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Volltext: Alte und Moderne Kunst XII (1967 / Heft 94)

Als die ersten Anregungen zur Plakat- 
gestaltung in den achtziger Jahren nach 
Böhmen gelangten, trafen sie auf eine von 
Pmvinzialismus und Rückständigkeit ge- 
kennzeichnete allgemeine Situation. Nur 
auf kulturellem Gebiet, wo noch die Energie 
der Generation des Nationaltheaters l weiter- 
wirkte, bestand eine entsprechende Auf- 
nahmsbereitschaft, um als Voraussetzung 
für die späteren künstlerischen Leistungen 
zu dienen. Daher waren auch die ersten 
guten Plakate für kulturelle Veranstaltungen 
bestimmt, während die übrigen, wirtschaft- 
lichen Zwecken dienenden Ankündigungen, 
ohne künstlerische Bedeutung waren. Eine 
Situation übrigens, die Böhmen mit vielen 
Ländern Mitteleuropas gemein hatte. In der 
Flut der kommerziellen, als Blanko ge- 
druckten und verschiedentlich importierten 
und exportierten Afiichen erschienen die 
ersten Plakate mit künstlerischen Ambitio- 
nen erst um die Mitte der neunziger Jahre, 
als sich Graphiker und Maler ihrer an- 
nahmen und ihnen im Rahmen ihres künst- 
lerischen Interesses einen breiten Platz 
einräumten. Am stärksten wurden dabei 
die tschechischen Künstler von Paris in- 
spiriert, wo sich die meisten von ihnen zum 
Studium aufhielten und in den Leistungen 
von Toulouse-Lautrec, Grassct und Stein- 
lcn die höchsten Leistungen der französi- 
schen Plakatkunst kennenlernten 1. 
Um die Jahrhundertwende gaben dann 
mehrere bedeutende, auch gesellschaftliche 
Ereignisse den unmittelbaren Anlaß zur 
Entwicklung der Plakatgestaltung, die vor 
allem in Prag, dem Zentrum tschechischer 
Kultur, bald mit dem übrigen Europa 
Schritt zu halten verstand. Zu den ersten 
Plakaten, deren künstlerischer Rang zum 
Teil bereits mit gegenwärtigen Maßstäben 
gemessen werden kann, gehören die von 
Voitech Hynais (1854-1925) entworfenen 
Blätter für die Prager Jubiläums- (1891) und 
für die Ethnographische Ausstellung (1895), 
obwohl sie noch der traditionellen Auf- 
fassung einer komplizierten Bildkompo- 
sition ohne vordringlichen Propaganda- 
effekt folgen. 
Wirklich vielversprechend für die weitere 
Zukunft wurde aber erst das von Viktor 
Oliva (1861-1928) entworfene Plakat für 
die Zeitschrift „Zlatä Praha" aus dem 
Jahre 1898, dessen von fast französischer 
Grazie gekennzeichnete Noblesse leider von 
dem zwar zeitgenössischen, aber typo- 
graphisch unkultjvierten Text etwas ver- 
dorben wurde. An das französische Beispiel 
Lautrecs knüpfte auch der in Paris be- 
wunderte Künstler Ludek Marold (1865 bis 
1898) an, dessen Erfolg aber eher auf ober- 
flächlichern gesellschaftlichem Charme und 
erstaunlicher handwerklicher Virtuosität 
basierte. 
Die eigentliche Entwicklung des tschechi- 
schen Plakates aber beruhte nicht auf diesen 
Vorkämpfcrn aus den älteren Jahrgängen, 
sie sollte erst von dem neugegründeten 
Verein der tschechischen bildenden Künst- 
ler, „Manes" (1887), ausgehen, der die 
bisher zersplitterten schöpferischen Kräfte 
30 
der Generation der neunziger Jahre in dem 
Bestreben, „die Fenster nach Europa zu 
öffnen", vereinte. Das ausgeprägt fort- 
schrittliche Programm des Vereines be- 
währe sich in vielen Richtungen; am durch- 
greifendsten vielleicht gerade auf dem 
Gebiete des „m0dern" aufgefaßten Plakates. 
Es ist bezeichnend, daß auch andere be- 
deutende Ereignisse der bildenden Kunst 
um die Jahrhundertwende mit der Tätigkeit 
des Vereines „Manes" im Zusammenhang 
standen und fast kein einziges bedeutendes 
Plakat bis zum Jahre 1914 außerhalb dieses 
Rahmens entstand. Häufige interne Ver- 
einswettbewerbe für Plakate eigener Aus- 
stellungen, gut fundierte, kluge Kritiken in 
der Vereinszeitschrift „Volne smery" 3 bil- 
deten eine günstige Atmosphäre für die 
jungen Künstler, welche in ihrem Verein 
nicht nur einen großzügigen, verständnis- 
vollen Mäzen, snndern auch einen Ratgeber 
und ideellen Führer fanden. Ohne die frucht- 
bare Inspiration des Vereines „Mänes" gäbe 
es kein „modernes" tschechisches Plakat 
mit seinem hohen künstlerischen Niveau 
und seiner eigenartigen Originalität. 
