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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1893 / 8)

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auch eine große Anzahl von Exemplaren ausgegossen werden_ Unerläss- 
lich waren hiebei gewisse Kunstgritfe, welche das genaue Zusammen- 
setzen und wieder Auseinanderlösen der Stückformen gestatteten. Ins- 
besondere galt dies und gilt noch gegenwärtig bezüglich des Kernstückes 
der hohl zu gießenden Gefäße, das aus zusamrnengefügten Keilen bestehend, 
sich stückweise aus dem Gefäßinneren entfernen lassen muss. Zum Gießen 
von Zinnl-iguren als Spielzeug oder von Reliefs auf Hachem Grunde werden 
die Formen von jeher in Schiefer geschnitten. 
Viel wurde schon darüber gestritten, ob die in höchster Zierlichkeit 
und Formvollendung ausgeführten reliefirten Zinngefäße als Originale 
oder als Ahformungen früher vorhandener Gold- und Silberarbeiten zu 
betrachten seien. Man wollte die letztere Eventualität hauptsächlich mit 
der Thatsache der gelegentlich vorgekommenen Einziehung der Edel- 
metallarbeiten in Verbindung bringen und mit dem hiebei zu Tage tretenden 
Bedürfnisse der Besitzer, sich wenigstens Abformungen solcher abzu- 
liefernder Objecte aufzubewahren. Die Frage der Richtigkeit einer solchen 
Anschauung ist wohl bald entschieden: Wohl mögen viele Abformungen, 
auch aus dem ebenerwähnten Anlasse entstanden, vorgekommen sein, 
aber die allermeisten und gerade die besten der plastisch verzierten Zinn- 
objecte erweisen sich untrüglich als selbständige Erzeugnisse und sind 
als solche auch leicht zu erkennen, da zwischen den Ausgüssen aus 
geschnittener Form und den Abformungen getriebener oder ciselirter 
Stücke ein nicht zu verkennender Unterschied besteht. Das Vorkommen 
solcher, den Arbeiten aus Edelmetall an Schönheit gleichkommender 
Zinnobjecte ist bis in das 15. Jahrhundert zurück nachweisbar. Der 
Nürnberger Johann Neudörfer berichtet in seinen vom Jahre 1547 
datirten Nachrichten von Künstlern und Werkleuten seiner Vaterstadt 
von dem Zinngießer und Pulvermacher Martin Harscher, dass er Alles 
was ein Goldschmied von Silber anfertigte, v-also rein von Zinn zuwege 
gebracht haben. Da Harscher 1523 in einem Alter von 83 Jahren starb, 
so gehört sicher ein Theil seiner Thätigkeit noch dem 15. Jahrhundert 
an. Auf die Feinheit seiner Arbeiten lässt allein schon die Wahl der 
Gegenstände, der Hoffebecher, deren immer mehrere ineinandergesteckt 
einen einzigen Becher bilden, der nMaigeleinu u. s. w. einen Schluss 
ziehen. Von den Zinnarbeiten des 15. Jahrhunderts sind verhältniss- 
mäßig wenige auf uns gekommen, doch können wir uns von ihrem Charakter 
im Allgemeinen um so eher eine genaue Vorstellung machen, als die Haupt- 
typen der spätgothischen Zinngefäße sich auch im 16. Jahrhundert noch 
erhalten haben, z. B. die vieleckigen Kannen, welche auf ihren Flächen 
oft gravirte Heiligenfiguren in Nischen zeigen u. dgl. m. - Solche poly- 
gone Gestaltung, sowie die später vorkommende Anordnung gewundener 
convexer Cannelirungen wurde allem Anscheine nach durch Repoussiren des 
ursprünglich drehrunden Gefäßbauches hervorgebracht, wenigstens ist ein 
solches Verfahren bei sehr vielen Objecten mit Sicherheit nachzuweisen.
	        

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