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MAK

Full text : Jahrgang 15 (1923) (1)

Seite  5

Nr,  1  Internationale  S;
dien  Büchern  man  bei  seiner  Wahl  den  Vorzug  geben
soll.  Ich  weiß,  daß  ich  da  eigenwillig  bin,  einseitig,  auf
einen  besonderen  Ton  gestimmt  und  daß  mein  Geschmack
nicht  von  Jedermann  geteilt  werden  muß.  Ich  bin  aber
an  den  meisten  literarischen  Sensationen  der  letzten
Jahre  vorbeigegangen,  habe  nicht  viel  an  Liebhaberei
für  das  Phantastische,  die  gewürzte  Kost,  übrig.  Mein
Fall  sind  die  stillen  Bücher,  die  zarten  Schönheiten.  Ich
bin  ein  Mann  von  gestern,  nicht  konservativ,  aber  apart.
Und  das  ist  nicht  jedermanns  Richtung.  So  wende  ich
mich  mit  diesen  flüchtigen  Anmerkungen  nur  an  Leute
von  der  gleichen  Gefühlsresonanz.  Ich  kenne  nur  den
allerkleinsten  Teil  von  dem,  was  im  literarischen  Europa
produziert  wird;  ich  bin  ein  langsamer  und  sehr  genießerischer ­
  Leser.
Es  ist  für  den  Literaturfreund  tatsächlich  jetzt  sehr
schwer,  sich  in  der  Literatur  zurecht  zu  finden.  Die
Jugend  ist  zu  allem  bereit,  was  der  Tag  bringt  und  hat
für  das  Neue  die  stärkste  Assimilationsfähigkeit.  Der
ältere  Leser  jedoch  ist  an  seine  frühesten  Eindrücke
fixiert.  Sein  erstes  Kunsterlebnis  bedeutet  ihm  das  goldene ­
  Zeitalter.  Wir  haben  jetzt  eine  expressionistische
Dichtung,  eine  vorwiegend  intellektuelle  Kunst,  die  noch
im  Stadium  des  Experiments  steht  und  uns  vollständig
befremdet.  Und  wir  haben  eine  andere,  die  in  der  Tradition ­
  erstarrte  und  wie  eine  ewige  Wiederkehr  des
Gleichen  ist,  Dazwischen  da  und  dort  ein  Werk,  das
wie  yon  ewiger,  junger  Schönheit  umflossen  zu  sein
scheint.  Das  eine  und  andere  von  diesen  w r arf  der  Zufall ­
  auf  meinen  Lesetisch.
ln  diesem  der  Kunst  gewidmeten  Blatte  soll  zunächst ­
  auf  ein  Werk  hingewiesen  werden,  das  die
Seele  des  Ostens  wie  kein  einziges  erschließt  und  damit
die  Wurzeln  seines  künstlerischen  Schaffens  bloßlegt.
Es  ist  das  Werk  Kakuzo  Okakuras  über  die  „Ideale
des  Ostens“  (Insel-Verlag,  Leipzig).  Seit  den  Brüdern
Goncourt  war  für  uns  Japan  die  erste  und  letzte  Heimat
der-  ostasiatischen  Kunstäußerung.  Okakura  zeigt  uns  die
Wechselwirkungen  und  Verschlingungen  zwischen  Indien
und  China  und  das  letzte,  schon  dekadente  Auskiingen
dieser  Kunst  im  Japanischen.  Diese  Blätter,  von  Zartheit ­
  des  Ausdruckes  und  sublimierter  Geistigkeit  erfüllt,
vermitteln  uns  die  leisesten  Schwingungen  -und  alle
Tiefen  der  östlichen  Gefühlsart  und  Weltanschauung.
Dieses  Buch  ist  wie  ein  einziges  Liebeswerben  für  eine
Kunst,  der  wür  bisher  nur  ein  Interesse,  aber  kein  letztes
Verständnis  entgegenbringen  konnten.
Dieser  schweigsamen  Beseeltheit  ein  wenig  ähnlich
ist  oft  die  Dichtung  Skandinaviens.  Und  es  ist  deshalb

