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MAK

Full text : Alte und Moderne Kunst VI (1961 / Heft 52)

DIE

HERKUNFT

DER RAUMGESTALT

DES

SALZBURGER DOMES

WALTHER BUCHOWHLCK]

Die Baugeschichte der barocken Kathedrale zu Salzburg,

die Hermann Bahr als den „schönsten Dom Italiens auf

deutscher Erde" rühmtJ hat wegen ihrer nicht immer

durchschaubaren Komplikationen seit je der Forschung

ein gern gewähltes Thema gestellt. Als besondere Aura

umschwebt den großartigen Bau, seit Riegls Studie über

„Salzburgs Stellung in der Kunstgeschichte", die These,

Erzbischof Wolf Dietrich hätte „eine Variante der neuen

Peterskirche in Rom" an die Stelle des romanischen Münsters

 setzen wollen! Von dem erst unter Erzbischof Marcus

 Sitticus in Angriff genommenen Dombau verkündet

Riegl ebenfalls, daß „St. Peter zu Rom auch für diesen

als Vorbild gegeben war"? Die Ansicht, daß der „am

reinsten italienische Monumentalbau nördlich der Alpen":

 zu den engsten Verwandten von St. Peter gehört,

hat sieh allgemein durchgesetzt und klingt noch in der

Apotheose nach, mit welcher L. Bruhns den Dom gefeiert

 hatß Das alte Epitheton Salzburgs, „deutsches

Rom", mag der Ansicht, die Kathedrale des Primas von

Deutschland sei ein Zwilling der römischen Peterskirche,

Nahrung geliefert haben.

Inwieweit der Dom und die größte Kirche der Christenheit

baugestaltlieh verwandt sind, läßt ein Blick auf die Grundrisse

 an gewissen Ähnlichkeiten erkennen (Abb. 2, 3).

Sind diese Entsprechungen zufällig, sind sie bewullt

angestrebt, vom auftraggebenden Kirchenfürsten dem

planenden Architekten zur Bedingung gestellt, vom Baumeister

 selbst in Vorschlag gebracht, oder in der Begegnung

 von Bestellerwunsch und Architektenabsicht Wirklichkeit

 geworden? Diese Fragen beantwortet die Entstehungsgeschichte

 des Domesf die hier um bisher unbeachtete

 Zusammenhänge bereichert werden soll.

Von einem ersten Domentwurf hören wir zufällig: „am

18. September 1601 kann schon des Fürsten Schwager

eine Skizze dem neugierigen Bayernherzog übermitteln"

 s. Wir wissen nichts über das Aussehen dieses Plans,

kennen auch den Namen des entwerfenden Meisters nicht

und gehen wohl nicht fehl, daß es „ohne Zweifel ein Italiener

 war"," der dem Erzbischof einen Bau modernster

Art angeraten haben wird. Im Winter 1603[4 weilte

Vincenzo Scamozzi in Salzburg, und es steht außer Zweifel,

 dall die Dombausorgen des Erzbischofs eingehende

Erörterung erfahren haben werden. lVlit dem Auftrag,

Projekte auszuarbeiten, wird Scamozzi in seine Heimat

zurückgekehrt sein. Dali Wolf Dietrich diesem Architekten

 gewissermaßen den Auftrag erteilt hätte, cinc

Replik des römischen St. Peter zu entwerfen, spricht nur

Riegl aus? Immerhin zieht das gesamte übrige Schrifttum

 den Grundrifl Scamozzis für den Salzburger Dom,

der mit August 1606 datiert und uns erhalten geblieben

ist (Abb. S), so ausgiebig mit dem Plan von St. Peter in

Vergleich, daß der Hintergedanke durchleuchtet, eine

bewußtc Inspiration von Rom her annehmen zu müssen.

Daß jedoch die 1606 noch unvollendete Peterskirche,

deren weiteres Schicksal - Zcntralbau oder Längsbau

- damals sogar noch ungewiß war, keineswegs Vorbild

für Seamozzis schon früher konzipiertes Domprojekt gewesen

 sein kann, hat erstmals R, K. Donin überzeugend

herausgearbeitetF

Schiirfstens zurückzuweisen ist die öfters geäußerte Vermutung,

 Scamozzi (und Solari) hätten beabsichtigt, mit

den Rundungen von Quersehiff und Hauptchor eine

Erinnerung an den romanischen Dom zu bewahren."

