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Volltext: Monatszeitschrift V (1902 / Heft 8 und 9)

trägt ein anderes Prachtmanuskript, das wir hier anreihen wollen, ein 
Exemplar der Naturalis Historia Plinius des Älteren (cod. 2), keine be- 
stimmten, hierauf bezüglichen Hinweise." Man darf dies bedauern, denn die 
Randleiste, welche die erste Seite 
des Prooemiums einrahmt, gehört 
nicht nur zu den reichsten, sondern 
auch zu den geschmackvollsten 
Proben dieserArt, welche die Miniier- 
kunst aufzuweisen hat. Es ist dies 
umsornehrhervorzuheben, als dieses 
herrliche Muster - wie ja so viele 
andere dieser Abteilung - von der 
Kunstforschung bisher noch nicht 
berücksichtigt, auch von Waagen 
nicht einmal erwähnt wurde. An 
Stelle des Gerinnsels tritt die reichste 
Anwendung des Blattpflanzen- und 
Blütenornamentes, das sich zum 
Teil um zierliche Kandelabersäul- 
chen rankt. Von besonderer Fein- 
heit sind die eingezeichneten Tiere; 
namentlieh   ersten Drittel des Vollbild aus dem Manuskripte mit Ciceros Reden (cod. 4) 
rechten Randes angebrachten Rehe 
sind ungemein naturwahr und lebendig dargestellt. Das Ganze atmet 
französische Grazie und Feinheit. Die höchste Meisterschaft offenbart sich 
aber wohl in der Darstellung der Putti; es dürfte wenige Handschriften geben, 
in denen diese Figürchen in gleich freier, ungezwungener Haltung, so voll 
Leben und Bewegung dargestellt sind, wie eben auf unserem Specimen. 
Beachtenswert ist auch die Füllung der Initiale L, die uns Plinius in 
seiner Studierstube arbeitend vorführt. Der gelehrte Römer erscheint in einer 
Art Mönchskutte und hält vor dem Pult ein grosses illustrirtes Werk aus- 
gebreitet; auf dem sich über dem Schreibtisch erhebenden Gestell liegen 
Bücher. An der Wand ist eine Weltkarte (in Form eines Kreisringaus- 
Schnittes) angebracht, über derselben ein Astrolabium. 
Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Schmuck der Titelseite unseres 
Manuskriptes zeigen die, freilich in viel kleineren Dimensionen gehaltenen 
Miniaturen einer Petrarcahandschrift der Trivulziana, Nr. 905.": Petrarca 
schreibt ebenso wie Plinius in seinem Studio; die Weltkarte ist genau so 
dargestellt wie in der_Initialfüllung der Wiener Handschrift. Vielleicht gehören 
 
t" Als Schreiber nennt sich „Nicbolaus Riccius Spinosus". 
H" Der gelehrte Bibliothekar dieser Sammlung, Herr Emilia Motta, hat sofort, als ich ihm eine Photographie 
des Titelbildes der Wiener Handschrift vorwies, der Konstatierung dieser Verwandtschaft heigestimmt. In 
Porro's Katalog finde: sich ausser einer genauen Beschreibung der Trivulzio-Handschrift (S. 34a) auch eine Nach- 
bildung. (Vgl. auch Essling-Müntz, Petrarque S. 83, S. x58 H.) Der Irrtum Rosinis, dass die Miniaturen dieses 
Manuskripts Giulio Clovio angehören, ist längst berichtigt worden.
	        

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