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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXVII (1982 / Heft 183)

Herbert Giese 
Aspekte des Wiener Kunst- 
gewerbes um 1900 
Dualismus als Prinzip 
lgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Wiener 
lewerbederZeitvon 1901 bis 1907. DerZeitraum 
ründet in den Flandillustrationen Kolo Mosers in 
8 und 19 des Ver Sacrum einerseits und Kolo 
s Ausscheiden aus der Wiener Werkstätte 
zrseitsY Der gewählte Zeitraum macht klar. daß 
ischichte des Wiener Kunstgewerbes - nach 
wg des Autors _ nur zum Teil mit der der Wiener 
sion deckungsgleichverläuft. Der Höhepunkt des 
er Designer ist in einer Zeit erreicht, da die Wiener 
sion ihre revolutionär-avantgardistische Phase 
sich hat. ia mit dem Zerfall zu kämpfen hat? 
sätzlichistnichtdarangedacht.Stilgeschichtezu 
wen. Vielmehr soll der Versuch unternommen 
1, das Wiener Kunstgewerbe in seiner Einzigar- 
zu charakterisieren, aufzuzeigen, worin die ein- 
Leistung liegt und das nicht nur auf Grund der 
Jferstellungiifürdieeuropäische Entwicklungder 
Jahrhunderthälfte. Diese Linien liegen relativ 
d deutlich vor uns. 
chtet dessen bleibt uns eine stilistische Betrach- 
cht erspart. Wiens formale Sonderstellung inner- 
er europäischen Jugendstilbewegung ist unbe- 
t. Anfangs noch durchaus konform mit den flora- 
aomorphen Stilelementen des kontinentalen, 
iropäischen Jugendstils. beginnt sich in Wien ab 
trhundertwende der ngeometrische Aspektti ver- 
n Szene zu setzen. Träger dieses neuen bis dato 
tfrühkonstruktivistischi genannten Stils sind als 
ionen die Wiener Kunstgewerbeschule und die 
r Werkstätte bzw. als Künstler die in Personal- 
an beiden Anstalten wirkenden Josef Hoffmann 
loman Moser. Sie beide dürfen als wErfinderti des 
r Stils bezeichnet werden. 
ann und Moser standen selbstverständlich nicht 
eeren Raum. Mit Recht wird immer wieder auf 
tfluß der Schotten verwiesen. deren triumphale 
llungsbeteiligung in der Wiener Sezession als 
JSiÖSEHde Moment der Wiener Entwicklung be- 
et werden mußa. Auch die autochtonen Wiener 
ln -die überOttoWagner aufSemper und weiter 
t Klassizismus zurückverfolgbar sind - dürften 
lest im großen Zusammenhang bekannt sein. 
st der beiden Leistung, die Aufnahme und Verar- 
J der vorhandenen Anregungen zu einem neuen. 
ionären und sinnbildhaften Ganzen unbestreit- 
e der großen Leistungen unseres Jahrhunderts 
sem Gebiet. Selbst wenn es keine Nachfolge ge- 
wattewenndie deutschen Kunstzeitschriften der 
igszeit nicht voll wären von Ab-, Um- und Nachbil- 
1. selbst wenn es kein Bauhaus gegeben hätte 
ine der zahlreichen Ableitungen aus Wien, wäre 
stung Hoffmanns und Mosers als Dokumenteiner 
klung nicht hoch genug zu bewerten. Was uns zu 
Behauptung ermutigt, will diese Arbeit zu bewei- 
rsuchen. 
gemeine Interesse am Jugendstil hat in den letz- 
fzehn Jahren dazu geführt. daß die Kunstproduk- 
r Jahrhundertwende verstärkt Beachtung findet. 
Zahlreiche Ausstellungen, unzählige Publikationen nüt- 
zen den von Händlern und Museumsleuten initiierten 
(freilich auch sozialpolitisch verstehbaren) Trend zu ei- 
nerAufarbeitungskampagne auf breiter Basis. Das Ma- 
terial wurde gesammelt. gesichtet, anfangs weniger. 
später mehr ausgewählt und in Themen- und Einzelaus- 
stsllungen präsentiert. Nach dieser venzyklopädi- 
schenit Phase kam es zu Interpretationen. Deutungen 
und Bearbeitungen. wobei das Gebiet des Kunstgewer- 
bes weitgehend von dieser Aufarbeitung ausgesperrt 
blieb und mit wenigen Ausnahmen noch heute im Kata- 
logisierungsstadium verharrt. 
 
