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Volltext: Monatszeitschrift XXII (1919 / Heft 1 und 2)

Deutlich kann man da im Raume der evangelisch-theologischen Fakultät fühlen, daß 
die konventionelle Gleichgültigkeit, die den Künstler beim Schaffen offizieller Repräsen- 
tationsbildnisse zu lähmen pflegt, auch auf sein Publikum übergreift, und zwar um so stärker, 
je mehr solcher Werke nebeneinanderhängen. 
Dann aber blickt ein Gemeinsames und Starkes um so überzeugender von den Wänden, 
wenn es sich in vielfältiger Produktivität erprobt, wie dies im Eintrittsraume der Fall ist, 
der eine bunte Reihe zeigt. 
Man empfindet eine frische Bewegung im Hauptraum, wo Impressionisten von 
breitester und kühnster Pinselführung wie Liebermann, Lovis Corinth doch immer von der 
abgestimmten Tonskala und einer Verarbeitung direkter Naturbeobachtung ausgehen; 
wo andere den warmen Akkorden alter Meister nachsinnen, wenn sie sich auch dabei 
ganz selbstbewußt und unabhängig fühlen; hier bemerkt man ein Einverständnis, das durch 
die Zeit und Schulung gegeben ist und dem ein ganz anderes und jüngeres Streben energisch 
Opposition macht. Willy jaeckel, Julius l-lüther, Franz l-leckendorf und andere suchen nicht 
mehr den malerischen Reiz aus der Beobachtung abzuleiten. Ihnen sind der starke Umriß 
und die freie, fast gewaltsame Licht- und Farbenwirkung die neuen Wirkungsmittel einer 
Ausdruckskunst, die schöpferisch neu gestalten will. Ihre Farbengebung ist persönlicher 
Natur und doch liegt eine innere Verwandtschaft, ein neues Bekenntnis auch in ihnen, das 
der abgestimmten Tonskala, den gebrochenen Farbwerten ausweicht und sich seine Ton- 
leiter frei bestimmt, sie soll möglichst wenig an einen bestimmten Natureindruck erinnern. 
Sie scheuen auch Dissonanzen und scheinbare Unwahrheiten nicht, um der Konvention 
möglichst weit aus dem Wege zu gehen. 
Oft wird man an unseren Romako erinnert, der von seiner Zeit so wenig verstanden 
wurde und den heute mit den Expressionisten so viele Gemeinsamkeiten verbinden. 
In Schieles großen Porträten ist die zeichnerische Sicherheit und Kühnheit so weit 
getrieben und in so festen Schranken geübt, daß auch das ganz bis zum Illuminieren 
herabgedrückte farbige Element vermißt werden könnte, so lebendig erfüllt der vibrierende 
Umriß die ganze Bildfläche und bleibt persönlicher Ausdruck. 
Sein Gegenstück ist Faistauer, dem wieder nur die Farbe Erlebnis ist und der Umriß 
dabei ganz entschwindet. Aber die Farbe bleibt frei von Naturalismus und Konvention und 
folgt ihrer eigenen inneren Gesetzmäßigkeit und Kraft. Daneben wirkt I-Iartas im Freien 
gemalter Kopf als eine starke naturalistische Lichtstudie, die persönlicher ist als viele 
andere frühere Arbeiten dieses Künstlers. 
Es sind fast alle Richtungen vertreten, die seit Bestehen der Sezession in ihren 
Räumen eine Rolle spielten. Von Klimt, der von besonders subtilen wie hingehauchten 
Damenbildnissen nicht wirksam repräsentiert wird, bis zur behenden und sicheren Graphik 
Orliks, die in reicher Abwechslung zu sehen war; von den im akademischen Hafen fest 
verankerten Professoren und ehrbaren Meistern der Zunft bis zu den einst gar stürmischen 
Eigenbrödlem, die heute so nahe an die Konvention herangerückt scheinen. 
Es ist Feines und Tüchtiges, aber auch Konventionelles und Verblaßtes darunter. Wir 
haben Distanz gewonnen und uns will die große Erregung von einst nicht mehr begreiflich 
scheinen. 
Namentlich in so mannigfaltigen Kraftproben beschäftigt uns nicht das Porträt, das den 
Besteller befriedigt, das seiner Eigenliebe schmeichelt - da interessiert viel mehr die starke 
Note einer Künstlerschaft, die aus einer menschlichen Erscheinung das Wesentliche heraus- 
holt, das sie allgemein interessant oder bedeutend erscheinen läßt. Da ist nur die konzen- 
trierte Charakteristik, die eine Individualität festhält von Belang, wenn sie uns auch durch 
eine Persönlichkeit von künstlerischem Rang eindringlich aufgezeigt wird. Nicht leicht 
gelingt der Zusammenklang zwischen Darsteller und Dargestellten zu einer Einheit. Aber 
er ist in dieser Schaustellung doch oft genug zu finden. 
Ein Plastiker von großer Produktivität, Gustinus Ambrosi, füllt einen ganzen Raum 
mit seinen Büsten. Er läßt erkennen, daß er sich der Not gehorchend auch unterzuordnen
	        

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