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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIV (1969 / Heft 103)

Schwer zu erklären ist, warum Franz von 
Retz sich im Defensorium gerade auf den 
einzigen Gegenzeugen der damaligen Zeit, 
Albertus Magnus, beruft. Lag ihm eine 
verstümmelte Albert-Ausgabe vor? Die 
Frage, welche der noch bestehenden Ab- 
bildungen denen des Originals am ehesten 
entsprechen würden, ist kaum mehr zu 
entscheiden. Nach meiner Ansicht ent- 
spräche die Abbildung im Blockbuch des 
Walther von Tegemree und jene im Defen- 
sorium aus der Druckerei des Hurus von 
Saragomz am ehesten in ihrer Klarheit und 
Einfachheit dem Stile der damaligen Zeit. 
Auch wann und wo die ersten Abbildungen 
der Baumgans auftauchten, wird sich schwer 
entscheiden lassen. Die Annahme Heron- 
Allens, mit der Abbildung der „Barliata" 
und „Carbates" im „()rtus sanitatis" 
(Mainz 1491) habe die Ikonographie der- 
selben begonnen, beruht jedenfalls darauf, 
daß dem englischen Forscher, dem fast 
nichts über die Geschichte des Mythos 
entging, die Abbildungen in den Defen- 
sorien nicht bekannt gewesen waren. 
Aeneas Sylvius Pirmlanlini, der spätere Papst 
Pius 11., reiste im Jahr 1435 in geheimer 
Mission zu König Jakob I. von Schottland 
und versuchte bei dieser Gelgenheit, dem 
Wunder der Baumgans nachzugehen. Er 
schreibt in seiner „Geschichte Europas" 
im 46. Kapitel, er habe seinerzeit gehört, 
daß an den Ufern eines Flusses in Schott- 
land ein Baum wachse, welcher enten- 
förmige Früchte hervorbringe. Wenn diese 
nahe der Reife seien, Helen die einen auf 
die Erde, die anderen ins Wasser, wobei 
die auf die Erde gefallenen vcrfaulten, die 
ins Wasser gefallenen aber wieder auf- 
tauchten, Federn bekämen und davon- 
Högen. Wie er aber der Sache nachgegangen 
sei, habe er erfahren müssen, daß die Wun- 
der, je näher man ihnen komme, sich immer 
weiter entfernten und die berühmten Bäume 
sich nicht in Schottland, sondern auf den 
Orkadischen Inseln befänden. 
Auch im 16. Jahrhundert beschäftigte dieser 
Mythos weiter die Gelehrtenwelt. Der 
Schweizer Naturforscher Konrad Gessner 
(s. o.) bringt in seiner Naturgeschichte der 
Vögel eine Abbildung der Bernikelgans, 
„so von den Teutschen gemeiniglich Baum- 
gans genannt wird". Ein „kunstreicher 
Maler und Vogler" hatte ihm diese Ab- 
bildung aus Straßburg zugeschickt. Außer- 
dem bringt er noch zwei Abbildungen von 
Gänsen, „so die Schotten Clokis nennen". 
Gessner ließ es aber bei der Zusendung 
von Abbildungen der schottischen Gänse 
durch verläßliche Maler nicht bewenden. 
Es heißt in der durch Rudolf Heusslin ins 
Hochdeutsch versetzten Ausgabe von 1600, 
daß ein gewisser Octavian, ein Ire, den 
sagenhaften Vogel gesehen habe: 
„Er habe noch unzeytige junge dieser 
vögel mit seinen augen gesehen und in den 
henden gehabt." Falls Gessner auf ein oder 
zwei Monate nach London kommen könnte, 
würde er ihm solche zeigen. „ . . . man 
darf also nicht glauben, daß das ein märlein 
sey . . ." 
So phantastisch und unglaubwürdig die 
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Schilderungen über das Auffinden des 
Jugendstadiums der Baumgans klingen, so cr- 
scheint diese Täuschung völlig verständlich, 
wenn man wie der Verfasser die von zahl- 
reichen Bohrwürmern angenagten und mit 
Entenmuscheln besetzten angeschwemmten 
Schilfsplanken untersucht und sich in den 
mittelalterlichen Geist versetzt. Die Illu- 
sion, es könnte sich um teilweise befiederte 
Entwicklungsstadien eines Vogels handeln, 
ist leicht zu erwecken. Den Beobachtern 
allerdings, die behaupteten, sie hätten auch 
noch die Vögel davoniiiegcn gesehen, 
dürfte wohl die Phantasie einen Streich 
gespielt haben. Gessner zitiert dann noch 
den schottischen Geschichtsschreiber Hector 
Boefiu: (1465-1536), der berichtet, 1490 sei 
an den Ufern der Festung Pitsligo ein 
großer Baumstamm nngeschwemmt und 
hierauf vor vielen Augenzeugen zersägt 
worden und „man sah von stund an" 
nicht nur Würmer, sondern auch gefiederte, 
vogelartige Lebewesen. Hector Boetius 
kommt schließlich zu dem Schluß, daß 
diese Vögel sich nicht aus Baumfrüchten, 
sondern durch Fäulnis im Meere ent- 
wickelten, das ja schon Homer und Vergil 
als Vater aller Dinge bezeichnet hatten. 
Auch auf einem Schiffe „Christoffel", das 
ganze drei Jahre vor den Hebriden vor 
Anker gelegen sei, hätten sich ähnliche von 
Würmern durchbohrte Blöcke vorgefunden, 
etliche ungestalt, etliche noch nicht ganz 
wie Vögel, einige aber bereits vollkommene 
Vögel. So kommt es wohl, daß auch ernste 
Wissenschaftler wie der geachtete Zoologe 
und Begründer des Botanischen Gartens 
in Bologna, Ulysses Aldrovandi (1522 bis 
1605), sich von der Sache nicht lösen konnte. 
