MAK

Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 4)

Das sind überaus reizvolle kleine Kunstwerke, sehr gut passen zu ihnen die Süchtigen 
hingewischten Farbennuancen, mit denen sie behandelt sind. Das Momentane des Einfalls 
kommt auch in diesem Material besser zum Ausdruck als zum Beispiel in den sehr stoff- 
verwandten Bronze-Improvisationen des Fürsten Troubetzkoi, der auch den Charme und 
das fliessende Linienspiel der Frauenschleppen liebt. Dies ewig Wechselnde, bei jedem 
Schritte Spielende, mit jedem Griff Changierende wird aber durch die Bronze oft zu 
starr fixiert. 
Dem Desjan verwandt, als Anbeter des Augenblicks, ist Hoetger. Er gibt sich aber 
robuster. Ihn reizt nicht nur die Eleganz einer Bewegung. Ihn reizt die Bewegung über- 
haupt, wenn sie nur lebendig ist, ob es die Geste eines „S0us OH" ist, der mit an- 
gespannter Miene breitbeinig in seinen bauschigen Hosen dastehend, unter dem hoch- 
geschlagenen Rock sich den Säbel gürtet oder die verwegene Richtung eines in pendelndem 
Glockenrock direktionslos gegen den Wind lavierenden bezechten Flaneurs mit schiefem 
Zylinder und hochgeschlagenem Kragen. 
Diesen Kindern der Welt steht die lyrisch-mystische Kleinplastik Valgrens gegen- 
über. Skizzenhaft sind seine Bronzen auch, erhascht und geballt in der Eingebung des 
Momentes, aber es sind nicht „Impressions de la rue", es sind Erinnerungen ausTräumen. 
Diese schmächtigen Sehnsuchtsgestalten von kranker, hinschwindender Grazie, die sich 
aneinander ranken in müder Trauer, les ämes tristes, die mit ihren weltfernen Augen hell- 
sichtig den Linien der langen schmalen Hände folgen, sind nicht Menschen-, sondern 
Seelenskizzen,Visionen. Und eine feine Stilnuance ist's, dass diese Valgrenschen Geschöpfe 
nicht auf festen Füssen stehen, sondern in Schleierfalten nach unten verl-liessen, gleich der 
Astarte des Gabriel Max, Gestalten aus einem Zwischenreich. 
Einer Frau begegnet man unter diesen Bildnem, der Frau Burger-I-Iartmann, einer 
schlichten, feinen und sicheren Künstlerin. Ein hervorragend schönes Stück ihrer letzten 
Arbeiten ist eine silberne Zuckerschale. In der Form von grosser leichter Einfachheit mit 
der breiten Leibung und dem wie in freiem Spiel umgeblätterten Rand und sehr schön in 
dem matten Silberton und edel in dem Reigen, der sich in weichem Relief um die 
Wandung zieht. 
Ein alter Name aus der Geschichte der Keramik, der im Laufe der Zeiten gering 
geworden, wird in dieser Ausstellung erneut, der Name Bunzlau. Diese ehrwürdige 
Mutter behäbiger braunglasierter Familienkannen will noch einmal jung werden und 
der neuen Zeit dienen. Auf eine ausgezeichnete Idee kam die Fabrik. Sie liess sich von dem 
Tierbildhauer Gaul, einem anschauungsstarken und formsicheren Plastiker, dessen grosse 
Bronzelöwin mit ihren monumentalen Flächen von der vorigen Sezessionsausstellung in 
bewundernder Erinnerung ist, Tiermodelle machen. Diese Modelle sind natürlich überaus 
lebendig geraten und geben in der frappanten Wirkung des momentanen Wurfes der 
Kopenhagener Menagerie nichts nach. Ebenbürtig ist sich das Getier. Aber nicht in einem 
Atem darf man die keramischen Ausführungen nennen. Die Kopenhagener Manufaktur 
gibt in der Glasierung sich so selbstverständlich. dass wirklich warmes Leben in diesen 
Körpern zu fluten scheint. Die Bunzlauer haben diese natürliche Sicherheit noch nicht. 
Ihre Tiere wirken nicht entstanden, sondern behandelt. Allzu verschwenderisch arbeiten 
sie mit metallischen Reflexen und zerstören mit dem spielerigen Gefunkel die nervigen 
federnden Linien, die Gaul einem Tiger gegeben. In einer I-Iahnenkampfgruppe ist das 
Lustre besser am Platz, und am gelungensten vielleicht geriet ein gelblich-weisser Meer- 
vogel mit aufgesperrtem Schnabel. Der grosse Unterschied jedoch zwischen all diesen 
Stücken und den Kopenhagener Arbeiten, sowie den französischen Plastiken aus Gres liegt 
darin, dass bei Bunzlau die Farbe wie äusserlich aufgetragener Firnis erscheint, während 
bei jenen - gut zeigt das hier eine aus Mullers Manufaktur stammende Gruppe von Falguiere 
„Sortir de Pecole" - die getönte Oberfläche organisch von innen aus dem Material heraus 
entwickelt wirkt, der animalischen Haut gleich, die von pulsierendem Blut farbig belebt wird. 
I Felix Poppenberg
	        

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