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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe XII (1897 / 12)

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äußerung gelten, als ordnungsloses l-lopsen für Tanz, Lärrnmachen für 
Musik genommen werden kann. Das Verhältniss der complicirten Formen 
von Lebewesen zum Ordnungsschema einer Zierfurm ist im Ganzen ein- 
facher und klarer als oft angenommen werden mag. Die wünschenswerthe 
Vertheilung der Massen erfolgt fast stets ohne besondere Schwierigkeit, 
und die Linienführung ist zunächst abhängig von jenen Resultanten, die 
in der Sprache der Praktiker Empfindungslinien genannt werden. 
Wird bei Gebilden animalischer oder vegetabilischer Art das, was 
zur Construction erforderlich ist, gewissermaßen erst herausgeschält, und 
das ideale Gerippe für sich in Betracht gezogen, so fügt sich das Ganze 
leicht. Immer sind Richtung andeutende oder Raum umschließende Linien, 
0b nun factisch gezogen oder nur ideal empfunden, das Wesentliche, die 
Träger der mannigfaltigsten schmückenden Einzelheiten, realer oder 
phantastischer Gestaltung. Der Uneingeweihte betrachtet in der Regel 
diese Einzelheiten, als z. B. Blumen und Blattwerk, Bänder, lebend ge- 
dachte Thiere und todte emblematische Zuthaten als das Hauptsächliche 
eines Ornaments, und sammelt sie, im Falle er angehender decorativer 
Künstler ist, als nMotive-i, die er dann oft genug herzlich schlecht zu 
verwerthen weiß. 
Dass die erwähnten Zuthaten mehr oder weniger nebensächlich sein 
können und müssen, ergibt sich aus dem Umstand, dass sie für sich allein 
und ganz ohne Rücksicht auf irgend welche Construction beinahe gar 
nicht in Betracht kommen, während durch rein constructive Gebilde 
allein ,schon ein reicher Ornamentschatz zu schaffen möglich ist und in 
mehr als einer Kunstperiode thatsächlich geschaffen wurde. Viele hierher 
gehörige Arbeiten werden allgemein mit dem conventionellen Ausdruck 
geometrisches Ornament bezeichnet, was insoferne nicht eben berechtigt 
ist, als die schönsten und zahlreichsten Beispiele mit Hilfe geometrischer 
Lehrsätze allein niemals hätten erfunden werden können, und als auch 
keineswegs ausgeschlossen ist, solche gänzlich ohne Beihilfe irgend welcher 
geometrischer Form zu erzeugen. 
ln den nachfolgenden Zeilen soll hauptsächlich darauf hingewiesen 
werden, dass das constructive Princip zu Bildungen führt, die ohne allen 
Zweifel als ureigenste Schöpfungen des künstlerisch wirkenden Menschen 
zu betrachten sind, d. h. deren Bildung außerdem niemals in der Ab- 
sicht der Natur gelegen war, von denen also die Natur kein Vorbild ge- 
boten hat. 
Jenen gegenüber, die hierin etwa artistische Ketzerei vermuthen 
(und ich denke, dass es deren mehr als genug geben wird), möge noch 
die Thatsache hervorgehoben werden, dass beispielsweise auch auf dem 
Gebiete der Chemie vor noch nicht zu langer Zeit die synthetische Her- 
stellung gewisser Verbindungen, für die in der Natur keine Beispiele zu 
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