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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1871 / 67)

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das schlichte Instrument zu seiner Herstellung. Aus solchen Uranflingen ging denn wohl 
auch die Grödner Industrie hervor, aber sie gestaltete sich erst durch den glücklichen 
Einfall und den Unteroehmungsgeist eines Einzelnen, wie zugleich durch die gebieterische 
Fordsmng der Noth aus einer Hausiudustrie zu allgemeiner. Ausserdem ist ja Gröden 
nicht die alleinige Stätte, wo Holzsohuitzerei geübt wird, sondern es findet sich mehr 
oder minder über die Mehrzahl der tirolisehen und bairischen Alpenthäler dieselbe Ge- 
werbiibnng verstreut. Hier rsgen Ammergan und Berchtesgaden hervor, in Tirol aber 
bestand z. B. schon im Beginn des 17. Jahrhunderte in den benachbarten Thiilern von 
Sugana und Tesino ein ähnlicher, gleichfalls durch den Hausirhandel weit über die Lan- 
desgrenzen verbreiteter Kunstbetrieb, sowie denn namentlich das religiöse Bediirfniss im 
Mittelalter keine geringe Zahl prachtvoller holzgeschnitzter Flügelaltiire auch hier zu 
Lande entstehen liess, in einem niedrigeren Grade aber heute noch fast in jedem Dorf 
durch die „Hergottsschnitzler' befriedigt wird, denen die Fertigung der Grucilixe, Heiligen- 
bilder, Grabkreuze u. dgl. obliegt. Die Elemente, Vorbilder und Praktiken waren also 
allerseits geboten vorhanden und es bezeugt den Zusammenhang der Grödner Schnitzerei 
mit der des ganzen Landes der Umstand, dass ihre romanische Sprache ein deutsches 
Wort aufnehmen musste, um die Technik zu bezeichnen: snizle. 
Johann de Mez war in Schnaut unweit des Hauptortes im Thale St. Ulrich geboren. 
Er sah den Nothstaud seines Volkes, das in guten Jahren mit dem Getreideerzeugniss des 
ganzen Thalcs kaum länger als ein halbes Jahr auskam und in steigender Vermehrung 
begriden auch mit dem Erlös der Viehmastung den Bedürfnissen schwer Genüge thun 
konnte. Fleissig und sparsam wie sie waren, hatten die Grödner in diesen Dingen -das 
ihrige redlich gethan, auf diesem Gebiete liess sich eine Verbesserung, eine Abhilfe der 
Armuth kaum ersinnen, aber ringsum an den Abhängen erhoben sich weite Wiilder der 
Zirbellichte, schier ungenutzt, ein unbehobener Schatz der Berge. Der glückliche Blick 
jenes Mannes, geleitet von der Noth, die erfinderisch macht, erkannte die übertretfliohen 
Eigenschaften dieses Holzes für plastische Bearbeitung und ihm fehlte es auch nicht an 
richtiger Einsicht, um zu begreifen, dass aus der Fremde Vorbilder geholt werden müssten, 
auf dass die Fabrication des Thales auch in der Fremde Anwerth erlangen könne. Auf 
diese Weise ist er der Wohlthäter seiner Landsleute für alle Zeiten geworden. Er mochte 
gesehen haben, dass dieselben in der Bereitung ihrer hölzernen Löffel, N"pfe, Gabeln 
und dgl. eine gewisse Geschicklichkeit verriethen, er haute also auf zwei bedeutsame 
Factoren: den besten Rohstoff und volksthümliche Praxis des Technischen, seinen Plan. 
Damals gab es noch eine Fülle der herrlichen Blume im Thal. Die Zirbelßchte oder Arve, 
in Graubündten Arbe, in Wallis Arolla genannt, pinus cembra, reicht in mächtiger: 
Strichen bis 7000' an die Gletschergrenze, ihre charaktervolle Erscheinung gehört zu den 
schönsten Zierdcn der Alpendora. Wie ein Kronleuchter stellt sich der bis 80' hohe Baum 
dar, die Aeste streben horizontal von dem rauheu dunkeln Stamm ab, der an einzelnen 
Riesenbliurnen einen Umfang von l2' erreicht Das Holz hat bei grosser Festigkeit und 
enormem Widerstand gegen die Feuchtigkeit geringe Schwere. ferner einen feinen harzi- 
gen Dnft und die Eigenschaft, an der LuR einen schönen, röthlichen Ton anzunehmen. 
Aus so vorzüglichen Material schnitzte Johann de Mez im Jahre 1703 zuerst glatte 
schlichte Stäbcheurahmen liir Bilder und wagte bei günstigen Erfolgen allmihlich auch 
reichere, oruamentirte Rlihmchen zu arbcilen, welche er im Geschmacks der Zeit mit 
Laubwerk und Muscheln verzierte. Dazu halfen ihm seine Söhne, denen sich alsbald noch 
mehrere junge Leute anschlossen, und die übrige Thslbevölkerung folgte nach, so dass 
gen die Mitte des Jahrhunderts ganz Gröden bereits eine Bildschnitzercolonie von 
3-4000 Arbeitern war. Je mehr Köpfe und Hände sich an der Arbeit betheiligten, je 
reichlichercu Absatz dieselbe als Neuigkeit im ganzen Tirolerlande fand, desto näher 
musste es liegen, nun auch durch neue Formen für Abwechslung zu sorgen und auch 
hiezu leistete des Volkes Sitte und Eigenthümlichkeit den meisten Vorschub. Man weiss, 
wie viel der Tiroler auf die prächtige Ausschmiickung des Weihuacbtskrippleins hält; 
beträchtliche Summen werden hiezu für Decorationen, Sammt- und Flitterkleider der 
Puppen und ähnlichen Pomp verwendet, wie diese Lust in der allen Touristen bekannten 
Krippe des wackern Gerbeuneisters Mooser in Bozen wshrhah monumentalen Ausdruck 
gefunden hat. Diesem frommen Luxus schien nnn die neue Grödener Plastik von Gott 
gesendet, statt zopfigcr Bilderrahmen schnitzelte bald Alt und Jung im Thale Königs, 
Hirten, Oechslein und Eseleiu zur Krippe und der Anlass war gegeben, demzufolge nun 
Figuren, seien esIChristnsbilder oder Kinderspielwaaren, fast ausschliesslich in Gröden an- 
gefertigt wurden. In einem so frommen Lande wie Tirol konnte es sich also noch im 
18. Jahrhundert ereignen, dass die so spät neu entstandene Kunst eben in der Weise 
an den Einrichtungen der Kirche emporwnchs, wie im Mittelalter es aller Orten ihr Halt 
gewesen war. 
Zugleich machte sich damals - und leider nur das eine Mal - in den schlichten 

	        

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