Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 6)

W AS  FANGEN  WIR  MIT
DEN  ANDERN  AN?

Vor  einigen  Jahren
hatten  wir  in  einer
rheinischen  Fabrikstadt ­
  eine  Kunstausstellung. ­
  Ein  Bekannter, ­
  der  gern  in  allem
ein  gebildeter  Mann
ist,  bat  mich,  ihn
dahin  zu  begleiten
und  ihm  die  einzelnen ­
  Werke  zu  erklären. ­
  Er  verstände
sonst  so  gar  nichts
davon.  Ich  weiss  noch
gut,  wie  entrüstet
dieser  Kunstsüchtige
wurde,  als  ich  ihm
einen  Gang  in  den
schönen  Herbstwald
vorschlug.  Ich  wolle  ihm  dann  unterwegs  die
Schönheit  der  Landschaft  in  ihren  Formen  und
Stimmungen  so  gründlich  erklären,  dass  er  nachher ­
  mit  dem  wütigsten  Berichterstatter  um  die
Wette  Kunst  be-  und  verurteilen  könne.
Was  mir  damals  ein  Scherz  war,  scheint  mir
heute  das  einzige,  was  man  diesen  Unglückseligen
sagen  kann,  die  mit  leeren  Blicken  und  vollen
Katalogen  verlassen  durch  die  Kunstsäle  irren:
„Geht  hinaus  und  seht  die  Natur,  wie  sie  unaufhörlich ­
  sich  wandelt  in  Farben  und  Formen,  wie
sie  auf  dem  Hinweg  anders  ist,  als  auf  dem
Heimweg,  wie  die  Sonne  über  die  Erde  spielt  in
tausend  wandelnden  Schatten  und  Lichtern,  wie
Wolken  und  Nebel  wachsen  und  sterben  und
ewig  wandern,  wie  in  einem  einzigen  Wasserspiegel ­
  mehr  Lebenswechsel  ist,  als  ihr  jemals
aussehen  könnt:  Ihr  werdet  bald  merken,  wie
ärmlich  der  klügste  Mann  sich  da  ausnehmen
würde  mit  allen  verständigen  Erklärungen.  Wie
ihr  gar  nichts  anders  thun  könnt,  als  sehen,  immer
sehen.
Und  wenn  ihr  dann  eines  Tages  im  Dunkel
am  Waldteich  oder  in  der  Sonne  auf  freiem  Felde
empfindet,  wie  Baum  und  Gras  und  Luft  und

Wind  in  eins,  in  euch  zusammenklingen,  und  ihr
euch  selbst  da  mitten  drin  entdeckt  wie  ein  unbegreifliches ­
  Rätsel  in  einem  Meer  von  Rätseln:
dann  habt  ihr  ein  Wunder  erlebt.  Und  ihr  werdet ­
  wissen,  wie  das  tiefste,  was  da  in  euch  angeklungen ­
  ist,  nie  mit  Worten  gesagt,  nur  gefühlt
werden  kann.  Mit  dieser  Gewissheit  geht  zurück
in  die  Bildersäle  und  wenn  euch  noch  immer
hunderte  von  den  Tafeln  stumm  bleiben:  in  einer
werdet  ihr  doch  euer  Wunder  wiederfinden.
Denn  nichts  anderes  stellt  der  Maler  in  seinen
Bildern  dar,  als  die  unsagbaren  Wunder,  die  ER
aus  der  Natur  gesehen  und  erlebt  hat.  Manches
hat  sich  vielleicht  nur  ihm  allein  offenbart  und
es  wird  ihm  in  Ewigkeit  keiner  völlig  glauben.
Ahmt  deshalb  nicht  den  bebrillten  Kunstrichtern
nach  und  geht  verächtlich  vorüber,  wenn  eine
solche  Nummer  kein  Gnadenkreuz  in  ihrem  Katalog ­
  findet.  Wo  euch  kein  Wunder  spricht,  wo
nur  Farben  und  Formen  euch  kalt  lassen,  da
denkt:  Wir  Wissens  nicht,  ob  es  ein  Wunder  ist,
WIR  habens  nicht  erlebt.  Und  wenn  euch  bei
andern  gesagt  wird,  es  sind  Handwerker  und  Geschäftsleute, ­
  die  nie  ein  Wunder  fühlten  und  doch
diese  Bilder  malten,  weil  sie  einen  guten  Geschmack ­
  besitzen,  so  lasst  es  gesagt  sein.  Aber
kümmert  euch  nicht  darum.  Der  EUER  Wunder
gemalt  hat,  will  nicht  vor  diesen  glänzen.  Er
will  seine  und  eure  Freude  noch  einmal  geben,
reiner  von  Nebeneindrücken  und  voller  im  Klang.
Vor  seinem  Kunstwerk  bleibt  —  und  wenn  ihr
ganz  allein  da  steht,  desto  besser  —  und  seht  es
aus,  ganz  aus.  Es  wird  euch  unmerklich  zu  andern ­
  Wundern  führen,  von  dem  Saal  in  die  Natur
und  von  der  Natur  in  den  Saal.  Ihr  werdet
reicher  werden  und  eure  Wunder  köstlicher.  —
Ihr  werdet  eines  Tages  erkennen,  dass  ihr  manches, ­
  was  euch  ein  Wunder  schien,  mit  Vielen,
Allzuvielen  teilt,  dass  es  gar  kein  Wunder  mehr
ist.  Ihr  werdet  es  zur  Seite  legen  und  nicht  traurig ­
  sein.  Ihr  werdet  immer  edleren  Ersatz  finden
und  euch  tiefer  hineinleben  in  dieses  Reich,  wo
kein  Trugschluss  das  beste  Gedankenglück  zu
nichte  machen  kann,  wo  ihr  Sicherheit  und  Ruhe
fühlt  in  dem  einen  Leben,  das  in  euch  und  um
euch  in  Wundern  spricht,  die  ewig  sicher  sind
vor  aller  Gedankenschärfe.  Dann  werdet  ihr  die
schönen  Kataloge  den  Kassierern  lassen  und  mit
leeren  Händen,  aber  mit  vollen  Blicken  durch  die
Bilderhallen  gehen  und  heilige  Tempelweihe  füh-JOHANN


V.  KRÄMER.
ARABISCHER
BÄNKELSÄNGER.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.