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Full text: Alte und Moderne Kunst XX (1975 / Heft 140)

'ge von Zeichnungen bedeckten den Boden. 
2 Bilder waren auf Hintergründe gemalt, die 
' Stanniol beklebt waren. Die Linienführung 
r bizarr und sehr ornamental. Ich sagte, daß 
eine andere Auffassung vom Malen hätte, 
er die Intensität, auf die es allein ankäme, 
iene mir außerordentlich und der meinen ir- 
1dwie verwandt. „Deshalb komme ich zu dir", 
;te er. Zwei Tage und drei Nächte blieben 
' beieinander, durchstreiften die Vorstädte und 
s Hügelgelönde und gaben unsere letzten 
zuzer für ein Glas Milch am Morgen. Wir er- 
indeten alle Probleme der Kunst, denn wir 
iren iung: er 18, ich 23. Monate malten wir 
beneinander, standen einander Modell und 
lten Not und Farben. Wir waren arm - halb 
rhungert, aber wir hatten ein Ziel und waren 
ilz auf unsere Bedürfnislasigkeit. 
t November 1910 wohnte Schiele in der Grün- 
rgstraße 31 im 12. Bezirk. Dieses im wesent- 
1en aus zwei größeren Räumen bestehende 
elier mit Blick über Schönbrunn bewohnte 
äter, bis ungefähr 1940, der Maler Jungnickel, 
r es zu einem Treffpunkt für Freimaurer ge- 
iltete. Türen und Fenster waren schwarz ge- 
ichen. Zu Beginn des zweiten Weltkriegs ver- 
iwand Jungnickel in Italien und ließ alles zu- 
:k. Mit Hilfe der Berufsvereinigung der bilden- 
n Künstler konnte die Emailliererin Nora Grill- 
banek dort einziehen, aber unter der Auflage, 
' die zurückgelassenen Zeichnungen Jungnik- 
ls einen geeigneten Aufbewahrungsort zu fin- 
n. Schließlich konnten diese in einem Atelier 
t Margaretengürtel untergebracht werden und 
irden dort versiegelt aufbewahrt; aber zur 
ianzierung dieses Unternehmens wurden eini- 
der Bilder und sonstige Gegenstände des 
nstlers versteigert. 
it mehr als dreißig Jahren unterhält nun Frau 
'ill-Kubanek ihre Emaillierwerkstätte und eine 
ymnastikschule. An der Akademie für ange- 
zndte Kunst, der damaligen Hochschule für 
igewandte Kunst, hatte sie zuerst durch zwei- 
1110112) Jahre die Textilklasse unter Wimmer- 
iesgrill besucht, wechselte dann aber in die 
ichklasse für künstlerische Emailarbeiten über, 
e unter der Oberleitung Josef Hoffmanns stand. 
hiele blieb in der Grünbergstraße bis Juni 
11. Nach seinem mißglückten Aufenthalt in 
"umau wohnte er ab 5. August für kurze Zeit 
ei seiner Mutter in Wien 9, Sobieskigasse 14116. 
JCl1 nach seinem anschließenden zweiten Flucht- 
irsuch aus Wien nach Neulengbach, der im 
oril 1912 mit einer 24tägigen Haft endet, fin- 
in wir ihn wieder bei seiner Mutter, die inzwi- 
hen nach Wien 12, Rosenhügelstraße 9, umge- 
igen ist. 
 