In seinem dreibändigen Vogelbuch aus 
dem Jahre 1603 bringt er sehr „über- 
zeugende" Zeichnungen von der Ent- 
wicklung der Baumgans, wobei der Zeich- 
ner einfach die Muschelgebilde mit den 
Rankenfüßen an einen Baum in der Nähe 
eines Wassers hängte. In der letzten Aus- 
gabe bringt er sogar eine genaue ana- 
tomische Aufgliederung der Entenmuschel 
und als letzte Figur eine ausgewachsene 
Bernikelgans. Obwohl Aldrovandi alle für 
und gegen die Sage existierenden Ab- 
handlungen erwog, wie etwa Piccolomini 
oder Albertus Magnus, schloß er sich end- 
lieh der Mehrzahl der Irrenden an. Das, 
obwohl erst 1595 auch der Holländer 
Wilhelm Beim}: die Sage als Irrtum ent- 
deckte, als er selbst die Rottgänse, ein 
weiterer Name der Bernikelgans, in Grön- 
land brüten sah und richtigerweise an- 
nahm, die Sage aufgeklärt zu haben. 
Die überaus zahlreichen Abhandlungen 
über dieses Thema sind der beste Spiegel 
dafür, wie sehr es einst die Wissenschaft 
vom Mittelalter bis weit in die Neuzeit 
hinein beschäftigt hat. Es würde zu weit 
führen, alle Historiographen und Natur- 
Wissenschaftler, die sich mit dieser Materie 
beschäftigt haben, auch nur anzuführen. 
Im 17. Jahrhundert führte der Jesuiten- 
pater Caspar Xrboti in seiner „Physica 
curiosa sive mirabilia naturae et artis" 
(Würzburg 1667) gegen dreißig ihm aus 
den Bibliotheken zugänglichen Autoren an, 
von denen der größte Teil durch die falsche 
Auffassung von der Natur der Entenmuschel 
und die übertriebenen Augenzeugenbe- 
richte angeblich verläßlicher Gewährs- 
männer getäuscht worden war. 
Auf die Ikonographie der Baumgans scheint 
mir gerade das Defensorium (s. o.) an- 
regend gewirkt zu haben, wie seinerzeit 
der „Physiologus" den Anlaß zu zahlreichen 
Illustrationen bot. Als im Jahre 1425 der 
Priester und Mönch Christian Ueuperkger 
aus Stams in Tirol als Stiftung seiner 
Familie in Hall eine „kunsrreiche Tafel 
zur Verteidigung der Jungfrauschaft Ma- 
riae" zu malen anordnete, muß ihm schon 
ein entsprechender Entwurfvorgelegen sein, 
wenn auch die Abbildungen zur Zeit der 
tatsächlichen Ausführung dem Zeitstil ent- 
sprechend ausgeführt wurden. Im Katalog 
der Wiener Ausstellung „Europäische 
Kunst um 1400" wird auf die Urheberschaft 
der Tafel durch den Maler Hans Masolt 
hingewiesen. Die Baumgänse der Votiv- 
tafel sind auf Goldgrund gemalt: Drei 
Bäume stehen am Rande eines kleinen Ba- 
ches, vier Gänse hängen vorne an den 
Bäumen, von dreien weiter hinten sieht 
man die Schwänze herabhängen. Im Wasser 
sind keine Gänse abgebildet. Eine andere 
Darstellung, auf der Schleißheimer-Tafel, 
zeigt zwei Enten im Wasser, zwei stürzen 
von den Bäumen. Das Fresko im Brixner 
Kreuzgang stellt einen Baum auf einem 
blauen, sternübersäten Grund dar, gemein- 
sam mit der Kappadozischen Stute, die 
vom Winde empfängt. Der Baum steht 
zu Häupten am Rande eines Wassers, in 
welchem drei Vögel schwimmen, die man 
wohl als Gänse ansehen muß. „Drei bäume 
mit Vögeln und Früchten" heißt es schlicht 
im entsprechenden Katalog. 
Von Interesse erscheint wohl, daß noch 
1801 in London „the wonderful goosetree 
or barnacletree, a tree, bearing geese" 
ausgestellt war. Aber auch hier hat es sich 
wohl um Entenmuscheln gehandelt. 
Wenn die Diskussion über dieses „Wunder" 
bis ins 18. Jahrhundert geführt wurde, so 
ist das Problem der Baumgans heute schon 
so sehr vergessen, daß vielfach nicht einmal 
mehr Fachleute die Baumgans in den 
Defensorien erkennen. Die Naturgeschichte 
ist längst zu schwierigeren Problemen vor- 
gestoßen, und in der Fastenvorschrift spielt 
die Bernikelgans keine Rolle mehr. Auch 
das „Wunder" hat sich in einen Irrtum 
gewandelt. 
So blicken wir auf die Baumgans als ein 
Beispiel des menschlichen Versuches zurück, 
die Welt zu deuten und zu verstehen, des 
Versuches, der trotz Irrtum und Täuschung 
den Menschen dennoch zum Erfolg der 
Erkenntnis führt. 
LITEILATURHINWEISE 
1 Edward Hevan-Allen, „Bcrnacles in Nature and in Myth". 
London 192a. 
1 Georg Jakob, "Arabische Bericht: von Gtsandten an 
manischen Fürstenhöfen des 9. und 10. Jahrhunderts". 
gelrlin 1927. 
1 „Die Bernikelgaiß, ein mittelalterlicher Mythos" in: 
„Mschx. rui- Geschichte und Wissenschaft des Judentums", 
xvln (1869) 82-93.
	        

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