mmler-Zeitung
kein  allzu  krasser  Uebergang,  wenn  ich  jetzt  von  Knut
H  a  m  s  u  n  spreche,  dem  Dichter  der  nordischen  Einsamkeit ­
  und  der  einsamen  Menschen,  dessen  Werke
jetzt  in  einer  neuen  Gesamtausgabe  zu  erscheinen  beginnen, ­
  von  dem  aber  nicht  ein  Alterswerk  wie  die  in
epischer  Breite  sich  aufbauenden,  im  Ton  ruhigem
„Frauen  am  Brunnen“,  sondern  ein  neu  übersetztes,
aus  der  Zeit  seiner  Lebenswende  einen  starken  Eindruck ­
  auf  mich  ausübte.  Es  ist  sein  Roman  „Unter
Herbststernen“  (München,  Kurt  Wolff)  in  dem  er  Abschied ­
  von  seiner  heißem  Jugend  nimmt.  Es  ist  ein
Buch  der  Schwermut,  der  Einsamkeit  unter  Menschen
und  der  Resignation.  Wie  von  gedämpfter  Musik  ist'  *
es  durchklungen,  aber  es  ist  auch  das  Lächeln  von
Frauen  darin,  die  Hamsun  mit  feinstem  Sinn  für  die
Verschiedenartigkeit  und  das  Irrationale  der  weiblichen
Seele  schildert.  Und  es  ist  Aufschwung  darin,  das  geheimnisvolle ­
  Weben  der  Natur,  wenn  auch  die  Vollakkorde ­
  von  „Pan“  dem  Alternden  sich  dämpften.
Feinschmecker  möchte  ich  auf  die  deutsche  Ausgabe
der  Blaubartgeschichten  von  Anatole  France  und
ganz  besonders  auf  seine  entzückende,  selbstbiographische ­
  Erzählung  aus  der  Knabenzeit  „der  kleine
Peter“  hinweisen.  Es  ist  darin  der  ganze  Charme
und  gallische  Esprit  dieses  feinsten  und  kultiviertesten
unter  Frankreichs  lebenden  Dichtem.
Unter  südlichem  Klima  spielen  sich  Stefan  Zweigs
Novellen  „Amokläufer“  ab.  Dem  entspricht  auch  die-Natur
  .seiner  Menschen,  ihre  glühenden  Seelen,  die  bis
zur  Vernichtung  sich  ihrer  Liebesleidenschaft  hingeben.
Die  Stimmung  und  Schönheit  der  ropischen  Landschaft
wird  mit  feinster  Einfühlungsfähigkeit  wiedergegeben.
Meisterhaft,  wie  die  Darstellungist  t  die  psychologische
Analyse  all  der  tragischen  oder  grotesken  Gestalten,
die  der  Dichter  uns  nahezubringen  versteht.  Und  von
einem  stillern  Buche  als  dieses  will  ich  sprechen,  das
wie  die  Erzählung  Hamsuns  mit  seinen  Molltönen  wie
„gedämpftes  Saitenspiel“  klingt:  von  Wilhelm  Speyers
„Schwermut  der  (ahreszeiten“.  Ein  Alternder  erzählt
hier  von  den  Liebeserlebnissen  seiner  unter  Herzenswirrnissen ­
  dahingegangenen  Jugend.  Noch  einmal  wird
mitten  in  der  herbstlichen  Resignation  Glück  und  Rausch
des  nun  Verlorenen  heraufbeschworen.  Frauen  ziehen
an  uns  vorbei,  wie  die  in  Schönheit  lächelnden  Landschaften. ­
  Jemand  erzählt  all  dieses  mit  stillem  Tonfall
und  tiefer  Einsicht.  Es  ist  kultivierteste  Kunst  für  Feinschmecker. ­
  Und  es  ist  ein  Buch,  in  dem  eine  bewegte
Seele  vibriert.  Eines,  das  man  nicht  vergißt.

'Wien  afs  3lutograpFienmardt.

Wien,  das  für  sich  den  Ruhm  in  Anspruch  nehmen
kann,  die  ersten  Autographenauktionen  in  Mitteleuropa
veranstaltet  zu  haben,  —  vorher  fanden  solche  Versteigerungen ­
  nur  in  Paris  und  London  statt,  —  war  von
jeher  ein  guter  Markt  für  Handschriften  illustrer  Persönlichkeiten. ­
  Dem  Umstande  trugen  denn  auch  zahlreiche ­
  Antiquare  Rechnung,  die  bis  zum  Weltkriege
häufig  Autographensammlungen  zur  Versteigerung  brachten. ­
  im  Kriege  leg,  wie  so  vieles  Andere,  auch  dieser
Kunstzweig  völlig  brach  und  man  betrachtete  es  als
Wagnis,  als  1918  Dr.  Ign.  Schwarz  zum  erstenmale
wieder  mit  einer  A;  "Ggraphenauktion  hervortrat.  Das
Experiment  hatte  besten  Erfolg  und  war  die  Veranlassung, ­
  daß  das  Dorotheum  seine  Tätigkeit  auch  auf
dieses  Gebiet  erstreckte.  Autographenauktionen  sind
seitdem  keine  Zufallserscheinungen  mehr,  sondern  kehren
in  gewissen  Intervallen  periodisch  wieder.  Vom  13.  bis
15.  Dezember  fand  bereits  die  dritte  statt,  die  eine

große  Auswahl  an  interessanten  Autographen  von  Musikern, ­
  Dichtern,  Gelehrten,  bildenden  Künstlern,  Schauspielern ­
  und  historischen  Persönlichkeiten  bot.
Im  Brennpunkte  der  Auktion  stand  ein  Fragment
von  Schuberts  Lied  „Der  Tod  und  das  Mädchen“,,
dessen  Geschichte  in  diesen  Blättern  schon  erzählt
wurde.  (Siehe  die  Nr.  5  vom  1.  März  1922).  Der  Sachverhalt ­
  ist  in  Kürze  folgender:  Vor  Jahren  wirkte  am
Schottengymnasium  ein  Stiefbruder  Schuberts,  P.  Hermann ­
  Schubert,  der  das  vollständige  Manuskript  des
berühmten  Liedes  besaß.  Um  besonders  brave  Schüler
zu  belohnen,  schnitt  er  alljährlich  einen  Streifen  von
dem  Manuskripte  ab  und  zeichnete  den  Würdigen  damit ­
  aus.  Wie  viele  solcher  Streifen  er  erzeugte,  weiß
man  nicht,  aber  man  vermutet,  daß  es  ihrer  mindestens
acht  waren.  Im  Laufe  der  Jahre  fanden  fünf  dieser  Fragmente ­
  den  Weg  in  das  Museum  der  Gesellschaft  der
Muskifreunde  in  Wien,  die  nun  den  begreiflichen  Wunsch
            
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