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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XIV (1879 / 160)

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Die Zeit, die Gönner dieser originellen Kunstindustrie, die Auftrag- 
geber glaubte man also ermittelt zu haben. Aber wer hatte die Gefässe 
componirt, modellirt, incrustirt u. s. w.? Ein einziges Stück, eine Schüssel 
im Besitz des Kensington-Museums, weist eine Markey auf, die aber 
keine Aufklärung gewährt; gewöhnlich wird dieselbe für ein Blatt oder eine 
Blume angesehen, doch gleicht sie auch, umgekehrt, einer Casquette mit 
einer Feder; endlich kann sie aus verschiedenen Buchstaben zusammen- 
gesetzt sein, so etwa, dass das Ganze ein Schild mit den Charakteren 
J und V wäre. Die Faience Henri lI. steht so vereinzelt da, wie die 
Palissywaare, so dass man von jeher geneigt war, sie bis in die Werk- 
stätte eines einzelnen hervorragenden Künstlers zu verfolgen, der von 
Haus aus wohl schwerlich Hafner gewesen sein möge. Und da an einigen 
Stücken auch Eidechsen und ähnliches Gethier in plastischer Abforrnung 
angebracht sind, ähnlich wie am Palissygeschirr, da hier und da auch 
Schmelzfarben vorkommen, welche an Palissy's Palette mahnen. so dachten 
Manche daran, diesem Künstler auch das Henri II. zuzuschreiben. Aber 
abgesehen von der gründlichen Verschiedenheit in den Formen und der 
Decoration beider Gefässgattungen konnte diese Version schon deshalb 
wenig Glauben finden, weil in Palissy's Schriften auch nicht die leiseste 
Andeutung vorkommt, welche auf jenes andere Genre bezogen werden 
könnte. 
Die cigenthümlichen Arabesken, welche an den meisten Exemplaren 
als Flächenverzierung erscheinen, liessen früher auf die Hand eines Gold- 
schmiedes rathen und natürlich schwebte, wie stets, wenn von Gold- 
schmiedearbeit aus der Zeit der Renaissance die Rede ist, der Name Ben- 
venuto Cellini auf den Lippen. Gegen die Autorschaft des Meisters selbst 
war freilich einzuwenden, dass er in seiner Redseligkeit und Ruhmredig- 
keit sicherlich nicht verabsäumt haben würde, von solcher Thätigkeit 
Kunde zu hinterlassen. So liess man denn einige seiner Schüler zu dem 
Zweck in der Keramik dilettiren, ohne dass hiefür ein Beweis beizubringen 
wäre. Andere dachten an ein Mitglied der Familie della Robbia, Girolamo, 
welcher für des Königs Franz l. Lustschloss Madrid im Boulogner Walde 
gearbeitet hat. Zu dieser Hypothese kam Henri Delange, welcher 186i die 
meisten bekannten Stücke in Farbendruckcopien publicirte; nur gesellte 
er nach dem Vorgange Emile Vattiers 3), eines Künstlers, welcher für 
Sevres gearbeitet hatte, dem Thonplastiker della Robbia den berühmten 
Schriftschneider, Buchdrucker und Maler Geoffroy Tory zu, denn Vattier - 
und darin bewies er einen schärferen Blick, wurde durch die erwähnten 
Arabesken mehr an Buchdruck- und Buchbinder- als an Goldschmiedever- 
zierungen erinnert. Die Uebereinstimmung mit den aus Bandverschlin- 
gungen und Ranken combinirten Verzierungen der gleichzeitigen, soge- 
nannten Groliefschen Einbände ist allerdings frappant. Noch andere und
	        

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