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Volltext: Alte und Moderne Kunst VII (1962 / Heft 58 und 59)

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platte steht eine Jahreszahl, die 
7 unsere Kenntnis der mittelalter- 
lichen „4" voraussgesetzt K als 
1473 zu lesen scheint. An der 
unteren Standplatte liest man: 
„Opus S. Thiemonis A(rchi) E(pi- 
scopi) Sal(zburgensis) + 1101". 
lm Mittelalter wurde häufig die 
5 so ähnlich geschrieben, wie 
wir heute die 7 schreiben; die 
Forschung, die das Werk er- 
sichtlich nicht auf 1473 datieren 
konnte, hat daher bevorzugt, die 
„7" als „5" zu lesen und mit der 
Lesart „1453" die Inschrift über- 
haupt für das XVerk zu retten. 
Mit Mühe und nicht ohne Beden- 
ken hat Pinder (1929) im Hand- 
buch der Kunstwissenschafr der 
I.esart 1453 vor einer Entstellung 
etwa aus 1373 den Vorzug ge- 
geben und den Charakter des 
Weichen Stils in dieser Figur, 
ihre Ähnlichkeiten zum 14. Jahr- 
hundert als Reduktion und Nach- 
klang, als teilweise Wiederauf- 
nahme des Weichen Stils in der 
unsicheren Auflösungszeit des 
mittleren 15. Jahrhunderts ge- 
deutetß). Für eine Zeit, in der ein 
Gefühl für die besondere Charak- 
teristik des 15. Jahrhunderts in 
der deutschen Bildhauerkunst - 
und zwar eben durch Pinder - 
erstmals entwickelt wurde, mochte 
eine solche Deutung wohl mög- 
lich erscheinen. Allein heute kann 
sie gar nicht mehr befriedigen, 
und man muß Springer zustim- 
men, der die Inschrift gänzlich 
verwirft. Denn tatsächlich ist die 
Lesart 1453 epigraphisch unzuläs- 
sig und die Lesart 1473 kunstge- 
schichtlich unmöglich. Die ln- 
schrift wird aus Lettern in schwar- 
zer Ölfarbe gebildet, die über 
schwachen Meißelspuren stehen, 
die ihrerseits wohl wieder an 
die Stelle einer gemalten Jahres- 
zahl getreten sindq). Die unterhalb 
der Jahreszahl befindliche Bei- 
schrifr ist barock und ihrem Cha- 
rakter nach völlig legendär w 
nämlich eine Zuschreibung des 
Werkes an einen Salzburger Erz- 
bischof des Frühmittelalters! Of- 
fenbar ist bei dieser Gelegenheit 
im Barock - das legt auch der 
Stilcharakter der Ziffern nahe -- - 
die Jahreszahl nach nicht mehr 
zureichend erkennbaren Resten 
erneuert worden, und zwar -- 
wie es scheint - falsch. Der 
Versuch, auch nur einzelne dieser 
apokryphen Ziffern noch verwen- 
den zu wollen, ist aussichtslos 
und kann höchstens zur Quelle 
für gefährliche Fehldeutungen 
werden. Zur Datierung sind wir 
also ausschließlich auf stilistische 
(icsiclatsjuunkte angewiesen. 
Nun ist die Großgrnainerin kein 
beliebiges Werk des Gußstein- 
Bezirkes. Mit 140 cm Höhe über- 
trifft sie noch die Maria Saul 
und ist, dank der Wucht ihrer 
körperlichen Erscheinung, die im- 
posanteste der Gußsteinmadon- 
nen überhaupt. „XYuchW ist nun 
freilich keine typische Eigenart 
der Schönen Madonnen. Und so 
ist die Frage in der Tat durchaus 
berechtigt, 0b dieses Viferk -- 
das in der Blütezeit des Wfeichen 
Stils kaum verankert werden kann 
W vielmehr an dessen Anfang 
oder Schluß gehöre. Sosehr auch 
die Beurteilung der stilistischen 
Stellung wie die der Qualität des 
Werkes durch die neuzeitliche 
Bemalung gestört wird, so scheint 
mir doch, daß man hier keine 
Symptome einer Auflösung des 
Weichen Stiles entdecken kann. 
Sie können sich ja durchaus ver- 
schieden äußern: als Verhärtung 
oder Aufweichung, in Knittrig- 
keit oder Lappigkeit. Nichts von 
alledem aber zeigt sich in der 
Figur. Das schwellende Volumen, 
die pralle Plastizität, der energische 
Faltenverlauf lassen vielmehr eine 
Kraft verspüren, mit der sich 
Pinders Annahme einer Reduk- 
tion nicht vereinbaren läßt. Ohne 
die unglückliche Inschrift wäre 
ja wohl auch kaum jemand auf 
den Gedanken gekommen, die 
Äladonna in die zweite Hälfte 
des 15. Jahrhunderts zu datieren. 
Dem Typ nach scheinen die 
Pilsener Madonna und die Ma- 
donna Colli der Großgmainerin 
am nächsten zu stehen. Eine 
Reihe von Unterschieden ist je- 
doch charakteristisch. Anders ist 
zunächst, wie schon gesagt, die 
Haltung des Kindes; spürbar un- 
terschiedlich ist die räumliche 
Beziehung innerhalb der Figur, 
da Mutter und Kind in Groß- 
gmain einander stärker zugewen- 
der sind 1 wenn auch nicht 
so stark wie bei der Thorner 
Madonna, mit der die Schräglage 
des Kindeskörpers aber trotz an- 
derer Motivierung völlig über- 
einstimmt -, während die Ma- 
donna Colli das Kind in steifer 
Lage frontal nach außen hält. 
Infolge der anderen Lage des 
Kindes greift die Rechte Mariens 
ziemlich weit vor den Leib und 
zieht damit die über ihren Arm 
fallende Kaskade mit herum. Da- 
mit verbindet sich eine leichte 
Körperdrehung, durch welche die 
schmal - dreieckige Faltenpartie 
rechts zur Seite und etwas nach 
rückwärts weggedrängt wird. Dies 
hiotiv ist in Pilsen ähnlich ge- 
bracht, während bei der hlntlunnzt 
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