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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 72)

nicht etwa die Umsäumung runder Löcher dazu rechnen will. Eine an- 
dere, gleichfalls seltene Technik ist die, dass zuerst ein Muster gehä- 
kelt wird und sie darauf die wichtigeren Theile des Musters durch F äden 
(weisse), welche mit der Nadel eingezogen werden, hervorheben. Eine 
andere Technik, welche ganz besonders auf Bettdecken im Gebrauche ist, 
besteht darin, dass sie die Muster, welche im geblümten Zeuge sind, mit 
der Nadel nachstechen und ihnen folgen. 
Am reichsten in den Mustern, am schönsten in der Durchführung 
und am häufigsten ist die Guipurtechnik im Gebrauche. Erst wird 
mit vieler Mühe und Geduld der Schussfaden ausgezogen, der ganzen 
Breite nach die Ränder an den beiden Seiten ausgenommen und zwar 
nach einem bestimmten Gesetz 2, 4, 6, B oder auch in ungeraden Zahlen. 
Darauf werden die schmalen Ränder an den Seiten festgenäht; danach 
geben sie wieder nach einem gewissen, von dem Muster, das sie bilden 
wollen, abhängigen Zahlgesetz die Kettenfaden fest zusammen, indem sie 
einen Faden herumwinden. Auf diese Weise erhalten sie Gitter mit 
starken Rändern, damit erlangen sie den Fond. Und nun guipuren sie, 
theils mit horizontal geführten Stichen stellenweise einen neuen Schuss 
einsetzend, der das Muster bildet, theils mit vertical geführten Stichen 
die einzelnen Gitter ornamentirend. 
Hier entstand die Guipurteclmik aus Mangel an Material; der 
durch das Ausziehen des Schusses gewonnene Faden wird verarbeitet 
und auf diese Weise der Trieb nach Schmuck befriedigt. In der kalten 
Zone und besonders am weissen Meere sieht man gar viele Stellen, wo 
schon im März und April Mangel desNothwendigsten an Nahrung, Klei- 
dung u. dgl. einreisst, die Hausthiere auf ihre Excremcnte, die Menschen 
auf Wasser und Brod wochenlang angewiesen sind, die Mädchen, wenn 
sie nähen wollen, auf das Ausziehen des Schussfadens, - bis die immer- 
während am Himmel stehende Sonne den Schnee und das Eis schmelzt, 
die Segel sich im Winde blühen und die Schiffer hinausziehen nach Nor- 
wegen oder nach anderen Stellen (Arcliangel), um die nothwendigen Pro- 
ducte, die nun schon seit Wochen entbehrt wurden, den Sehnenden zu- 
zuführen. 
Eine andere Frage ist gleichfalls interessant. Die geometrischen 
Ornamente sind ganz allgemein, die Stickerei gleichfalls, byzantinische 
Ornamentmotive hat man eingeführt: die Technik des Kreuzstiches, die 
sich nur für geometrische und stylisirte Ornamentik, nicht fiir natura- 
listische eignet -- kennt man nicht. Ist diese Technik zu kostspielig, 
die schon die alten Aegypter gekannt und geübt haben, oder - nahm 
die völlig traditionelle Kunstindustrie der Bewohner des weisseu Meeres 
ihren Weg von Ostasien her? Hiefür fehlt uns noch das Material zur 
Beurtheilung. 
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