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Volltext: Monatszeitschrift XVII (1914 / Heft 1)

Es ist ein großes sachliches Verdienst der Veranstaltung, daß den jüngsten, meist 
stürmischen Kämpfern auch die alten führenden Künstler beigesellt sind, die erkennen 
lassen, wie sehr das heute Erstrebte zusammenhängt mit dem Wollen derjenigen, welche in 
der früheren Jugend die Stürmer waren. So sind neben den Deutschen Barlach, Beckmann, 
Großmann, Meid, Lehnbruck, Lederer der Altmeister Liebermann, dann Slevogt und Lovis 
Corinth vertreten. So tritt von den Nordländern der prachtvolle Edvard Munch auf, bei 
den Engländern Frank Brangwyn mit seinen luministischen Radierungen. 
Unter den französischen sind vorwiegend jüngere Werke, wie jene von H. Kogan, 
J. Nadelmann, N. Giannatasio vertreten, die zugleich auch den internationalen Grundzug 
des Pariser Künstlervolkes erkennen lassen. Wenn manches für die Absicht der Aussteller 
Wichtige unvertreten bleiben mußte, so sind die großen Schwierigkeiten solcher Auf- 
sammlungen daran schuld. Es ist so viel Wertvolles und künstlerisch Hochstehendes hier 
vereinigt, daß die Lücken wenig empfunden werden. Man fühlt hier den Atem der Zeit, 
man nimmt teil an dem allgemeinen Ringen, das in Wien sonst so wenig öffentlich fühl- 
bar wird. Wenn das Phäakentum wieder mächtig geworden ist auf vielen künstlerischen 
Gebieten, so tragen solche Veranstaltungen wie die internationale Schwarz-Weiß-Aus- 
stellung in verdienstvoller Weise dazu bei, die einschläfernden Geister aufzurütteln. 
Vor allem zeigt diese Veranstaltung, wie überall gleichzeitig daran gearbeitet wird, 
den Realismus, die reine Impression nicht als das Wichtigste erscheinen zu lassen. Ebenso 
wird auch die strenge, akademische Richtigkeit der Zeichnung, die auf Wissen gegründet 
ist, zugunsten einer erweiterten Ausdrucksmöglichkeit verlassen. Man schreitet überall zur 
Synthese, nachdem wir eine Periode der Analyse hinter uns haben. Man sucht eine Welt 
der Gestaltungen aufzubauen, deren Urbild in den Tiefen der menschlichen Seele ruht, die 
nicht mehr ein bloßer Widerschein der Außenwelt sein will. Man ringt danach, den großen 
Veränderungen unseres ganzen äußeren und inneren Lebens gerecht zu werden, dem 
ewigen, tiefen Sehnen und Suchen nach Erhebung und Befreiung durch eine selbst- 
geschaffene Welt die neue künstlerische Form zu finden. 
Was der Musik, der Dichtkunst vielfach schon gelungen ist mit ihren Mitteln aus- 
zudrücken, ringt sich mit Stift und Farbe durch. Hier sieht man die graphische Arbeit am 
Werk; wenn man auch oft das Unfertige, Ungelöste der Arbeit empfindet, so lebt doch ein 
starkes Wollen in den neuen Gestaltungen. Die Zukunft wird lehren, wie vieles davon zur 
Reife und zur Vollendung gebracht werden kann. 
KÜNSTLERHAUS. Die Genossenschaft der bildenden Künstler Wiens hat ihre 
Winterausstellung eröffnet. Der stärkste Erfolg, der in diesem Jahre zu verzeichnen 
wäre, ist denjenigen Architekten zu verdanken, welche aus dem Mittelsaal einen hellen, 
freien Ausstellungsraum geschaffen haben. Hier ist modernen technischen Hilfsmitteln und 
einer sachlichen diskreten Formgebung ein wesentlicher Gewinn für das alte, oft umgebaute 
Ausstellungsgebäude zu verdanken, das so allmählich doch immer brauchbarer wird. 
Leider ist die Zahl der Werke, die sich hier zusammenfinden und die eine nachsich- 
tige Auswahl mehr aus praktischen wie aus künstlerischen Gründen anwachsen läßt, wie 
immer sehr groß, wie immer einem Durchschnittsgeschmack angepaßt. Manches Tüchtige, 
das über diesen Durchschnitt hinausragt, leidet dann unter seiner Umgebung. 
Diesmal sind einige Kollektivausstellungen eingefügt, von denen drei den lebenden 
Künstlern, und zwar den Malern: M. v. Poosch, Viktor Krausz, Hans Larwin breiteren Raum 
zur Aussprache bieten, während zwei Gedächtnisausstellungen das Andenken der Maler 
E. v. Lichtenfels und Fr. Pontini ehren. 
Es sind auch Künstler fremder Nationenyertreten, aber so zwischen die Einheimischen 
eingeschoben, daß sie nirgends hervortreten, wenn sie nicht durch ihre Qualität auffallen. 
Dies ist bei Hodlers Mäher der Fall, der mit mancher andern herben, aber ernsteren 
Arbeit das Schicksal der Verbannung in Nebenräume teilt. Dafür ist J. E. Blanche mit 
seinen so sehr routinierten, aber ach so seichten Modebildern ins beste Licht gestellt.
	        

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