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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VII (1872 / 79)

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wIm ersten Anfang war der Lehrplan des Gewerbe-Instituts der 
einer kleinen Gewerbeschule. Allmälig aber hat er sich erweitert, um 
heute an Reichthum mit in der ersten Reihe der polytechnischen Unter- 
richtsplärie zu stehen. ln den letzteu zehn Jahren namentlich ist der Lehr- i 
stoif auf mehr als das Doppelte gestiegen. Zum Theil ist dies dem Ein- 
gehen auf besondere und neue Disciplinen, zum anderen Theile aber der 
Einführung allgemein bildender, also nicht technischer Lehrstolfe zuzu- 
schreiben. Das hier zur Anwendung gelangte Princip, zu welchem sich 
auch die meisten Schwesteranstalten bekennen, beruht auf einer Auffassung, 
welche vielleicht der Erläuterung bedarf. 
wGrosse schöpferische Männer aller Zeiten zeigen eine universelle 
Bildung. An Michel Angelo, Leonardo, Descartes, Leibnitz, 
Watt, Schinkel, Beuth bewundert man die Vielseitigkeit des Wissens 
und Könnens; man staunt darüber, dass sie so begabt waren, neben einem 
Hauptfache noch viele andere gründlich zu kennen und theilweise zu be- 
meistern. Richtiger ist es aber wohl, den Satz umzukehren: weil sie 
die anderen Fächer bemeisterten, leisteten sie Grosses in einem oder meh- 
reren. Die Reflexe des einen Stoffes auf den andern ermöglichen allein 
das Entdecken neuer Wahrheiten; sie gestatten das Zusammenfassen der 
Erscheinungen, die Auffindung des allgemeinen Gesetzes, die Erklimmung 
der höheren Stufe. Darum ist die Erziehung, welche das Höchste leisten 
soll, nicht zu denken ohne die Ermöglichung universeller Bildung. Darum 
ist es verkehrt, das Höchste von der einseitigen, auch noch so scharf- 
sinnigen Specialbildung zu erwarten. Die speciellen Richtungen im Schul- 
wesen bedeuten nicht, wie die Menge leicht glaubt, eine Bereicherung der 
Bildung; sie drohen eher das gerade Gegentheil. Eine Zeitlang zwar lebt 
sich leicht mit der Specialisirung; allrnälig aber tritt ihre den Geist 
austrocknende Wirkung unfehlbar ein. Frankreichs bittere Erfahrungen 
auf dem Gebiete der technischen Ausbildung sind uns allen noch lebendig; 
wie schneidend aber war die Verurtheilung seiner so hoch entwickelten 
Specialschulen ausgesprochen, als der Dictator in Tours Geographie und 
Geschichte in den Lehrplan der polytechnischen Schule einzuführen be- 
fahl. Dem gegenüber zeigt uns England, welches bis jetzt technische 
Schulen kaum besitzt, vielmehr überall in der Richtung der Universal- 
bildung seine Schulen leitete, dass mit dieser Bedeutendes auch für den 
Techniker geleistet werden kann. Abgeschlossen ist dies Rechenexernpel 
noch nicht; aber gerade in diesen Jahren ist es, wo das Uebergewicht der 
deutschen Techniker über die englischen sich bemerkbar zu machen be- 
ginnt, und wo England, die Gefahr erkennend, laut nach der Einrichtung 
technischer Hochschulen, und zwar nach deutschem Muster, ruft. lch bin 
ausser Zweifel, dass die universellere Richtung, weche Deutschland der 
Ausbildung seiner Techniker gegeben hat, als der Schlüssel zu dem Ge- 
heirnniss ihrer wachsenden Thätigkeit anzusehen ist. 
vEs wird Sie interessiren, wie Beuth in diesem Punkte dachte. Aus
	        

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