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Volltext: Monatszeitschrift I (1898 / Heft 11 und 12)

gewerbe gerade am ausländischen wieder erstarken und anziehungskräftig werden 
soll. Als Graf Leo Thun 1850 seine Vorschläge für die Reorganisation des 
Kunstunterrichts machte, schloss er sich in der Hauptsache dem „Naturalisten" 
Waldmüller an. Die bald darauf einreissende Verdauung aller Verhältnisse brachte 
auch diesen Anlauf ins Stocken. Das interessanteste Moment aber in diesem 
Bürgerkriege war Metternichs Eingreifen, der den kühnen Bahnbrecher Wald- 
müller gegen die Beschwerde seiner akademischen Inquisitoren in Schutz nahm. 
„Die Akademie", rescribirte der Fürst wie ein Erz-Secessionist, „ist keine Zwangs- 
anstalt, welche dem Lehrer wie dem Schüler verbieten kann, dem eigenen Genius 
zu folgen." Die jetzige Massenausstellung Waldmüllefscher Bilder, gegen 
80 Nummern, demonstrirt aber auch die praktischen Bestrebungen dieser 
ursprünglichen Künstlernatur. Wir haben erst neulich von einem seiner Zeit- 
genossen, Friedrich von Friedländer, gehört, wie der alte Waldmüller klagte, 
dass er nicht mehr jung genug sei, um eine ganz andere Malerei anzufangen. Ange- 
fangen aber hat er sie doch. Er malte einfach Freilicht; schon damals! Die 
gesarnmte Collegenschaft und Kritik erklärte ihn für toll, dass er „sich einrede, 
man müsse sich in die Sonne setzen, um die Sonnenwirkung zu malen". Sieht 
man jetzt seine damaligen Versuche, wie den prächtigen „Kirchgang" (Stadt 
Wien), wo alle Theilnehmer von der Sonne geblendet sind, die aber auch optisch 
und coloristisch auf ihnen liegt, oder die „Unterbrochene Wallfahrt" (Baron 
Richard Drasche), wo freilich bei aller Sonnenkraft noch die Schwere der Farbe 
nicht ganz gelöst ist, so wird man von Bewunderung für diese frühe Zukunfts- 
kunst erfüllt. Dass der Landschafter Waldmüller in diesem Zusammenhange 
bedeutend wächst, ist selbstverständlich. Trotz der etwas altväterischen Hand- 
schrift sind Naturgefühl und atmosphärische Stimmung in Bildern wie „I-lütteneck 
bei Ischl" (Stadt Wien) noch heute vollgiltig und die Grossartigkeit seines Baum- 
schlages setzt immer wieder in Erstaunen. Niemals ist Calame darin so charak- 
teristisch gewesen. Eine noch gar nicht „rnodeme" Landschaft, wie „Am Liechten- 
stein" (Eigenthum des Herrn L. ReithotTer) kann sich an Klarheit der Form und 
Eindringlichkeit der malerischen Empfindung mit jedem Ruysdael messen. Die 
bekannten Lawinen von Kindern, die nebst dem kleinbürgerlichen Tendenzgenre 
einst den grössten Beifall fanden, n-eten heute mehr zurück, weil ihr male- 
rischer Gehalt geringer erscheint. Aber auch unter diesen Bildern gibt es welche, 
wie die grosse, iigurenreiche „Schulprüfung" (Herr Reithotfer), die in ihrer 
unakademischen Anordnung, unerschöpflichen Charakteristik und unbestechlichen 
Naturtreue die höchste Anerkennung eines Herkomer oder Kroyer finden würden. 
Das ist ein Denkmal von Wiener Gediegenheit aus einer Zeit, deren unverwüst- 
liche Palisandersehränke jetzt gottlob wieder Verständnis finden. So ist es das 
I-Iauptverdienst der Jubiläumsausstellung, dass sie dem alten Waldmüller seinen 
Rang für alle Zukunft sichert, sowie die Schubertausstellung vor zwei Jahren die 
Ansichten über Schwind und Danhauser wesentlich zu deren Gunsten berichtigt hat. 
Auch sonst hat die Ausstellung ziemlich viel vormärzliche Kunst aufzu- 
weisen. Insbesondere wird man mit Interesse den Erzvater Jacob Alt stattlich 
aufmarschirt und mit Ansichten, wie die vorn Strassburger Dom, eine höhere 
Stufe der Schätzung erreichen sehen. Von einzelnen stets beliebten Meistern 
sieht man auch aufgelegte Curiosa, so von Peter Fendi (dessen fabelhaftes 
„Familienvereinigung des A. h. Hauses" man übrigens mit immer neuem Erstaunen 
wiedersieht) eine grosse Folge vonWasserfarbenbildern zuSchillefschen Gedichten
	        

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