Wenn wir in der Generation der neunziger 
Jahre den Begründer des tschechischen 
Plakates suchen, müssen wir neben Jan 
Preisler vor allem Arnost l-lofbauer (1869 
bis 1944) nennen, einen typischen Künstler 
seiner Zeit und einen der Hauptorgani- 
satoren des Vereines „Mänes" und seiner 
Zeitschrift „Volne smöry". Viele seiner 
Plakate sind damit verbunden, und wir 
können sie zu den Grundlagen dieses 
Genres in Böhmen zählen. Hofbauers 
Bedeutung lag vor allem darin, daß er das 
Spezifische des Plakates als die Einheit von 
künstlerischer Absicht und propagandisti- 
sehem Zweck definierte, wobei das Thema 
durch entsprechend künstlerische Mittel 
in vereinfachter Komposition, befreit von 
dekorativem und literarischem Ballast, zum 
Ausdruck gebracht wurde. Der Künstler 
verstand es, seine Plakate mit Hilfe des 
zeitgemäßen Arrangements, mit viel Witz, 
mit allegorischen Anspielungen und sug- 
gestiver Mitteilsamkeit auszustatten. In der 
lapidaren Abkürzung knüpfte Hofbauer 
vielleicht am stärksten an die japanische 
Graphik an, ohne dabei die Erfahrung seines 
Pariser Aufenthaltes zu vergessen. Einen 
Höhepunkt dieser seiner Tätigkeit bildet 
das Plakat für den Rezitationsabend der 
berühmten tschechischen Schauspielerin 
Hana Kvapilova (1899), welches mit seiner 
ausgewogenen Noblesse, der melodischen 
Poesie und modernen Auffassung zu den 
besten tschechischen Plakaten überhaupt 
gezählt werden kann. 
Es war von schicksalhafte: Bedeutung für 
die tschechischen Plakate, daß sie parallel 
zu den malerischen und graphischen Arbei- 
ten ihrer Schöpfer entstanden und daher 
analogen künstlerischen Tendenzen folgten. 
So entstammen also auch den Händen des 
begabtesten Künstlers der Jahrhundert- 
wende, Jan Prcisler (1872-1918), die 
besten Plakate, die alle für Zwecke des 
Vereines „Mänes" entstanden, an dem der 
Ludäk Marcld, Thealerplakal, Farblilhographic. 121,5 x 
sx cm, was 
Amoät Hofbaucr, 111m: für "Topiöüv Salon", I. Aus- 
ätseälgung svu Mäncs, Farblithogmphic. 106.5 x 78,5 m, 
Amoät Hofbaucr. Plakat an „Topicüv Salon", n. Aus- 
sltäälsung svu Mäncs, Farblithographic, 105x76 m, 
Amok Hofbaucr: 111mm m: einen Rczimtionsabend der 
Schauspielerin Hana Kvapilovä. Fnrblirhogrzphic 10m 
15 cm, 1m 
1m Preisler. Plakat an die Ausstellung "Modemc mu- 
zösischc Kunst", v. Ausstellung svu Mäncs, Farb- 
lithographie, 90x60 Cm, 1902 
ANMERKUNGEN 173 
l Der Bau des Nationaltheaters in Prag (185071883) kam 
durch opfetfreudige nationale Sammlungen zustande. Es 
wurde zur großartigen Manifestation der nazinnalcn Wie- 
dergehurl und des Kampfes uln die natiunale Selbständig- 
keit. Die an der künstlerischen Ausschmilckung des Ge- 
bäudes beteiligten Künstler werden unter dem Bcgrilf 
"Generation des Nationaltheaters" zusalllmcngefaßt. 
1 Wien und München waren trotz zahlreicher traditioneller 
Verbindungen mit Böhmen nicht an der Entwicklung des 
dortigen seztssionistischen Plakate: beteiligt. obwohl die 
Entfaltung dieses Genres von den böhmischen Künstlern 
aufmerksam verfolgt und kommentiert wurde. 
1 "Volne smery" (1896 ge iindut) war die bedeutendste 
Zeitschrift. welche der bdäimischen bildenden Kunst um 
die jahrhunderttwcndc die Richtung wies und nicht nur 
die Verbindung zum Ausland vermittelte. sondern auch 
neu entstehende fortschrittliche Kunstansdlauungen Rit- 
dme. Sie verfolgte ähnliche Tendenzen wie die englische 
Zeitschrift „The Studio" oder die Wiener Zeitschrift 
„Ver sacrutn".
	        

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