MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst III (1958 / Heft 12)

romantische Vision zu verdichten und gelangt zur Realität der 
Vorstellung. 
Zur gleichen Zeit schuf Otto (iutfreund NVerkc, die im engsten 
Zusammenhang mit dieser Entwicklung stehen und die in sti- 
listischer Hinsicht einzig mit den frühen bildhauerischen Ver- 
suchen Picassos verglichen werden können. Die grundlegende 
Tendenz seiner Bemühungen definierte Gutfreund folgender- 
maßen. 
.,Einc Plastik ist nicht räumlich übertragene. stehengebliebenc 
Zeit, sondern der Ausdruck fortdauernden Werdens, unzerreiß- 
barer Bewegung, deren Rhythmus derselbe ist, wie der des 
schöpferischen Denkens. Kein steingewordenes Fragment der 
Zeit, aber eine unzerreifibttre Wellenbetvegung, die Ufer des um- 
grenzenden Raumes mit sieh reißend . . ." 
Die schöpferische Analyse, die sich so intensiv mit der negativen 
und positiven Kontrapunktion der liormen auseinandersetzt, 
wie wir sie z. B. bei dem „Frauenkoplm von Picasso aus dem 
Jahre 1910 finden, findet bei Gutfreund eine andere Verwen- 
dung. Im Jahre 1911 bereits entsteht die monumentale Plastik 
„Angst", eine Kristallisierung der inneren Vision, die Materiali- 
sierung eines psychischen Vorganges. Ein Werk von gänzlich 
origineller Form, ohne Parallele im damaligen Europa. Be- 
wunderswert sind in dieser ' it Cutfreunds Erfindungsreichtum 
und Mannigfaltigkeit seiner künstlei" eben Lösungen. Zur glei- 
chen Zeit, wie „Angst", entstehen Plastiken, darunter nl-Iamlet" 
oder „Kopf des Don Quiehotte". in denen das Prinzip der schöp- 
ferischen Analyse abgewandelt, gemildert wird. Es entstehen 
bewegliche, hochexpressive Formen, voll innerer Dynamik, die 
in mancher Hinsicht an Daumiers „Ratapoil" erinnern. Dieser 
Zug Gutfreunds wurzelt in der 'l'radition des böhmischen Ba- 
rocks, das im Werk des Nlatyaslärtttm einen derHöhepunktc der 
expressiven, dynamischen Plastik in lluropa darstellt. Der Geist 
des Barocks, welcher sich noch heute in den Portalen derPrager 
Paläste, in der erregenden Architektur der Kirchen, in der dra- 
matischen Gestik der Figuren der Karlsbrücke manifestiert, ent- 
steht aufs neue in neuer liorm bei Gutfreund. In seiner konstan- 
ten Bewegung erinnert zwar manches an Boccioni, ist aber im 
Wesen ganz anderer Art, kein romanisehes liurioso, sondern 
mitteleuropäische Romantik, um durehgcistigten Ausdruck be- 
müht, um die Mitteilung menschlicher Zwisehentöne. 
Gutfreund selbst hat in einigen seiner Gedanken die Plastik als 
das Entfalten einer Vorstellung von der Bewegung charakteri- 
siert. Dieses Problem wird auf besonders prägnante Weise in der 
Plastik „Der Cellist" aus dem Jahre 1912 gelöst. Hier treten die 
expressiven Gestaltungsmittel bereits vor den neuen Problemen 
des formellen Aufbaues zurück. Und dies um zwei Jahre früher, 
als das berühmte „Pferd" Duchamp-Villons und auf gänzlich an- 
derer Basis als Boccionis Plastiken aus der gleichen Zeit. 
Gutfrcund: weiteres Experimentieren in dieser Richtung wird 
durch ungünstige Lebensverhältnisse unterbrochen. Erst nach 
dem Ersten Weltkrieg gelangt er wieder zur systematischen 
 
Bohumtl Kubista, Der hl. Sebastian. Öl 1912. 
Arbeit Zu dieser Zeit befaßt er sich bereits mit anderen Prob- 
lemen. Lir sucht nach neuen Ausdrucksmitteln der reinen liorm. 
Er vereinfacht die Materie zu großen Blockgebilden, so wie es 
bei den gleichzeitigen Verstichen von Lipehitz oder Laurens der 
Fall ist. Gutfreunds kubistische Plastik bleibt jedoch einer der 
bedeutendsten läeitriige dieses Raumes zur Kunst des 20. Jahr- 
hunderts. - 
BIOGRAPHXSCHES 
Otto Gutfreund wurde am 3. August 1889 in Königinhof in Böhmen 
geboren. Er studierte 1906-1909 nn der Prager Kunstgewerbeschule, 
1909-1910 bei Bourdell in Paris. 1910 kehrte er über England, Bel- 
gien und Holland in seine Heimat zurück. Die Enlslehungszcil seiner 
klllllSllisCllßh Plastiken fällt in die Jahre 1911 bis 1913. 1914 fährt er 
nach Paris, wo seine künstlerische Arbeit durch den Ersten Weltkrieg 
unterbrochen wird. Nach dem Krieg kehrt er nach Prag zurück und 
ändert seine schöpferische Arbeitsweise Er verläßt das kubistische Prine 
zip und wendet sich der vollen pl "sehen Form, ausgehend von der 
optischen Realität, zu, In diesem St n dem sich immer wieder kubi- 
stische Reminiszenzen manifestieren, schafft er eine Reihe starker und 
origineller Werke. Er stirbt auf tragische Weise im Jahre 1927, im 
Alter von 37 Jahren. 
 
 
21
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.