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Volltext: Monatszeitschrift XI (1908 / Heft 8 und 9)

schwer anregbare Publikum zur Parteinahme bewog. In jenem ersten Taumel von Schul- 
freiheit entstanden für Wien einige sehr bemerkenswerte Werke Olbrichs: die Villa 
Friedmann in der Vorderbrühl, die Villa Bahr in Ober St.-Veit, das Grabmal Klarwills auf 
dem Döblinger Friedhof. Daneben eine Fülle kunstgewerblicher Gegenstände jeder Art. 
Der frohe Schmucksinn Olbrichs, seine sprudelnde Fruchtbarkeit tobten sich nach Herzens- 
lust aus. Die Neuartigkeit der Einfälle stieß wohl auf vielen Widerspruch - wcr denkt 
nicht an seine Möbel und Geräte in den ersten Ausstellungen der Sezession? -, aber sein 
wienerischer Schick, die Apartheit und gewinnende Anmut seines dekorativen Wesens 
brachten die Epigramme doch zum Schweigen. Diese Werke bleiben nun Denkmäler einer 
jugendlichen Phase der neuwiener Einrichtungskunst, welche die Kunstgeschichte nicht 
übersehen wird. Seine Berufung nach Darmstadt durch den Großherzog Ernst Ludwig 
(1899) erregte nicht geringes Aufsehen. Dort ging nun eine neue Welt an. Die „frei- 
schaffende Künstlerkolonie", ihre große Ausstellung unter dem wenig gelungenen Namen 
„Ein Dokument deutscher Kunst", dann die Zwistigkeiten unter den Meistern, Ersatz der 
Ausgeschiedenen - es war doch kein Karpfenteich, dort auf der Mathildenhöhe. Für Deutsch- 
land war es ein großes Beispiel lebendig gewordener Kunst und ihrer Menschlichkeiten. 
Kraft wurde dort jedenfalls ausgelöst und auch die jetzige hessische Landesausstellung 
zeigt, dal] Geist in diesem Fleisch und Bein ist. Der von der Stadt Darmstadt dem Groß- 
herzog gewidmete „I-Iochzeitsturrn" mit seinem originellen Helm, dessen fünf schlanke 
parallele Rundbogen wie fünf Finger einer gelobenden Hand gen Himmel gestreckt sind, 
ist ein echtes Olbrich-Werk, das unter den neuartigen Baugestaltungen unserer Zeit sicher 
seinen Rang behauptet. In Westdeutschland wird sich überhaupt manche Spur Olbrichs 
erhalten. Sein hochinteressanter, in jeder Faser eigener Entwurf für das Tietzsche Kauf- 
haus in Wiesbaden war auch dieses Frühjahr auf der Wiener internationalen Baukunst- 
ausstellung im Gipsmodell eines der erfreulichsten Neugebilde. Aus der obligaten deutschen 
Renaissance ist da etwas durchaus Zeitfarbiges herausgewachsen. Und gerade in der 
jetzigen „Kunstschau" sieht man im Original ein texüles Meisterwerk seiner eriinderischen 
Laune, den seidengestickten Wandteppich für den großherzoglichen Musiksalon, förmlich 
ein Mosaikbild minutiöser Stickerei aus ungezählten Elementen, dabei von ganz gedämpfter, 
vornehm silbertoniger Farbenwirkung. Wie ihm alles, was Zierat hieß, aus dein I-Iand- 
gelenk strömte, konnte man auch an seinen Interieurs auf der vorjährigen Mannheimer Aus- 
stellung beobachten, wo eine wahre Luxusphantasie sich doch mit merkwürdiger Diskretion 
und „GeschmackigkeiW tummelte. Was ihm alles einliel, konnte er nicht einmal ausführen. 
So entstanden zweiPublikationen, deren erste, „Ideen" (ich hatte das Vergnügen, die Ein- 
leitung dazu zu schreiben), ein förmlicher Bienenkorb schwärmender Motive ist. Auch der 
Wiener Weihnachtsmarkt weiß davon zu sagen. Alljährlich kamen seine neuesten kunst- 
gewerblichen Niedlichkeiten (Stockuhren, Kassetten, Schmucksachen) über die Grenze 
hereingeflattert und wurden von den Wienern immer freudig begrüßt. Er selbst kam ab 
und zu und besuchte die einstigen Kriegskameraden, denn der Wiener bleibt Wiener, auch 
als hessischer Professor und Oberbaurat. Er wird auch in Wien nicht vergessen werden, 
sondern fortleben als ein Stück Wiener Baugeschichte. 
ER AUGÜSTINBRÜNNEN. Der VII. Bezirk hat kürzlich einen neuen Schmuck- 
gegenstand erhalten, den Brunnen mit der Figur des „lieben Augustin," von I-Ians 
Scherpe, dem Urheber des Anzengruber-Denkmals. In einer rechtwinkligen Verbreiterung 
der Neustiftgasse hat man ihn übereck in eine kleine Anlage gestellt, wo er nur schwer 
überfahren werden kann. Der liebe Augustin, der selbst der Pest ein Schnippchen schlägt 
und selbst, wenn „alles hin", den „I-Iamur" nicht verliert, ist eine sympathische Wiener 
Volksf-igur. War es aber durchaus nötig, den gemütlichen Volkssänger gerade als Alko- 
holiker im letzten Stadium darzustellen? Vollends auf einem Brunnen, der ein ihm ver- 
haßtes Naß spendet? Der liebe Augustin steht da oben, rein wie ein „Pülcher", vermutlich 
auch Plattenbruder. Den Dudelsack unter dem Arm, die leere Tasche herausgekehrt, die
	        

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