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Volltext: Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 48)

den Apostel Paulus dar (Zirbelholz; je 173" 48 cm). 
Eduard von Grützner, der einst so geschätzte Münchener 
Maler, hat sie wie die meisten Objekte seiner umfüng- 
liehen Sammlung im Alpenraum erworben. Mehr ist 
nicht bekannt. Lange hingen sie in seinem schönen Haus 
am Gasteig. bis sie mit dessen reichern Inventar im 
Juni 1930 bei llelbing in München unter Nummer 250 
des Kataloges als tirolisch versteigert wurden. 
Die dicken, schweren Gewänder, in die die lleiligen ge- 
kleidet sind, umschließen die hohen Gestalten knapp. In 
kühnen, steilen Kurven sind die Säume geführt, spitz 
laufen sie an den Füßen zusammen, und schwer schieben 
sich dic Stoffmassen dazwischen zu drängenden, knorri- 
gen liigurationen zusammen. Diese Stilisierung der Fal- 
ten gibt den Figuren ein herbes und zugleich kraft- 
volles Aussehen, zu dem die ernste Mimik der knochigen 
Gesichter vorzüglich stimmt. Da fassen wir es, was man 
als alpenländisch bezeichnen darf. Es ist gewiß nicht die 
einzige Eigentümlichkeit, sicherlich aber ist es eine der 
wesentlichen, schöpferischen Komponenten in der öster- 
reichischen gotischen Malerei. 
In Wien, aber auch in Wiener Neustadt, in Steiermark 
und in Salzburg entwickelten Werkstätten und Maler 
im 15. Jahrhundert mitunter einen sehr gepflegten, höfi- 
sehen Stil. Man bedient sich heute gern dieser Bezeich- 
nung, weil er in einigen höfischen Zentren in Burgund 
und Frankreich, in Böhmen und Oberitalien zuerst ent- 
wickelt und gepflegt worden ist. Aber im weiteren war 
er keineswegs nur eine Angelegenheit der Höfe. In Prag 
geschulte Meister brachten ihn im späteren 14. jahr- 
hundert nach Wien. Seine elegantesten Zeugnisse stehen 
am Bischofs- und am Singertor von St. Stephan. Daneben 
waren auch französische und italienische Maler damals 
in Wien tätig, und umgekehrt müssen die einheimischen 
Künstler weite Gebiete des künstlerischen Europas 
durchwandert haben, bevor sie, zurückgekehrt, sich nie- 
derließen. Anderwärts findet sich eine sehr elegante An- 
betung der Könige im Kreuzgang zu Brixen, finden sich 
Werke des internationalen Stils in Bozen, in der Steier- 
mark. Die habsburgischen Lande waren, obwohl noch 
weit entfernt, Herzstück einer Weltmacht zu sein, schon 
damals sehr europäisch orientiert. 
Unnötig zu betonen, daß jede der alten österreichischen 
Landschaften, die noch heute in Art und Eigenart unser 
Entzücken sind, in den Mal- und Schnitzwerken eine 
durchaus eigenständige Sprache gepflegt hat. Sie er- 
wuchs aus bodenständigen Traditionen und Bedingnissen 
und ebenso sehr aus Anregungen und Strömungen, die 
sich aus der Nachbarschaft mit südlichen und westlichen 
Kulturriiumcn ergaben. Die Malerei Kärntens, selbst die 
Kunst des großen Thomas von Villach, verdankt dem 
adriatischen Italien wesentliche Züge. Salzburg erscheint 
nach dem Ausbruch der Hussitenkämpfe wie eine böh- 
mische Sekundogenitur. Die Malereien oberösterreichi- 
scher Werkstätten lassen oft einen starken bajuwari- 
sehen Einschlag erkennen, was nicht verwundern darf, 
gehörte doch das lnnviertel zum Herzogtum Bayern. Und 
die österreichischen Vorlande waren eine bedeutsame 
Brücke zum Westen. Ebenso viel gibt es Gemeinsames. 
Es findet sich, wie es nicht anders sein kann, mit sehr 
unterschiedlichem Gewicht und wechselnd im Wandel 
der Generationen. Seine Konstanz ist zugleich Varia- 
tion. 