Derart sentimentale Anwandlungen wären, wie F. Martin

 mit Recht betont," Wolf Dietrich fern gelegen und

dürfen auch aus dem Vollen schöpfenden Architekten der

Zeit nicht zugemutet werden.

Donin hat zur Interpretation der Domcntwürfe Scamozzis

 auf die venezianische Architektur und die Abhängigkeit

 des Künstlers von Palladio verwiesen? und damit

Wege beschritten, die schon F. Martin mit dem Hinweis

auf Ähnlichkeiten mit S. Giustina zu Padua aufgezeigt

hatte!" Für die Berührung mit Palladio genüge ein Hinweis

 auf die halbrunden Querschiffschlüsse von S. Giorgio

 Maggiore und den Trikonchos bei ll Redentore in

Venedig. S. Giustina darf sogar weitgehend als Vorform

von Scamozzis Domplan betrachtet werden, nur ist sein

Entwurf, rein als geometrische Figur bewertet, im Vergleich

 mit der paduanischen Kirche harmonischer, ausgewogener

 und gefälliger (Abb. 6). Der Gesamtraum von

S. Giustina ist renaissancehaft additiv, mit Eigenleben

auch der Nebenräume; Scamozzis Plan aber barock divisiv,

 er beschränkt sich auf das Wesentliche und steigert

es, indem das kleinteiligc Beiwcrk weggeschnitten wurde

(Abb. 7). [)ie Herkunft von Palladio verbindet entfernt

sogar Christopher Wrens Paulskirche zu London mit

dem Salzburger Projekt!

Scamozzi hat seinem Dom gigantische Ausmaße zugedacht;

 vielleicht, weil er - ähnlich wie die Domherren

von St. Peter zu Rom - mit dem Neubau das geheiligte

Areal des alten Münsters überdecken wollte; vielleicht,

weil er, von seiner Heimat her an Zwergdiözesen gewöhnt,

 vom Reichtum des Erzstifts größte Leistungen

erwartete. Mit 139m Länge hätte die Kathedrale S. Giustina

 (Länge 118,5 m) weit überboten. Scamozzis Dom

würde in der Stufenleiter der Kirchenlängen, wie sie im

Mittelschiff von St. Peter zu Rom vermerkt sind, zwischen

 der Kathedrale von Reims (138,69 m) und Sacre-Coeur

 zu Brüssel (140,94 m), also an vierter Stelle rangieren.



Wolf Dietrich hat die Risse Scamozzis nicht akzeptiert

und 1610 zu einem Dom geringerer Größe den Grundstein

 gelegt. Wir kennen weder den Namen des planenden

 Architekten (Giacomo Bertoleto, Francesco de Gregoriis?),"

 noch Entwürfe oder Angaben über diese. Vermutungen

 über ein mögliches Verhältnis zu den ldcen

Scamozzis sind unbeweisbare Kombination. ln Fluß kam

der Dombau erst unter Erzbischof Marx Sittich, der die

1610 versenkten Grundfesten herausreißen ließ und sich

neue Entwürfe von Santino Solari besorgte. Die Grundsteinlegung

 erfolgte am 1-}. April 1614, die feierliche

Weihe nahm Erzbischof Paris Lodron am 28. September

1628 vor.

Diesen Dom kennzeichnet, daß die Seitenschiffe gegenüber

 dcm machtvoll ausladenden Mittelraum geradezu

verkümmert erscheinen und im Hinblick auf die engen,

türartigen Durchgänge, zusammen mit den seichten Altarnischen

 fast zu geräumigen Längskapellen umgedeutet

werden. Die Kuppel ist außen und innen aehteckig

(Abb. 3).

Wir mußten deshalb auf die Entwürfe Scamozzis eingehen,

 weil dem bestehenden Dom nicht nur wieder eine
            
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