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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 110)

Schwarzenberger fordert vom Kunst- 
werk „intuitives Maß" im Sinne der 
gegenwärtig vielzitierten Bewußt- 
seinserweiterung. Sein vor kurzem 
ausgestellter Beitrag dazu waren an 
die zwanzig "Formationen": bemalte, 
mit Löchern beziehungsweise Steck- 
kugeln versehene Reliefs, einige selbst 
entworfene und in Streifenmanier be- 
malte Möbelstücke und ein sogenann- 
ter ..Guckkasten mit permanent lau- 
fendem Film" zur Vorführung der von 
Schwarzenberger in den drei letzten 
Jahren gedrehten Dokumentar- und 
Umweltstreifen (unser Bild). Schwar- 
zenberger, der als Steinbildhauer be- 
gann, verbindet in seinen neuen. 
ästhetisch ansprechenden ,.Formatio- 
nen" im wesentlichen Tendenzen des 
Hard Edge mit jenen der Op-Art und 
erzielt durch den in manchen Reliefs 
vorgenommenen aquarellistischen 
Farbauftrag zusätzliche ungewöhn- 
liche Kontrastwirkungen. 
Galerie nächst St. Stephan - 
Wolfgang Ernst 
Im April vergangenen Jahres fand in 
der Kunsthalle Bern eine vielbeach- 
tete internationale Ausstellung statt, 
die sich unter dem Titel ..Wenn Atti- 
tüden Form werden" dem aktuellen 
Phänomen der Conceptional Art zu- 
wandte und dieses - begleitet von 
einem umfassenden Katalog 7 an 
Hand von ,.Werken, Konzeptionen, 
Vorgängen, Situationen und Informa- 
tion" auf breiter Basis dokumentierte. 
Eine ähnliche Großausstellung gab es 
in Osterreich bisher noch nicht. Zwei 
Gruppenausstellungen der Galerie 
nächst St. Stephan (,.Surrealismus 
ohne Surrealisten", „Zehn über zehn") 
waren jedoch zumindest Teilaspekten 
der Conceptional Art gewidmet, was 
auch prompt eine Reihe von Miß- 
verständnissen zur Folge hatte und 
einige jener Kulturpessimisten auf den 
Plan rief, die zum soundsovielten Male 
das Ende der Kunst verkündeten. Die 
Wiener Galerie nächst St. Stephan war 
es auch, die dem 1942 geborenen 
Wiener Wolfgang Ernst die Möglich- 
keit einräumte, eine größere Kollek- 
tive seiner im wesentlichen der Con- 
ceptional Art zuzuordnenden Objekte 
und Projekte zu zeigen (Abb. 8). 
Ernst nützt diese nicht alltägliche 
Chance kompakt und mit jener Dosis 
an Provokationsbereitschaft, die pro- 
blematischen Dingen anhaften muß, 
wollen sie eine Diskussion außerhalb 
der üblichen künstlerischen Kriterien 
und Praktiken in Gang setzen und 
darüber hinaus möglicherweise zu 
neuen Erkenntnissen führen. 
Was Ernst bis 4. März 1970 in der 
Wiener Avantgardegalerie zeigte, war 
allerdings keine leichte Kost und er- 
forderte vom Betrachter ei hohes 
Maß an denkerischer Flexibilität, mit- 
inbegriffen die Bereitschaft, über 
künstlerische Phänomene und kunst- 
ähnliche Tatbestände auch dann nach- 
zudenken, wenn diese auf Anhieb 
nicht gerade sehr viel herzugeben 
scheinen. Zwischen Dingen mit Sub- 
stanz und Ansätzen für eine ernstzu- 
nehmende Weiterentwicklung bezie- 
hungsweise bloßen Gags, die primär 
um ihrer selbst willen inszeniert wer- 
den, zu unterscheiden, ist freilich 
nicht nur bei Wolfgang Ernst von- 
D018". 
So war z. B. sein ,Raum für Huhn 
und Kritiker" kaum viel mehr als ein 
sarkastischer Spaß. Daneben stellte 
Ernst jedoch einige Objekte vor, die 
mit mehr Berechtigung reflektiert wer- 
den konnten. So zum Beispiel ein in 
einem eleganten Metallrahmen an die 
48 
 
verandernoer .,Kunsr oder niois uer 
Versuch, feststehende Begriffe durch 
neukonstruierte Zusammenhänge, 
durch bruchstückhaftes Herausreißen 
aus der gewohnten Realität zu über- 
prüfen und in ihrer Realtivität aufzu- 
zeigen? 
