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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / 1, 2 und 3)

 
TÜRKISCHE DEKORATIONSKUNST so von 
HEINRICH GLUCK-WIEN so- 
IE islamische Kunst ist wie die christliche keine ein- 
heitliche, insofern sie sich auf die verschiedensten 
Kulturgebiete erstreckt und von den verschieden- 
sten Volkselementen getragen wird. Von diesen 
Volkselementen hat man zuerst das arabische als 
das maßgebende und geradezu allein ausschlag- 
gebende für die islamische Kunst erkennen wollen, 
von ihm erhielt sie zuerst ihren Namen. In letzter 
Zeit hat man begonnen, auch dem Persischen eine 
maßgebliche Rolle bei der Bildung und Entwick- 
lung dieser Kunst zuzuerkennen. Das Türkische 
wurde bisher kaum beachtet, obwohl schon die äußere politische Geschichte 
der islamischen Völker einen Fingerzeig für dessen Bedeutung hätte abgeben 
können." Bis in unsere Zeit mochte da die Vorstellung von der großen Gefahr 
nachwirken, die die Türken einst für Europa bedeuteten, derzufolge man 
sie zu einem unkultivierten Barbarenvolke stempelte und ihnen jede eigene 
schöpferische Kraft absprach, ihre Kunst höchstens als ein Sammelsurium 
der verschiedensten fremden Elemente gelten ließ. Aber haben nicht auch in 
Kunstepochen, die uns näherstehen, wie etwa in der italienischen Renaissance, 
die verschiedensten Ströme zusammengewirkt, ohne daß sie eine Einheitlich- 
keit vermissen ließen, deren Grundlage und Wert eben in dem einheitlichen 
volklichen Träger liegt, der das Verschiedenartige zu einem Neuen zusammen- 
faßte un'd umgestaltete? Und wenn Jakob Burckhardt, der große Geschicht- 
schreiber der Renaissance, sagt: „Ein wahrhaft reiches Volk wird dadurch 
reich, daß es von andern vieles übernimmt und weiterbildet", so sind die 
Türken keineswegs die letzten, von denen dieses Wort zu gelten hat. Denn 
schon an ihren Stammsitzen inmitten der asiatisch-europäischen Welt, an dem 
goldreichen Altaigebirge, trafen sich die drei größten Kultursphären, die ost- 
asiatische, die indische und die westasiatisch-europäische. Und nicht weniger 
waren es ihre Schicksale, als sie aufbrachen, um fremde Gebiete zu erobern, 
die sie zu Vermittlern der verschiedensten Kul- 
turen, zu einer internationalen Aufgabe in wei- 
testem Sinne beriefen, zugleich aber auch im 
Kampfe mit diesen Kulturen ihre nationale Eigen- 
art immer wieder kräftigen und bewahren ließen. 
1. ALTAIISCH-TÜRKISCHES. 
Die älteste Kunst der Türken steht im Zei- 
chen jener Volksmassen, die im Gegensatze zu 
" Nur Georg Jakob hat die Rolle der Türken nachdrücklicher Abb. i. Goldtier aus Sibirien 
betont. Siehe „Der Islam", Band I, Seite 64 lT. (Petersburg, Eremitage) 
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