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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 85)

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Das llalerdorf Reichenau in Böhmen. 
Die Aufmerksamkeit der Freunde der kunstgewerblichen Hausin- 
dustrie wurde insbesonders durch die Bemühungen des Herrn Schulin- 
spectors Maresch und Prof. Tobisch auf_die Malercolonie in Reichenau 
in Böhmen gezogen. Wir theilen in unserem Berichte einige Daten aus 
den Berichten des Prof. Tobisch mit. - Im Dorfe Reichenau bei Gablonz, 
welches ca. 400 I-Iäuser mit über 2800 durchweg deutschen Einwohnern 
zählt, wird das Malergewerbe, wie der Secretär der Reichenberger Han- 
delskammer sich persönlich überzeugt hat, äusserst schwunghaft betrieben. 
Der Ursprung desselben ist in der dort ebenfalls betriebenen Dosenfabri- 
cation zu suchen , welche vor ca. x00 Jahren von Johann Schössel in 
Reichenau eingeführt wurde. Um das Jahr 1790 fing man dann an, die 
Dosen mit allerhand Bildern zu bemalen, und um das Jahr 1839 wurden 
dann auch Bilder mit Oelfarbe erst auf Blech, später aber auch auf Lein- 
wand gemalt. Diese Bilder waren anfangs freilich nur klein und kunstlos 
ausgeführt, allmälig aber entwickelte sich unter den Bewohnern ein merk- 
würdiges Talent und eine ausserordentliche natürliche Anlage, so dass 
heute Bilder in allen Dimensionen bis zu den grössten Altarblättern ge- 
malt werden, meist Heiligenbilder, Stationsbilder für Kreuzwege, Altar- 
bilder für Kirchen u. s.w., doch auch Landschaften und Genrebilder, die 
einen bedeutenden Absatz finden. 
Es arbeiten gegenwärtig in Reichenau ca. 80 Maler und 30 Male- 
rinnen nebst über 50 Lehrlingen; ferner beschäftigen sich ca. 30 Personen 
blos mit dem Grundiren der Leinwand, eben so viele mit Farbenreiben 
u. s. w. 
Der Absatz der Bilder 1st meist nach Wien, dann direct nach Ga- 
lizien, Russland (namentlich viele für griechische Kirchen), Italien, Spa- 
nien, Ungarn, nach der Schweiz u. s. w., und es kommen durch dieses 
Gewerbe jährlich ca. 60.000 II. Silber, nur an Arbeitslohn, nach Reichenau. 
Die Dosenfabrication beschäftigt in Reichenau ca. 50 Personen; es 
werden wöchentlich 700 bis 800 Dutzend Dosen erzeugt, und bringt diese 
Industrie ca. 30.000 fl. Arbeitslohn in's Land. 
Noch umfangreicher wird die Glasquincaillerie betrieben. Dieselbe 
ist schon seit länger als 200 Jahren in Ausübung, beschäftigt über 200 
Personen und erzeugt meist Faßsteine, Brechen, Ohrgehänge, überhaupt 
imitirte Schmucksachen; der Absatz geht grösstentheils direct nach Eng- 
Iand, Frankreich und Amerika. ' 
Der Verdienst an Arbeitslohn durch diese Industrie übersteigt jähr- 
lich 60.000 H. Silber. 
lm Zusammenhange mit der Glasquincaillerie steht die Gürtlerei, 
welche die Fassung der erzeugten Glasschmucksachen in Tomback, Mes- 
sing u. s. w. herstellt. Diese beschäftigt ca. 15 Familien und verdient 
gewiss auch 10.000 fl. Silber.
	        
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