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Volltext: Monatszeitschrift XVI (1913 / Heft 4)

reicher, verschiedenartiger und machtvoller für den einzelnen Genießenden 
geworden, sie haben sich in den Gemütern der Menschen auch außer- 
ordentlich verfeinert, und das ist ein Verdienst der Landschaftsmalerei 
unserer Tage. Sie ist es, die uns darüber aufgeklärt hat, was ein künstlerisch 
gebildetes Auge aus einer Landschaft herauszuholen vermag und welche 
Fülle versteckter Schönheiten selbst eine scheinbar reizlose Gegend im 
Wechsel des Lichtes, des Wetters und derjahreszeiten in sich birgt. So bleibt 
uns heute für den Landschaftsgarten nur mehr ein mitleidiges Lächeln übrig. 
Denn das ist nicht die Natur, die wir zu bewundern pflegen. 
Wir können einem Landschaftsgarten nur dann künstlerische Werte 
zubilligen, wo genügender Raum zu seiner Entwicklung vorhanden ist, das 
heißt wo er aufhört, ein Garten zu sein, wo er im älteren Wortsinn ein 
Park ist. So würde zum Beispiel der Wiener den Dombacher Park nicht mit 
einer Anlage ähnlich wie Versailles vertauschen wollen, wogegen zum 
Beispiel unser Maria Josefa-Park seinem Wesen nach kein Park, sondern 
ein Garten ist und auch eine dementsprechende Ausgestaltung erfordert hätte. 
Aus allem Gesagten ergibt sich, daß die Gartenkunst einen ganz eigen- 
artigen Platz innerhalb der bildenden Künste einnimmt. Während der Archi- 
tekt, der Maler, der Bildhauer mit totem Material arbeitet, ist das Material 
der Gartenkunst lebendige Natur. Dort steht dem Künstler gehorsamer 
Stoff zur Verfügung, hier ein Naturprodukt, das dem Willen des Künstlers 
eigenen Lebenswillen entgegensetzt. Baum, Strauch und Blume sind nicht 
nur bestimmte Farben auf der Palette des Gartenkünstlers, sie sind auch 
Individualitäten, in denen nicht nur eine natürliche, sondern auch eine künst- 
lerische Schönheit verborgen ist. Diese künstlerische Schönheit, ich meine 
damit, diese zu künstlerischen Zwecken verwendbaren Eigenschaften, zu 
erkennen, durch entsprechende Pflege zu verstärken und richtig zu ver- 
werten, das ist die große Aufgabe des modernen Gärtners. Hierin liegt das 
Hauptgeheimnis der modernen Gartenkunst. Der Gärtner muß der Pflanze 
gegenüberstehen wie etwa der Bildhauer dem Modell, aus dem er den künst- 
lerischen Gehalt erst herausholen muß. Während aber der Bildhauer sein 
Modell nur als Vorbild benutzt, ist die Pflanze dem Gärtner Vorbild und 
Material zugleich, und es ist obendrein lebendes Material, das eine Umge- 
staltung nicht in dem Maße zuläßt wie ein Marmorblock. Die Pflanze erweist 
sich widerspenstig und ist nur innerhalb bestimmter, eng gezogener Grenzen 
bildsam. 
Die Unmöglichkeit, sein Material vollkommen zu bezwingen, ist beim 
Gärtner der Umstand, woraus sich seine Sonderstellung unter den Künstlern 
ergibt. Sie nötigt ihn, ästhetischen Bildungsgesetzen zu folgen, die von jenen 
für die andern Zweige der bildenden Kunst wesentlich abweichen. Aus einem 
Konflikt gehen die Vorschriften für die Gartenkunst hervor: aus dem Kon- 
flikt des Naturwillens mit dem künstlerischen Willen. Je nachdem der 
Kunstwille oder der Naturwille die Oberhand gewonnen hatten, entstanden 
im Laufe der Zeiten Gärten von prinzipieller Verschiedenheit. Entweder der
	        

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