  
 
I 
l ARNO HQLZ III 
I 5 DIE I l'l 
I BLECHSCHMIEDE 
l I 
I NEUE l 
FRAGMENTE 
191 
1 Ver Sacrum. Heft 1B. Frontispiz. Entwurf: Koloman Moser 
(1901) 
Anmerkungen 1 - 5 
' nlllustrlert- werden in beiden Heften unter dem Titel nDle Elechsclimie- 
de- rNeueFragmente-von Arno HOII DerDekor bestehtausschließticn 
aus schwarzen und weißen Quadraten. die in zahlreichen Variationen 
den Text begleiten. 
Die stupende Neuerungwird alletn schon im Vergleich milden den Hef- 
ten beigegebenen Inseraten deutlich. die großtells im floralen Jugend- 
stil (westeuropaischer Prägung) gestaltet sind. 
l Nach Streitigkeiten innerhalbderSezession (esbildeten sich zweiGrup- 
pen. eine umden fortschrittlichen Klimt. dlesicli in der Folge im Rahmen 
der Kunstschau präsentierte. und eine konservatlvere um Josef Engel- 
ttart) kam es 1905 zu einer Spaltung. 
' Vlll. Ausstellung der Wiener Sezession vom 3 I). bis 27.12.1900. 
' Entscheidende Anstöße gaben die von Julius Hummel und Oswald 
Oberhuber zusammengestellten Ausstellungen (Österrerchischa 
Avantgarde isoo e 193a. Ein unbekannter Aspekt; Galerie netcnst 
St Stephan - Wien. Dezember tevs. unaoann Fruhes lndustrtedeslgn 
Wien tsoo bis tsoa. Galerie nachet si. Stephan, Juni - Jul! 1971; von 
beiden Ausstellungen existieren reichhaltige Kataloge). 
I Eine schöne Auswahl in den unter Anm 4 zitierten Katalogen. 
Was das Wiener Kunstgewerbe betrifft. war die 
tion noch krasser. Es wurde zwar vieles erfaßt 
kaum einerbefaßte sich mit seiner Bedeutung. Ei 
wenigen Jahren und auf Grund privater Initiative 
seine eigentliche Bedeutung hervorgestrichenV 
aber auch hier zu kritisieren ist. daß wiederum n 
historisch-kausale Zusammenhang als Hauptkrit 
für die tischlüsselhafteii Bedeutung des Wiener I 
gewerbes herangezogen wird. Unter dem Titel l 
Wiener Werkstätte kein Bauhausti wird die abst 
rende Tendenz als vFrühkonstruktivismust-i (eine 
sem Zusammenhang problematische Qualität) 
pretiert und so dem kausalen Geschichtsdenken 
nung getragen. Nicht. daß es nicht tatsächlich en 
einandergreifende Beziehungen zwischen dem i 
Jahrzehnt in Wien undderweiteren Entwicklung ir 
pa gegeben hätte. aber die Ausschließlichkeit l 
Sicht versperrt den Blick fürdie autonome Leistui 
Wiener Kunstgewerbes in diesem Zeitraum. Eir 
che Betrachtungsweise - wir haben es schon g 
- reduziert die Leistung der Wiener auf die von V 
fern, läßt. gleichsam eschatologisch auf das Erg 
(Bauhaus) blickend, das Vorhergegangene als 
schenstufe erscheinen. 
Wirwerden sehen. daß gerade das Wiener Kunstg 
be neben seiner entwicklungsgeschichtlichen 
durchaus autonom. von hervorragender Bedeutu 
IV. 
Die formalen Qualitäten des Wiener Kunstgew 
lassen sich in wenigen Sätzen charakterisieren. C 
sätzlich wird es durch die Verwendung geometri 
Formen bestimmt. Kubus. Quader. Kugel und Zy 
werden. solitär oder in Mischformen, als Bauelei 
verwendet und zu einfachen bis komplizierten s 
metrischen Objekten tizusammengebautrt. Als M: 
dieser in iigruppenhaften Serientt (Wichmann) a 
tenden Objekte kommen zurAnwendung: weißlac 
Alpakka-oderSilberblechemitgleichförmigem hi 
gestanztem Gitterdekor(dessenGrundmodulzurr 
wiegenden Teil das Quadrat ist). dann fein gehäm 
Metalle (Alpakka oder Silber). glatte Metalle mit 
chen Schmucksteinen (Alpakka. Silber. nach 1905 
Messing). Keramik in schwarzweiß oder einfärbii 
bei lnnen- und Außenflächen gerne unterschiedlic 
siert werden). Keramiken mit komplizierten Flinr 
Schmelzglasuren; farbloses Glas mit zartem Lüs 
kor und bisweilen Betonung der Lippe oderdes St: 
mit dunkel verlaufenden Überfängen; Kartonart 
mit Tunkpapierdekor. Lederobjekte mit Goldpr: 
u. a. m5. 
Grundsätzlich Iäßt sich feststellen. daß die Entwi 
den ersten beiden Jahren der Wiener Werkstät 
konsequentesten in ihrer stereometrischen Abhi 
keit sind. Ab 1905 ist eine gewisse Bereitschaft zt 
Iösung zu erkennen. 
Trotz des durchgehenden Stilprinzips werden die 
tionsmöglichkeiten voll genutzt. Das führt zu 
"Empfindungspluralitälti wie sie einem twgenc 
schaftlichen Stil-t (Wichmann) a priori nurschwer 
trauen ist. 
Die einzelnen Objekte können puristisch wirker 
prunkvoll. funktionell oder verspielt. ihre Konstri 
ist einmal klar und deutlich erkennbar und ein and
	        

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