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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XI (1896 / 7)

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Noch einmal, in gefahrvoller Lage, sollte Mathesius dem Monarchen 
gegenüber stehen. 
Sachlich werthvoller als die königliche Huld musste dem Rector 
die Anerkennung der Fachmänner sein. Es ist kein Zweifel, dass seine 
Anstalt einen wesentlichen Antheil daran hatte, dass hervorragende Huma- 
nisten neben den Theologen das abseits gelegene Thal besuchten. 
Lebenslang hat Mathesius in vollen Accorden den Werth der Schule 
gepriesen, aber seine Lebensaufgabe glaubte er in ihr nicht zu finden. 
Die immer noch schwankenden kirchlichen Verhältnisse, der häufige 
Wechsel der Pfarrer, die von ihnen zuweilen ausgehenden Aergernisse, 
das Entgegenkommen einflussreicher Bürger drängten sein Wittenber- 
gisches Herz dazu, diese zukunftsreiche Stadt ganz dem Lutherthum 
zu gewinnen und an die Ausgestaltung desselben selbst durchgreifend 
Hand anzulegen. 
Doch das wagte er nicht, ohne nochmals an die Quelle seines gei- 
stigen Lebens zu gehen. Dieser neue Aufenthalt in Wittenberg wurde 
für ihn um so werthvoller, als ihn - mit seinen Worten - da Gott 
neben die Fürsten seines Volkes und seiner Kirche setzte, als er die 
Auszeichnung genoss, Luther's Tischgenosse, ja Freund und Vertrauter 
zu werden. nDer Tag der Gunst ward ihm ein Tag der Ernten in be- 
sonderer Weise; er gehört zu den Tischgenossen des genialen "Tisch- 
despotenu, denen wir Aufzeichnungen von Tischreden danken. Sie haben 
mit zur Klärung der verwickelten Tischredenfrage, zur Herausarbeitung 
des wahrscheinlich Ursprünglichen der vielfach von Unberufenen über- 
tünchten Alfrescobilder beigetragen. König Friedrich Wilhelm lll. von 
Preußen hat schon als Seitenstück die Tischgesellschaft Friedrich's ll_ 
herbeigezogen in v. Zirnmermann's Anekdoten; dazu treten Goethe's Ge- 
spräche mit Eckermann, seit Kurzem kennt man auch Bismarck litterarisch 
als Tischplauderer. So grundverschieden diese Reden stoHlich sein mögen, 
sie treten jedenfalls dadurch in Vergleich, dass sie diese Geistes-Riesen 
ganz anders in die Gegenwart proiigiren, als das auf irgend eine andere 
Weise möglich wäre. 
Nach fast zweijährigem Studium an der Leucorea kehrte Mathesius 
als Prediger heim. Die Joachitnsthaler Stadtkirche, an der er nun bis an 
seinen Tod fast ein Vierteljahrhundert in wachsender Kraft wirkte, war 
kunsrgeschichtlich merkwürdig. 
Ohne fremde Hilfe errichtet, die Thalschlucht beherrschend nach 
Osten liegend, dürfte sie der früheste, für den evangelischen Gottesdienst 
unternommene Kirchbau sein. Von allen erzgebirgischen Kirchen zeigt 
sie am entschiedensten die neue Richtung auf Predigtkirchen. Sie war 
eimrechtwinkliger Saal mit freisehwebender Decke; die ganze Anlage 
recht nüchtern, die Spuren des Versuchs tragend, aberbsehr zweckmäßig, 
ganz im Gegensatz zur Altar- und Prozessionskirche für eine Gemeinde- 
und Predigtkirche entworfen, über deren Construction die heutigen kirch- 
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