der kontinentalen Museen gestellt wurde; auch erwies es sich für das seiner Leitung unter-
stellte Institut von hoher Wichtigkeit, daß demselben so hervorragende Kollektionen wie
zum Beispiel das Lüneburger Ratssilber zugewiesen werden konnten.
Lessing war vom Jahr X871 bis 1894 auch Professor an der königlichen Bau- und
Gewerbeakademie und hat daselbst als Vortragender auf die Heranbildung von Museums-
beamten und Kunstschriftstellem durch seine tiefeindringende Sachkenntnis wie durch
seine hinreißende Begeisterung für die Kunst den größten Einüuß geübt; auch seine
populäre Darstellungsweise war glänzend.
In Wien ist Lessing nur einmal, und zwar im engeren Kreise von Fachleuten anläßlich
einer in Konservierungsangelegenheiten von der Zentralkommission einberufenen Tagung
als Redner aufgetreten und hat bei dieser Gelegenheit, obwohl schon ein schwerkranker
Mann, noch seine ganze rednerische Kraft offenbart. Seit Anfang der Siebzigerjahre war
Lessing als Fachschriftsteller unermüdlich tätig: 1872 erschien sein Führer durch die
Ausstellung älterer kunstgewerblicher Gegenstände im königlichen Zeughaus zu Berlin;
1874 eineAbhandlung über das Lüneburger Ratssilber; 1877 die Publikation altorientalischer
Teppichmuster nach Bildern und Originalen des XV. und XVI. Jahrhunderts; x878 u. ff.
veröffentlichte er die Muster altdeutscher Leinenstickerei; 1881 die Holzschnitzereien
des XV. und XVI. ]ahrhunderts im Kunstgewerbemuseum zu Berlin; 1888 die Silber-
arbeiten des Anton Eisenhoit und die Schrift über Moskauer Kunstsammlungen; 1891
(mit A. Mau) „Der Wand- und Deckenschmuck eines römischen Hauses aus der Zeit des
Augustus"; rgoo „ Wandteppiche und Decken des Mittelalters in Deutschland"; 1905 (mit
A. Brüning) „Der Pommersche Kunstschrank". Von x888 an gab er unter teilweiser Mit-
wirkung von Jessen, Brüning, Borrmann, Swarzenski und Lüer die „Vorbilder aus dem
königlichen Kunstgewerbemuseum" heraus, in welchen der Reihe nach publiziert wurden:
die Rahmen, Stühle, Kandelaber, gotischen Möbel, Gitter, persisch-türkischen Fayencen,
italienischen Truhen und Möbel, orientalischen Teppiche, Berliner Porzellane, Türgriffe
und -Klopfer, Geräte aus Edelmetall, geschnittenen Gläser u. s. w.
Das bedeutendste Werk, welches die Kunstwissenschaft Julius Lessing verdankt, ist
zweifellos jenes über die Gewebesammlung des königlichen Kunstgewerbemuseums, deren
Abbildungen und katalogische Beschreibung wohl das Beste auf diesem Gebiet sind, wie
denn Lessing überhaupt auf dern Gebiet der Textilkunst ein Kenner allerersten Ranges
und Meister der Darstellung gewesen ist.
Auch in Vorträgen aller Art, die zum großen Teil publiziert sind, so über Handarbeit,
unserer Väter Werke, das Kunstgewerbe als Beruf, das Moderne in der Kunst, das halbe
Jahrhundert der Weltausstellungen, das Arbeitsgebiet des Kunstgewerbes etc. hat Lessing
auf weite Kreise gewirkt.
Daß das Berliner Kunstgewerbemuseum nicht jenen unmittelbaren Einfluß auf das
Schaffen der Gegenwart und auf die Schulen üben konnte, wie unser Institut, lag nicht im
mangelnden Verständnis Lessings für diese Aufgabe der Kunstgewerbemuseen, sondern
in der Richtung und der Organisation des Berliner Instituts, welches statutarisch die
Sammlertätigkeit in den Vordergrund zu stellen hat.
Mit dem k. k. Österreichischen Museum und seinen Angehörigen unterhielt Lessing seit
Eitelbergers Zeiten die freundlichsten Beziehungen, sein Hinscheiden wird von uns tief
betrauert. E. L.
ORRERS REALLIQXIKON DER PRÄHISTORISSII-IEN, KLASSI-
SCHEN UND FRUHCI-IRISTLICI-IEN ALTERTUMERÄ Die immer
mehr zunehmende Popularisierung der kunstgeschichtlichen Wissenschaft und das
wachsende Interesse für deren Probleme brachten Dr. Robert Forrer, den kenntnis-
reichen und fleißigen Straßburger Sammler, auf den glücklichen Gedanken, einmal in lexiko-
graphischer, durch zahlreiche Illustrationen unterstützter Form den gegenwärtigen Stand
' Mit 3000 Abbildungen. Verlag von W. Spemann, Berlin und Stuttgart 1907.