MAK

Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 110)

Ob und wieweit nun in komplexen Tatbeständen 
eine Ganzheit gefunden wurde, läßt sich frühestens 
sagen, wenn der Wohn- und Alterungswert der 
Siedlung erfaßbar ist. 
Daß aber der Bildhauer Karl Pranfl sie als eine 
„Gesamtplastik" bezeichnete, brachte immerhin 
zum Ausdruck, daß der Architekt durch die oben 
angeführten Pressionen hindurch und trotz ihnen 
ein Gestaltungsprinzip transparent machen konnte. 
Es bestand für dieses Bauvorhaben darin, aus dem 
riesigen Angebot von verschiedenartigsten Bau- 
stoffen und industriell erzeugten Formen jene 
auszuwählen, die einesteils einen minimalen Ma- 
terialwechsel erforderten und die andernteils - 
oder gerade deshalb - am geradlinigsten von den 
Grundbaustoffen der Vergangenheit, Holz und 
Stein, herkommen und bei kurzer Bauzeit und 
hoher Alterungsbeständigkeit ein Maximum an 
individueller Gestaltbarkeit gewähren, ohne daß 
die Grenze der Ökonomie und des industriellen 
und handwerklichen Könnens, zu dem unser 
Zeitalter imstande ist, überschritten wird. 
Dahinter aber steht die Auffassung, daß das 
Fundament der Baustoffe unserer Epoche so viele 
Möglichkeiten birgt, daß man noch immer „ad 
fontes" gehen kann. Und wenn „unsere Umwelt 
auf Schritt und Tritt beweist, daß wir das spontane 
Verhältnis zur Form verloren haben und nur durch 
das Erkennen der Gesetzmäßigkeiten eine Orien- 
tierung zurückgewinnen können" (Lehmbruck), so 
ist auch diese Siedlung eine Hilfe für die Orien- 
tierung. 
Es wurden Beton und das verwandte Eternit. 
vergütetes Holz und Glas verwendet, die in Gehalt 
und Qualität zueinander divergieren und in einem 
Spannungsverhältnis stehen. Und wenn wir Lehm- 
brucks Untersuchungen und Suche nach Wert- 
maßstäben im Formenpluralismus folgen, so ent- 
spricht das unserer Meinung nach dem Gleich- 
gewicht, das das Auge durch eigene schöpferische 
Leistung herstellen will, indem es Kontraste im 
Sehbild sucht. 
Aus Beton sind alle Trennwande der Häuser (da 
diese Schottenkonstruktion sich als am raum- 
sparendsten erwies), Parapete, Schornsteine, Zwi- 
schendecken, Balkonbrüstungen, Gartentrennwän- 
de, Pergolen, die Außenstiegen, Wegepiatten und 
-pflaster, Stützmauern, Pfeiler und Beleuchtungs- 
koroer. Aber immer wurde die Schalung und die 
Körnung des Zuschlagstoffes so verwendet, daß 
Kontraste und Spannungen innerhalb der ver- 
gleichbaren Struktur erlebt werden können und 
das Gleichgewicht in der Suche des Gemeinsamen 
aus dem Ungleichen zu finden ist. 
Mit weißen Glasal-Eternit-Schindeln, die unschwer 
Maßtoleranzen aufnehmen können, sind alle vollen 
Ausfachungselemente, mit weißen Glasal-Platten 
alle Außentüren, Klappen und starren Jalousien 
belegt, während lsolierverglasung in durchsichtiger 
und durchscheinender Form für alle lichtdurch- 
lässig gewünschten Flachen verwendet wurde. 
Die Ausfachungselemente bestehen aus vergüteter, 
rnit Naturholzanstrich versehener Föhre, die lnnen- 
stiegen der Häuser aus Lärchenholzlamellen, die 
Fußböden der Wohn-, Schlaf- und Arbeitsräume aus 
Lärchenriemen, die Zwischenwände, Türen und 
Einbauelemente aus naturbelassenen Holzpaneelen. 
Mit dieser Siedlung und der sie umschließenden 
genuinen Außengestaltung folgte der Architekt 
seiner Baugesinnung, im Wohnbau unserer de- 
mokratischen Gesellschaft die Gemeinsamkeit in 
einer äußeren komplexen Einheit dominieren zu 
lassen, aber in den addierten einzelnen Wohn- 
bereichen ein unter diesen Voraussetzungen mög- 
liches Maximum an individueller Entfaltung zu 
gewährleisten. Ob diese Auffassung und von 
wievielen Hausbesitzern sie geteilt oder nach- 
empfunden werden kann, wird die nächste Phase s 
die mehrjährige Benutzung s zeigen. 
Am Ende der Planungs- und Bauphase steht ein 
Schreiben der Wohnbaugenossenschaft vom 16. Mai 
1969 an die Hauseigentümer: „Wie Sie wissen, 
7 Rßlherihaussiedlurig Wien-Dobling, Autoabstellplatz mll 
Vorgarten, das "Pferd" ist der aufgefundene Rest eines 
früher auf der Parzelle gewachsenen Baumes 7 im Hinter- 
grund links der lristallationsblock mit dem kinetischen Bild 
von Kolorrian Novak 
S Fleihenhaussiedlung Wien-Dobling, Blick von einem Wohn- 
garien zur unteren Hauszeile 

	        

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