Ab Ende Juni 1912 mietet er das Atelier im 9. 
Bezirk, Höfergasse 18. Dazu schreibt er selbst an 
den Kunstschriftsteller und Mitarbeiter der Ar- 
beiterzeitung, Arthur Roessler (1877-1955), da- 
tiert mit 7. Juni 1912; 
„lch werde von nun an bei meiner Mutterwohnen 
und tagsüber arbeiten; ich habe bis ietzt in 
allen Winkeln von Wien Ateliers gesucht, und 
alle sind seit drei Jahren so wahnsinnig teuer, 
daß ich die nicht bezahlen möchte; unter 800 
Kronen kein anständiges. - Zufällig zieht Osen 
aus, der das billigste Atelier hat, er geht über 
Sommer nach Krummau, und wenn er zurück- 
kommt, nimmt er irgendein Zimmer. Sein Atelier 
besteht aus zwei größeren Räumen, Wien 9, 
Häfergasse 18, und kostet samt Reinigung 40 
Kronen im Monat. Ich könnte dieses sofort über- 
nehmen, indem ich ihm für Juni den Zins gebe . .. 
Das Atelier des Osen wäre also erstaunlich bil- 
lig, und ich finde zur Zeit kein besseres." 
Dieser Erwin Dominik oder kurz Dom oder Mime 
van Osen, den Schiele einige Male porträtiert 
hat, war, soweit herauszufinden war, eine etwas 
suspekte Gestalt. 1948 kam es sogar zu einer 
Ehrenbeleidigungsklage zwischen ihm und Arthur 
Roessler, weil letzterer ihn 26 Jahre vt 
nämlich 1922, in einem seiner Schiele-B 
verschiedener Unwahrheiten bezichtigt hattz 
lm November 1912 findet Schiiele das Atel 
der Hietzinger Hauptstraße 101, das er E 
seinem Tod behält. Dominierend darin is 
Hauptraum hinter dem großen Mittel- um 
zwei kleinen Seitenfenstern. Trotz verschie 
Renovierungen und Umgestaltungen ist de 
samteindruck, der durch die Fensterwam 
stimmt wird, auch heute noch erkennbar 
dort aus blickt man auf das gegenüberlieg 
Haus, Hietzinger Hauptstraße 114, das 
Schlossermeister Johann Harms, Schiele: : 
rem Schwiegervater, gehörte. Dieser bew 
mit seiner Frau und den Töchtern Editl 
Adele eine Wohnung im ersten Stack. Im J 
1914 kam es zu den ersten Annäherungs 
chen Schieles, aber erst zu Jahresende WUt 
mit den Mädchen näher bekannt. 
Der übrige Teil von Schieles Atelier ist 
verändert, u. a. wurden ein Balkon und ein 
raum dazugebaut, wobei durch letzteren c 
sprüngliche Eingangstür wegfiel. 
Arthur Roessler erinnert sich an dieses l 
folgendermaßen: 
„Der jeweilige Arbeitsraum Schieles war t 
flossen von einem unerklärbaren, aber m: 
spürsamen, feinen, leichten Hauch, einem l 
wie ein Nebelschatten, in dem seelisch: 
geistige Elemente schwangen. Man sah si 
und fand sich innerhalb eines kalkweißen A. 
gevierts von schwarzen Dingen umg 
schwarzen Kasten, Tischen und Stühlen, sr 
zen Vorhängen, schwarzen Seidend 
schwarzen Polstern, schwarzen Lackdasei 
schwarzen gläsernen Aschenschalen, schwa 
bundenen Büchern und schwarzen Vase 
schwarzen Bordbrettern, schwarzen iapan 
Schablonenschnitten in schwarzen Leistt 
men, schwarzen Tür- und Fensterrahmen. 
ten dieses Chors vieltönig abgestimmter S4 
zen stand in einem weißen, kuttenartiger 
kittel der iunge Künstler vor einer schv 
Staffelei, auf der eine große, gespannte 
wand lehnte, und pinselte an einem Bil 
dem alle Farben des Spektrums in edelste 
ter und blumiger Glut aus sich selbst l 
leuchteten." - 
Roessler berichtet auch von einem schv 
Glaskasten, in dem Schiele die verschieden 
sten Dinge aufbewahrte, wie exotische Scl 
reien, Perlenschmuck von Negern, iapc 
Netsukes, indianische Korbflechtereien, o 
lische Gewebe, Stickereien aus der Bieder 
zeit, alte Bauernkalender, auf Palmblätti 
schriebene Sanskrittexte, gebrochene grie( 

	        

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