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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 8 und 9)

Handel der Stadt, für ihre ganze soziale und 
politische Entwickelung ist die „Sülze" der aus- 
schlaggebende Faktor geworden. Hat auch der 
mittelalterliche Betrieb wie so viele andere Unter- 
nehmungen mit seinen ungenügenden Förde- 
rungs-, Gewinnungs- und Herstellungsvorrich- 
tungen, weiter mangels ausreichender Verkehrs- 
mittel und Verkehrsmöglichkeiten jenen Umfang 
nicht zu erreichen vermocht, den die Neuzeit mit 
ihren gewaltigen Hilfsmitteln auf jedem Gebiete 
technischer Betätigung zu schaffen imstande ist, 
so war doch die Bedeutung des Werkes eine 
weitreichende, für jene Zeit großartige. Das 
kommt auch im heutigen Stadtbilde, soweit es alt 
ist, noch immer deutlich zum Ausdrucke. Trotz- 
dem die Neuzeit manche nicht immer zu recht- 
fertigende Lücke in den Bestand alter Baukunst 
gerissen hat, trotzdem weiter zahlreiche Werke 
und Umänderungenl es deutlich kundtun, wie 
weit bauliche Gesinnung hoher und niedriger Bau- 
herren, wie Befähigung der Bauenden hinter den 
Zeiten zunftmäßigen Arbeitens zurückbleiben, so 
muß doch die Gesamterscheinung Lüneburgs 
noch immer als eine ganz wundervolle, kultur- 
  
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Abb, x4. Lüneburg. Profile einiger in 
i? Dahin gehört zum Beispiel die Bepliznzung des größten Platzes glasierten Forrnsteinen ausgeführter 
der Stadt, des „Sand". mit einer doppelten Baumreihe, welche die Platz- Haustüreinfassungen 
Wirkung ganz wesentlich beeinträchtigt, weiter die Aufstellung eines 
an sich zum Teil ganz wohlgelungenen, aber in seinen Verhältnissen mit dem vorgenannten Platze und seinen 
köstlichen alten Architekturen keineswegs übereinstimmenden Brunnens, dann die drohende Demolierung noch 
vorhandener Wallpartien zwecks Gewinnung gut verkäuflichen Baugeländes, weiter der Versuch, ein modernes 
Postgehäude und andere öffentliche Anstalten 
durch absolut mißglückte Nachahmung der alten 
Formen in das alte Stadtbild einzupassen und so 
weiter. Dergleichen Dinge verlangen ein künst- 
lerisch so feines Empfinden, wie es zum Beispiel 
Theodor Fischer in seiner Jenenser Universität 
geoEenbart hat. Mit dem Verarbeiten des For- 
menschatzes der Vergangenheit richten weniger 
begabte Baukünstler meist nur Geschmacksver- 
heerungen an. Man hraucht bloß Städte wie zum 
Beispiel Halle an der Saale zu durchwandern, um 
ein förmliches Grauen vor derartigen Wieder- 
erweckungsversuchen zu verspüren. Die neue 
„Deutsch-Renaissance" und ihre Anhängsel kann 
man in den meisten Fällenruhig als eine Verirrung, 
als eine Geschmacksschläehterei bezeichnen ; was 
die Alten „aus dem Ärmel schüttelten", bringen 
die Meister vom Lineal, mögen sie auch alle aka- 
demischen Grade erreicht haben, nicht fertig. Da- 
für sprechen tausend Zeugen. Die Alten dachten 
Abb. 15. Lüneburg, Diele in der ehemaligen Propstei des baulich. Das bringen viele der Nachgeborenen 
Klosters Heiligenthal trotz aller Studien schlechterdings nicht fertig. 
 
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