Diese (iberlegungen bewegten uns, als uns nach einigen 
jahrzehnten die einleitend besprochenen Tafeln wieder 
zu Gesicht kamen. Sie überraschten uns in ihrer 
Kraft und Ursprünglichkeit. Naturhaft, wie gewachsen 
erscheint ihre Form. Jedes Detail ist geladen mit pla- 
stischen Energien. Und höchst bewußt hat der Meister 
die Gestalten der Heiligen stilisiert. Im Großen sind 
sie spiegelverkchrt einander gleichformig, in entspre- 
chender Weise streben sie steil empor, neigen sie sich 
einander zu. Die Gebärden der Hände mit dem Kelch 
bei dem einen, dem Buch bei dem anderen, wirken wie 
eine verbindende Horizontale. Mit sparsamen Mitteln ist 
eine packende Komposition gegeben. Sie ist das Gegen- 
teil von lieblich und freundlich, auch elegant kann man 
sie nicht nennen, vielmehr wird die Form als herb und 
streng zu charakterisieren sein, und vielleicht ist der 
Ausdruck der Gesichter eher verschlossen, wie auch 
immer: groß und machtvoll erscheinen die Bilder ganz 
gewiß. Dies aber und die kraftvolle, feste Plastizitiit, die 
- wir sagten es schon - urwüchsig und naturhaft wirkt, 
dürfen als spezifisch alpenländische Eigenschaften ange- 
sehen werden. 
Wenn sich das Alpenländische bei Michael Pacher mit 
der Großartigkeit Andrea Mantegnas verbindet, steigt 
es zu edelster Monumentalität empor. Die Rezeption 
ferraresischer Kunst führte bei Friedrich Paeher hin- 
gegen zu einem spätgotischen Manierismus höchst selt- 
samer Expression. Durchwandert man den Brixencr 
Domkreuzgang, erlebt man das Alpenländische in man- 
nigfachen Variationen. Bei Simon von Taisten erscheint 
es burlesk, die Passionsbilder in Brixen spiegeln es rea- 
listisch erregt. Der Schattierungen sind viele. Da, im 
Brixener Domkreuzgang, hat auch ein steirischer Maler. 
jakob von Seekau, gearbeitet. Wir wissen nicht, an wel- 
chen Fresken er beteiligt gewesen ist, immerhin darf cr 
in diesem Zusammenhang genannt werden, umreißen 
seine llerkunft und der Ort seines Wirkens doch sehr 
anschaulich den Raum, in dem uns das Alpenländische 
sonderlich vorzüglich begegnet. Auch vor salzbur- 
gischcn, bayerischen oder oberösterreichischen Arbeiten 
ist von ihm zu sprechen, seine besondere Heimat aber 
waren zweifellos die drei Alpenlandschaften Tirol, Kärn- 
ten und Steiermark. Sie rechtfertigen die Bezeichnung 
der angedeuteten Eigenschaften als alpenländisch. Und 
hier sind auch die beiden Tafeln entstanden, um derent- 
willen wir hiervon sprachen. 
Sucht man ihre Heimat genauer festzulegen, möchten 
sich Tirol und Brixen vor allem anbieten; die Beziehun- 
gen bleiben im allgemeinen. Dagegen findet sich in der 
steirischen Malerei Nächstverwandtes. In der Landes- 
bildergalerie des Grazer Joanneums hängt ein Altar- 
flügel, der - aus St. Oswald am Tauern bei judenburg 
stammend - außen den Gabriel einer Verkündigung, 
innen den hl. Oswald darstellt. Der Kopf zeigt denselben 
knochigen Typus, eine kräftige, breitrückige Nase, be- 
tome Backenknochen, festes Kinn, im Kolorit dominie- 
ren ebenfalls grüne, braune und rötliche Töne. Wich- 
tiger noch: das Alpenländische erscheint in dieser ein 
wenig derbknochigen, aber höchst imposanten Gestalt, 
in ihrer kraftvollen Haltung und in der straffen Führung 
der Mantelsäume in ganz gleicher Weise interpretiert. 
Den hLOswald darf man um 1440 datieren, die beiden 
Flügel aus der Sammlung Grützner dagegen schon um 
1460. Dürfen wir in ihnen die spätere Reifestufe des Mei- 
sters der Oswald-Tafel erkennen? Schon dieses Bild ist 
eine meisterliche Leistung, in den beiden Heiligen aber 
scheint sein Können zu letzter Konzentration gebracht 
zu sein. Der Maler war Realist und Ausdruckskünstler 
zugleich. Beides verband sich in seinem Formerlebnis 
zu einer plastisch eminent großartigen Gestalt. Er beließ 
den Gewändern die Schwere. Drängend falten sie sich. 
Ernst, verhalten ist der Ausdruck der Gesichter. Und wie 
wäre das feine Gefühl für Stilisierung zu verkennen? Das 
Alpenländische spricht in einer fesselnden, männlichen 
Tonlage zu uns. 
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