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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 9)

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schon in der ältesten Zeit zwei Hauptarten von Ohrgehängen, solche, 
welche aus zarten, beweglichen Gliedern gebildet, lang herabhängen, 
offenbar für festliche, feierliche Gelegenheiten bestimmt, bei denen Jeder 
sich nur ein gewisses Maß von Bewegung gestattet, und andere, welche 
klein und zierlich gebildet, sich bis zum Ringe, ja bis zum Knöpfchen 
vereinfachen, so dass schließlich der Charakter eines Behanges ganz ver- 
loren geht und iene unter Umständen unerwünschte Rückwirkung auf 
das äußerliche Verhalten des Menschen nicht mehr in Betracht kommt. 
Unter den_Funden Schliemann's in Hissarlik, also schon in vor- 
homerischer Zeit, erscheinen Gehänge, welche aus fünf bis sechs zier- 
liehen, mit Schuppen bedeckten oder mit Perlen versetzten Kettchen 
bestehen, an deren Enden bliithenförmige Anhängsel sich befinden, und 
die oben an einem verzierten Plättchen befestigt sind, welches sich an 
das Ohrläppchen anschließt und in einen Dorn ausläuft "). Einige der- 
selben sind mehr als 20 Centitneter lang, so dass deren Enden auf den 
Schultern lagen, die gewöhnliche Länge beträgt jedoch 8-10 Centimeter, 
Aehnliche Ohrgehänge wurden in Gräbern aus späterer Zeit nicht gefunden; 
aber nicht allein das dabei zur Geltung kommende Princip des leichten, 
beweglichen Behanges, sondern auch speciell diese Form scheint nicht 
ganz außer Gebrauch gekommen zu sein, da eine Anzahl von Fragmenten 
aus späterer Zeit vorliegt, welche uns nur den oberen festen Theil, der 
sich um das Ohrläppchen legt, versehen mit Oesen, die einst das Gehänge 
trugen, repräsentiren. lndess scheint es, als hätte dieser obere Theil, der 
Ansatz des eigentlichen Gehänges, auch eine eigenthümliche, selbständige 
Entwickelung durchgemacht, wenigstens liegt es nahe, die sonst schwer 
zu motivirende Form der sogenannten vorecchini a bauleu, deren das 
Museo Gregoriano und die Eremitage in Petersburg so prächtige Stücke 
bewahrt, aus einer selbständigen Ausbildung dieses Ansatzes abzuleiten. 
- Zu imposanter Form, zu einem schier königlich zu nennenden Ge- 
schmeide hat sich das schwere, lange Gehänge bei einigen Schmuck- 
stücken entwickelt, welche in der Krim gefunden wurden, im Allgemeinen 
ist aber die Zahl leichter Ohrgehänge von kleinen Dimensionen die weitaus 
überwiegende. Ueberblicken wir hier die große Anzahl von Formen, so 
zeigt sich die einfache Ringform nicht allein als die ursprünglichste, 
sondern auch als jene, aus der zahlreiche andere Formen hervorgegangen 
sind. Wie selbst schon der einfache Ring zum künstlerisch vollendeten 
Schrnuckgegenstand umgebildet wurde, zeigen bereits die ältesten Funde. 
Endigte der nicht ganz geschlossene Ring nach vorne knopfförmig, so 
finden wir in der Regel Thierköpfe, wie Löwen, Widder u. dgl., oder 
Menschenköpfe hier angebracht. Ein weiterer Schritt in diesem Formen- 
schema, der ebenfalls schon in sehr früher Zeit gemacht wurde, war es, 
wenn das Köpfchen sich zur ganzen Figur ausbildete. Meist ist es dann 
') Schliemann, 
llios, Nr. 812., 769, 770 u. A.
	        

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