kunst.“  Oder:  „Gleichzeitig  hat  er  als  Erster  in  Deutsch-„land
  das  künstlerische  Museums-  wie  Erziehungswesen  seiner  sachlich
„gegebenen  Grundlage  entfremdet,  indem  er  praktisch  das  Interesse
„für  die  moderne  Kunstproduktion  dem  für  den  überlieferten  klassischen
„Kunstschatz  voranstellte.“  Oder:  „Durch  Lichtwarks  Schriften  zieht
„ein  Hauch  innerer  Kälte.  Fürs  Volk  bestimmt,  haben  sie  doch  nichts
„von  Volksgeist  an  sich.“  Oder:  „Man  vermißt  in  ihnen,  wie  bei
„manchen  heutigen  Kunsterziehern,  das  eigentlich  Entscheidende:  den
„innigen,  seelischen  Kontakt  mit  den  schaffenden  Kunstkräften  der
„Vergangenheit  und  Gegenwart.“
Ich  nenne  diese  einander  widersprechenden  Sätze  „bezeichnend“,  nicht
für  Lichtwark,  sondern  für  Momme  Nissens  ästhetische  Falschmünzerei. ­
  Dieser  Verfasser  bezeugt  dadurch,  daß  er  Lichtwarks
Schriften  nicht  gelesen  und  keine  Ahnung  davon  hat,  daß  das  Beste,
was  heute  für  die  deutsche  Kultur-  und  Kunsterziehung  geschehen
ist,  auf  den  Einfluß  Lichtwarks  zurückgeht.  Er  scheint  auch  nichts
von  den  Anstrengungen  Lichtwarks  zu  wissen,  einen  „Leibi“  für  das
Hamburger  Museum  zu  gewinnen;  daß  nicht  alles  Gewollte  gelungen,
ist  lediglich  der  Ungunst  der  Verhältnisse  zuzuschreiben.  Was
kümmert's  Momme  Nissen?  Er  wollte  nicht  wahrhaftig,  er  wollte
nur  „geistreich“  sein,  und  die  Bierbank  verblüffen.  Der  deutsche
Philister,  der  Lichtwark  kaum  dem  Namen  nach  kennt,  braucht  nur
von  „seiner  Entferntheit  von  klassischer  Lebensluft“  zu  lesen,  um
„sein“  Urteil  zu  haben  und  es  registrieren  zu  können.  Mit  dem  Urteilen
oder  Aburteilen  über  schaffende  und  schöpferische  Menschen  ist  es
so  eine  eigene  Sache.  Dazu  gehört  vor  allem  das  Wissen  und  die
Bildung  des  Herzens,  nicht  aber  die  Leichtfertigkeit,  eine  „mittlere
Linie“  anzunehmen,  und  alles,  was  davon  absteht,  kurz  und  krumm
hauen  zu  wollen.  Sonst  kann  es  passieren,  daß  der  Spieß  umgedreht
wird.  Nichts-als-geistreich  langt  bei  weitem  nicht;  nichts-als-geistreich
ist  auch  der  Mumpitz.

