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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VIII (1873 / 88)

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die grosstentheils ganz zeitgleiche und höchst mobile Einlagerungsweise der Gerathe, durch 
die Masse des im Allgemeinen gleichen und doch in kleinen Ausführungen lebhaft ver- 
schiedenen Waßenwerkes. Es sind Bestände, die in Massen ausgenützt, Bestande, die 
aber vielleicht auch gar nicht zur Hinausgabe gekommen sind; festgearbeitete Alltags- 
wehren und hinwieder elegante Kunstwerke, dem Manne eigen, wie er mit Tausenden 
hinschritt, wie dem hochadeligen Anführer, der mit seinen besten Stücken glünzte. Das 
schmale Haus mit den drei Stockwerken neben dem Landhause, mit seinen eisendraht- 
verkrüpften Fenstern, mit seinen Standbildern von Mars und Bellona und mit demWappen 
Myndorf (Hofkriegsprasident), Rotenmann (Propst Andrea), Rattmannsdorf, Saurau, Eibis- 
wald - stammt aus dem Jahre 1644. Allerdings offnet sich das breite Einfahrtsthor nur 
beim Klange der Feuerglocke. Aber das mit Unrecht im Rufe der Unzuganglichkcit 
stehende altersgraue Gebäude thut sich von der Landhaus-Hofseite jedem Besucher auf, 
der in die Vorzeit eingehen will. Auch an ganz allgemeinen Andeutungen über den hoch- 
interessanten und werthvollen Inhalt fehlt es in der Literatur nicht; ich nenne Polsterer's 
Graz ES. 112,197), die Wiener Zeitschrift für Mode (1830, Nr. 98), Sehreincr's r-Gratz- 
(S. 22 ), Leber, -Wien's k. Zeughausu (S. 356), Scheiger's Expose in den Vereinsmit- 
tbeilungen (L, 71) und die neuesten Fremdenführer. 
Wenn nun das Rüsthaus des 17. Jahrhunderts nur WaEen seit eben diesem Jahr- 
hundert erwarten lasst, so ist das im Wesentlichen richtig. Aber noch immer reichen 
manche vorzügliche Stücke des Zeughauses in's 16. Jahrhundert zurück und weisen ver- 
einzelte Sammlungsstücke gegen die anfangende Pulverzeit hinaus. Was liegt also naher, 
als an eine landschaftliche Rüstkammer zu denken, welche schon lange vor des 17. Jahr- 
hunderts erster Halfte, vielleicht gar schon seit den Zeiten Bela's lV. (1254) bestand, so 
dass im Neubaue eben auch nur die neuesten Walfen untergebracht waren. Ob das land- 
schaftliche Rüsthaus vor dem Erwerbe des RattmanstortFschen Hauses (1639) nicht viel- 
leicht mit dem bürgerlichen Zeughaus nacbst dem Franziskanerkloster in Verbindung 
stand? Denn die bürgerliche Schaarwache und die standischen Lanzknechte gehen immer 
als ugut Freund: nebeneinander; so 147g unter dem Kurfürsten von Sachsen-Branden- 
burg, so 1532 zur Stadtwehr gegen die Türken. 
Wenn nun die Bestande aus den Zeiten der Ungarn- und ersten Türkeneinlalle 
verschwunden sind, so beginnt das Gros der Watfenstücke, namentlich der Arkebusiere 
und Lanzknechte, allmalig mit den Regierungszeiten Friedrichs lV., dichter seit Erzh. 
Karl von Steiermark, also zusammenhangend aus der Reihe der letzten 300 Jahre, seit 
nämlich die Landesvertheidigung im Vereine mit den Landstanden so eigentlich voll- 
ständig organisirt worden ist. 
In diesen nicht breiten, aber endlos langen Kammern, in welche erst durch aufge- 
rissene Thorbalken Licht geschaffen werden musste, lagen die Hunderte und Tausende 
von Spiessen und Fhnten und aller Kriegskram, der in die starkgezimmerten Holzböcke 
noch grosstentheils gerade so eingelagert liegt, wie vor ein-, zweihundert Jahren. Dass 
so ein einziger Gang über die Treppe mitten in ein Heergerath und in sein Depüt von 
genau 228 Jahren Alter hineinführt, das ist ein Reiz des Grazer Zeughauses, über den 
ich schon mehr als einen vielgereisten Kenner in Ekstase kommen sah. Dass alle öster- 
reichischen Kronlander nichts Aehnliches bieten, braucht nicht erst hervorgehoben zu 
werden. 
Das Geschick aller Zeughauser ist auch dem Grazer nicht fremd geblieben; es 
wurde zu manchen Zeiten ausgebeutet. Jetzt wäre es wohl nimmer möglich, 30.000 
Mann vollstandig gerüstet aus den Rüstkammem hervorgehen zu lassen. ln den Grenz- 
festungen, bei den Austüstun en des Schlossbergs (1609, 1665 etc.), in den letzten Auf- 
geboten gegen die Türken 1 , gegen die Bauern der Stadtumgebung 1737-38, durch 
die französischen lnvasionen 1797, 1805, 1809 und 1810 und durch die allgemeine Be- 
waffnung im Jahre 1848 ist sicher manche grosse Anzahl gemeiner Waden und manch' 
ein zierliches Einzelstück verloren gegangen. Diesem Zuwenig gesellte sich wieder ein 
Zuviel. in das Zeughaus aufgenommen worden sind nämlich auch Stücke, die da nicht 
hineingehoren, wie z. B. die schone zweisitzige Sanfte mit Rothsammt, Schnitzwerk und 
dem Bathorfschen Wappen im ll. Stockwerke, der Prunksciilitten Kaiser Friedrich's lV. 
von prüchtiger Arbeit (vergoldete Holzschnitzerei, gemalte Wappen) im lll. Stockwerke, 
der Elephantenkopf und Anton Sigl's Baumodelle vom Schlossberge vor und nach 180g 
(im lV.) und dergleichen. 
Aber ziehen wir diesen Ueberschuss ab, so bleibt für die reine Zeughaussammlung 
immer noch eine Nummernzahl von etwa 18.250. Uebrigens können vom Anschlag aus 
noch immer Watfentheile, Beschläge und Bruchstücke in der Zahl von etwa 2000 bei 
Seite gelassen werden und es bleibt uns die rcspectable Nummernzahl über 26.000. Schon 
diese Nachricht ist geeignet, das grosste lnteresse für die Sammlung aus den weitesten 
Kreisen zu concentriren. 
Selbstverständlich sind es nur wenige Gattungen von WValfcn und Kriegsgerath, in 
welche hinein sich diese Anzahl auftheilt. Man möchte (und darin liegt die dunkle Seite
	        

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