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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 198 und 199)

 
Coburg (IV E 305) und ein vierläufiges Steinschloß- 
Wenderpistolen-Paar von Johann Krach," Diese vier- 
läufigen Waffen sind so konstruiert. daß sie auch an 
jedem Lauf eine Pfanne besitzen, aber nur über zwei 
Hähne verfügen. 
Alle diese Wenderwaffen dürften in dem Jahrzehnt zwi- 
schen 1650 und 1660 entstanden sein. Für die Begren- 
zung nach hinten spricht das Todesjahr von Cornelius 
(1661), mitdem allem Anschein nach auch ein gewisser 
Niedergang der Klett-Werkstatt Hand in Hand gegan- 
gen ist, der mit dem Wegzug von Sigmund mit seinem 
Schwiegersohn Johann Krach. was auch für eine Ver- 
fallserscheinung spricht, noch beschleunigt wurde, 
Ein Entstehungszeitpunkt lange vor 1650 ist auch nicht 
anzunehmen, da sie, aufgrund derTechnik und des Stils 
zu schließen, anfänglich v.a. Radschlcßwaffen, vor- 
nehmlich für militärische Zwecke, produzierten. Das 
bekannte und bewahrte Radschloß wurde, wie wir an 
den noch heute in Salzburg erhaltenen Kriegskarabi- 
nern ersehen können. dem modernen Steinschloß bei 
der Kriegslührung vorgezogen. 
Beide Waffentypen, sowohl die Wender- wie v. a, die 
Magazinpistolen, verfügen über eine so komplizierte 
Technik, daß sie für eine Massenproduktion überhaupt 
nicht geeignet waren, sondern reine Liebhaber- und 
Sammlerobjekte darstellten. Eine Produktion solcher 
"Spielereienk, wir kennen immerhin momentan noch 
von jeder Gattung etwa 20 Exemplare, ware dem Erzbi- 
schof im 30iährigen Krieg nicht möglich gewesen, Die 
Magazinpistolen mit einem schwenkbaren Abzugbügel 
wurden wohl von einem Mitglied der aus Solingen stam- 
menden Familie Kalthoff" ca. 1630 entwickelt, wes- 
halb man auch vom Kalthoff-System spricht. Sigmund 
Klett hat dieses System etwa 1650 modifiziert und ver- 
bessert, v. a. indem er die Schlagfeder auf die Außen- 
seite des Schlosses und das Pulvermagazin, das bei 
Kalthoif im Vorderschaft unter dem Schloß lag, in den 
Kolben verlegte. 
Beides ist im Zusammenhang miteiner Entwirrung und 
klareren Konzeption des sehr komplizierten Mechanis- 
mus bei diesen Waffen zu sehen. Durch das Aushöhlen 
des Kolbens zum Pulvermagazin nutzte er ein bislang 
brachliegendes Platzpotential, wodurch dem Schloß 
selbst mehr Raum zur Verfügung stand. Dieser war 
auch nötig, da Sigmund statt eines Zylinders, der 
sowohl für die Pulver- wie die Kugelzufuhr verantwort- 
lich war. für beide Vorgänge getrennte Zylinder ein- 
führte. Durch die Verlagerung der Schlagfeder an die 
Schloßaußenseite wurde das sehr komplizierte mecha- 
nisohe Innenleben von dem größten und platzaufwen- 
digstenTeilbefreit.Sigmundwarwohldergroßenlnven- 
torr der Familie, während die Durchführung seiner 
ldeen mehr auf den Schultern seines Vaters oder Bru- 
ders Johann Paul ruhte. Cornelius war demgegenüber 
der Universellste, der die Projekte seines Bruders auch 
in die Tat umsetzte, aber, wie wir anhand von einigen 
Waffen feststellen können, auch weiterentwickelte. 
Die erste Kombination können wir noch aufgrund von 
Signaturen auf zwei Gewehren in Schloß Ambras 
(W 2103) und in Florenz, Museo Nazionale, Bargello 
(Nr. 70) nachvollziehen: wSigmund Klett infentiert mich, 
Hans Paul macht mich-r. Das Gewehr in Ambras ist 
zusätzlich w1652ii datiert. 
Dieses Gewehrbringt ein weiteres lndizdafür, daß auch 
diese Waffen nach 1 650 entstanden sein müssen, da es 
mitdem ausdrücklichen Zusatz der Erfindung erst 1652 
datiert ist, Es muß sich bei den beiden Gewehren also 
um sehr frühe Exemplare dieser Gattung handeln. Bei 
den Salzburger Pistolen wird Sigmund schon nicht mehr 
alsvlnventorirmitangeführLdasSystem scheintfolglich 
die zu betonende Bedeutung des Neuen verloren zu 
haben. 
Die Gesamtlänge der ganz geschäfteten Pistolen 
beträgt 56 cm, während die Laufe bei einem Kaiibervon 
12 mm 38 crn lang und etwa V1 achtkantig und dann 
nach einem kurzen sechzehnseitigen Übergang rund 
und mit gravierten Blüten verziert sind. Die gravierte 
Signatur auf der Kammer lautet bei W 217: J. P. Clettl 
Saltzburg, bei W 270: Jean PaullClettlSaltzburg, Aufder 
linken Seite, vom Vorderschaft verdeckt, ist eine rohe 
(BeSchau-CUMarke ohne lnnenzeichnung oder Buchsta- 
ben eingeschlagen. die aber in ihrer Form faktisch iden- 
tisch mit der herzförmigen Marke von Cornelius Klett 
ist," 
Da wir bisher nur diese eine Markierung kennen, kann 
man noch nicht eindeutig entscheiden, ob es sich wirk- 
lich um eine Beschaumarke oder nur um eine werkstatt- 
interne Bezeichnung der Klett handelt, Für letztere Ver- 
4 Detail der Pistole W 270 aus Abbildung 1 mit geöffnetem 
Abzugbügel 
5 Blatt 3 aus einer Folge von sechs Blättern des Goldschmie- 
des Johannes Thünkel. Rudolf Berliner und Gerhart Egger. 
Ornamenlale Vorlageblätter. München 1981, Nr 1033 von 
1661 
6 Ornamentstich des Kupferstechers Johann Sibmacher. zwi- 
schen 1600 und 1605. Rudolf Berliner und Gerhart Egger. 
Ornamentale Vorlageblätter, München 1981, Nr. 821 
7 Detail der Pistole W 270 aus Abbildung 1, Aufsicht auf die 
Kammern mitden zwei Zylindern und aufdie Flügelschraube 
aus Horn 
Anmerkungen 11 -13 
" EhemalssammlungFienwtck,TusccnArizcma,verkaultbeisothebys, 
London, 19. 3. 1973. Nr. 60, 
" H0", Feuerwaffen, Bd. 2, S. 271. 
" Heer. 09. CiL, S. 630, Nr. 2226. 
44
	        
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