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Full text: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 6 und 7)

welche das Buch nicht leicht verstanden werden könnte","' ferner die 
sogenannten Bestiarien, darunter zum Beispiel der „Bestiaire d'amour" des 
Richard de Fournival, weisen auf die von Haus aus beabsichtigte Verbindung 
zwischen Text und Illustration hin; Matfre Ermengau aus Beziers bezieht 
sich, wie wir noch sehen werden, in seinem „Breviari d'amor" direkt auf 
die seinem Texte beizugebenden und in den Handschriften wirklich vor- 
handenen Illustrationen. 
Diese Hinweise vom Wort auf das Bild sind vom Standpunkt der 
Literaturgeschichte aus noch eingehender, als es bisher geschehen, zu 
beachten. Der einschlägige Beitrag: „Livres d'images" in der Histoire litteraire 
de la France (XXXI, 213 ff.) bezieht sich nur auf die Bibeln und livres de 
devotion. Wie erstaunliche Verbreitung aber auch die Illustration von 
Profanschriften, und zwar speziell von solchen, die in der Vulgärsprache 
verfasst sind, gewonnen hatte, zeigt sehr deutlich gerade unsere Miniaturen- 
ausstellung, obwohl sie ja naturgemäss nur eine beschränkte Aus- 
wahl von Beispielen vorführen konnte. Der „Meraugis" des Raol de 
Hodenc, der „Roman de la Rose" (2 Exemplare"), die französische Version 
von Haytons „Geschichte des Orients", das schon genannte Breviari Matfre 
Ermengaus (z Exemplare), eine Weltchronik und andere leiten zu jenenMeister- 
werken der Illustrationskunst - auch der niederländischen, die sich franzö- 
sischen Texten zuwendete - hinüber, über die noch eingehender berichtet 
werden wird. Der Fortschritt, den die französischen Schreibschulen im Laufe 
von zwei Jahrhunderten machten, lässt sich an den ausgelegten Exemplaren 
in allen Einzelheiten vortrefflich verfolgen. Aus unserem Exemplar des 
„Meraugis" des Raol de Hodenc (cod. 259g) konnte nur eine ganz kleine 
Scene: Meraugis kämpft gegen Gauvin und andere um seine Braut Lidoine 
(„die Schmucke"), reproduziert werden, weil sich eben keine grösseren 
Illustrationen in der Handschrift finden. Raol de Hodenc, der bedeutendste 
Nachahmer des Christian v. Troyes, dichtete in den ersten Jahrzehnten des 
XIII. Jahrhunderts und schilderte in seinem Roman „Meraugis" einen von 
Damen gebildeten Gerichtshof, abenteuerliche Fahrten, Kämpfe, Belage- 
rungen und Feste - unser Exemplar zeigt nun, dass zur Zeit, da es illustriert 
wurde, das heisst, Ende des XIII., spätestens Anfang des XIV. Jahrhunderts, 
die Miniaturmalerei trotz aller lebhaften Bewegung, die auch aus diesem 
Bilde spricht, bei Profantexten selbst für eine vorzüglich auszustattende Hand- 
schrift noch nicht jene Freiheit künstlerischen Ausdruckes in grösserem 
Masstabe fand, die wir bei späteren Illustrationswerken bewundern. Immer- 
hin sei schon jetzt darauf aufmerksam gemacht, dass die Franzosen auch ihre 
Profantexte ganz durchzuillustrieren pflegten und den Bilderschmuck gleich- 
mässig auf den Text verteilten, während die Italiener gerade zur Zeit der 
' Vergleiche Histoire de la Langue et de la Litterature francaise, Paris, II (1896), x74. 
i" Dass G. F. Waagen. „Die vornehmsten Kunstdenkmäler in Wien", Wien, 1867, Band II, 37, die Bilder 
der einen Handschrift des "Roman de la Rose", cod. 2589, einem Niederländer zuschreibt, ist mir bekannt; sie 
ist aber, wie die Schrift zeigt. zweifellos in Frankreich geschrieben, und diese Tatsache reiht sie in die vor- 
liegende Zusammenstellung ein.
	        

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