STAATLICHE  KUNSTPFLEGE  in  ÖSTERREICH.
„KUNST“  IM  VERSATZAMT.
er  fürsorgliche  Staat  pflegt  die  Kunst  auch  in  seinem  „k.  k.  Versatz-,
Verwahrungs-  und  Versteigerungsamte“,  und  die  Öffentlichkeit
darf  darum  ein  Interesse  haben  zu  wissen,  wie  dieser  Zweig  der  „staatlichen ­
  Kunstpflege“  behandelt  wird.  Die  amtliche  Einleitung  des  Verzeichnisses ­
  zu  einer  Bilder-Auktionsausstellung  kommt  solchem  Interesse ­
  mit  geschmeidiger  Liebenswürdigkeit  entgegen,  was  man  aus
folgenden  wörtlich  zitierten  Sätzen  ersehen  mag:
„Die  Direktion  des  Amtes  setzte  sich  mit  den  ausstellenden  Künstlern
„ins  Einvernehmen,  und  dank  der  tatkräftigen  Unterstützung  der-„selben
  werden  in  Zukunft  periodisch  AUSSERORDENTLICHE  Ge-„mälde-Auktionen
  veranstaltet  werden,  außerordentlich  deshalb,  weil
„die  Schöpfer  der  Werke  MIT  IHREN  PREISEN  AN  DER  ÄUSSERSTEN
„GRENZE  ANGELANGT  SIND,  wo  die  Preislage  für  ein  Originalwerk
„aufhört  und  eine  Reproduktion  teurer  wird.
„Dem  Wiener  Bürgertum,  nicht  dem  reichen  Kunstmäzen,  sondern
„dem  Offizier,  Beamten,  dem  Geschäfts-  und  Gewerbsmann  soll  Gelegenheit ­
  geboten  werden,  mit  vollster  Beruhigung  und  um  wenig
„Geld  künstlerisch  ausgeführte  Arbeiten,  für  deren  sachverständige
„Auswahl  das  Amt  durch  die  Person  seines  bewährten  Experten
„Sorge  trägt,  zu  erwerben.
„Von  den  68  ausgestellten  Werken  bewegen  sich  40  Gemälde  in  der
„Preislage  von  20  bis  50  Kronen,  wahrlich  ein  Preis,  daß  man  mit
„Rücksicht  auf  die  modernen,  oft  teuren  Rahmen  unwillkürlich  aus-„ruft:
  »Kostet  ja  der  Rahmen  schon  so  viel! 1 “
Wenn  ein  schäbiger  Rahmenhändler  eine  solche  Sprache  führt,  dann
sagt  man  achselzuckend:  schäbiger  Rahmenhändler!  Was  soll  man
nun  sagen,  wenn  Staatsämter  diese  Sprache  führen?  Derselbe  Staat,
der  auf  der  einen  Seite  mit  großem  Aufwand  Künstler  erzieht,  und
zugleich  dem  Künstler  das  Entscheidungsrecht  in  künstlerischen  Angelegenheiten ­
  absprechen  möchte,  gefällt  sich  auf  der  anderen  Seite
darin,  die  Preise  der  Kunstwerke  unter  das  Niveau  der  Reproduktionskunst ­
  zu  drücken,  oder  aber  einen  Schmarren  als  Kunstwerk  anzupreisen, ­
  der  nicht  einmal  den  Bettelpreis  wert  ist,  und  dem  ein  Werk
der  Reproduktionskunst  künstlerisch  turmhoch  überlegen  ist,  oder
aber,  wenn  nichts  anderes  fruchtet,  sich  marktschreierisch  darauf  zu
berufen,  „daß  schon  der  Rahmen  so  viel  kostet“.
Das  nennt  man  „Kunsterziehung“  von  Staats  wegen.  Die  Frivolität
eines  solchen  Vorganges  wird  durch  den  Umstand  verschärft,  daß
sich  wirklich  das  mittlere  Publikum,  dem  das  Unterscheidungsvermögen ­
  in  solchen  Dingen  fehlt,  in  dem  guten  Glauben  einfindet,
daß  es  für  ein  paar  Kronen  mit  echten  Originalkunstwerken  versorgt
wird,  und  nicht  die  Aufklärung  empfängt,  daß  die  wohlfeilen  Künstlerlithographen, ­
  Künstlerholzschnitte  und  sonstige  Werke  der  Reproduktionskunst, ­
  nicht  minder  Originalwerk  und  vor  allem  aber  unzweifelhaft ­
  Kunstwerke  von  wahrhaft  bildendem  Werte  sind.
Wann  wird  die  Behörde  das  Unmoralische  eines  solchen  Gebarens
einsehen?
Man  sieht  klar,  wohin  es  kommt,  wenn  der  Beamtengeist  in  der
Kunst  zu  herrschen  anfängt.

NOCHMALS:  DAS  KÜNSTLERISCHE  PLAGIAT.*
in  Beispiel  von  der  künstlerischen  Überlegenheit  und  der  damit
verbundenen  Vorherrschaft  liefert  gegenwärtig  die  von  der  Unterrichtsverwaltung ­
  wenig  begünstigte  Moderne  an  der  Kunstgewerbeschule,
  wo  Baron  Myrbach,  Professor  Alfred  Roller,  Professor  Josef
Hoffmann  und  Professor  K.  Moser  einen  zeitgemäßen  Kunstunterricht
angebahnt  haben.  Nun  wird  von  der  Vorgesetzten  Behörde  die  äußerste
Anstrengung  gemacht,  den  neuen  Geist  an  der  Schule  unmöglich  zu
machen  —  aber  es  nützt  nichts.  An  den  von  der  Unterrichtsbehörde
veranstalteten  Salzburger  Ferialkursen  für  Fachlehrer  lehren  zwar
fast  nur  solche  Kräfte,  die  keiner  Beziehung  zum  zeitgemäßen  Kunstunterricht ­
  verdächtig  sind,  und  trotzdem  kommen  in  den  Kursen  nur
Nachahmungen  von  modernen  Arbeiten  aus  den  Abteilungen  Professor ­
  Hoffmanns,  Mosers  etc.  zu  stände.  Es  ist  zwar  ohneweiters  zu
begreifen,  daß  sich  die  künstlerisch  schwächeren  Schulen  diesem
*  Vgl.  auch  Seite  187.

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