Ein weiteres Objekt zielt in ähnliche 
Richtung: Ernst hat ein kitschiges 
Heiligenbild mit Aluminiumblech zur 
Gänze verkleidet. Er löscht es damit 
aus 7 ohne seine materielle Existenz 
zu vernichten 7 und nimmt damit 
einen ähnlichen Akt vor wie Arnulf 
Rainer mit seinen Uberdeckungen und 
Ubermalungen von Bildern anderer 
Künstler. Vermeintliche Kunst wird 
bei Ernst durch ein unausgefülltes 
"Bild" des Kontemplativen ersetzt, in 
dem sich der Betrachter leicht ver- 
schwommen spiegelt. Das Banale 
wird zum Verschwinden gebracht, 
ohne freilich - und darin zeigt sich 
ein echtes Dilemma 7 einen vom 
Volk ähnlich begehrten Ersatz für den 
persiflierten Devotionalienkitsch an- 
bieten zu können. 
Skizzen in Richtung Land Art. Pro- 
jekte, die nie realisiert werden können 
und auch nicht darauf abzielen, mit 
Metallgriffen versehene Ziegel und 
ähnliches ergänzten die 7 hier nur in 
einigen Aspekten von Deutung und 
Bedeutung skizzierte 7 Schau, die 
trotz gewisser Vorbehalte als künst- 
lerisch-künstliche lnjektionsspritze zu 
bejahen war. 
Künstlerhaus-Galerie 7 
Hans Krenn 
Hans Krenn, einer der eigenwilligsten 
und konsequentesten österreichischen 
Maler der jüngeren und mittleren Ge- 
neration, zeigte in der Galerie des 
Wiener Künstlerhauses seine bisher 
größte und wichtigste Einzelausstel- 
lung (Abb. 9). Die Exposition, die 
vom 16. Mai bis 7.Juni 1970 auch 
in der Neuen Galerie der Stadt Linz 
zu sehen war, umfaßt 36 Bilder. 
Gouachen, Radierungen und Farb- 
siebdrucke aus den letzten drei Jah- 
ren. Krenn, der erst vor kurzem mit 
Erfolg in Köln und München aus- 
stellte, erweist sich in diesen Arbeiten 
einmal mehr als originärer, technisch 
perfekter Maler gesellschaftskritischer 
Grundhaltung. Seine bis zu einem ge- 
wissen Grad im Surrealen beheima- 
teten, durch grellbunte Pop-Art-Ele- 
mente angereicherten Darstellungen 
beruhen auf der ökonomischen Ver- 
wendung eines verhältnismäßig knap- 
pen, doch überaus signifikanten Vo- 
kabulars, dem schon in seinen Grund- 
zügen jenes zur angewandten Mal- 
kultur in reizvollem Kontrast stehende 
Tolpatschig-Aggressive anhaftet, das 
den außergewöhnlichen Rang dieser 
hintergründigen Persiflagen bestimmt. 
Ein abschließender Hinweis gilt einer 
in Vorbereitung begriffenen Krenn- 
Sondernummer der in Basel erschei- 
nenden Kunstzeitschrift „Panderma", 
die in Kürze vom Verlag Carl Laszlo 
herausgebracht werden wird. 
Kunstzentrum Mahlerstraße - 
Neues Domizil der Galerie Tao 
Mit der Ausstellung „5 optische Wege" 
wurde _Ende Februar das neugegrün- 
dete "Osterreichische Kunstzentrum" 
in Anwesenheit zahlreicher Prominenz 
aus Kultur, Wirtschaft und Politik 
durch Bundeskanzler a. D. Dr. Josef 
Klaus eröffnet (Abb. 10, 11). 
Die Initiative zu dem bereits 1968 als 
Verein konstituierten "Osterreichischen 
Kunstzentrum" geht ebenfalls auf 
Dr. Klaus zurück, auf dessen persön- 
uumrzii war ein teuer genireiews 
Kellerlokal im Wiener Palais Palffy) 
erhielt in den von Architekt Hannes 
Lintl zweckentsprechend umgestalte- 
ten ehemaligen Stallungen des 1860 
erbauten Palais Todesco kostenlos 
Quartier. Als Gegenleistung für diese 
verpflichtende Subvention hinsicht- 
Iich der Raummiete und der laufenden 
Regien übernahm Frau Wong die 
Durchführung des kompletten Aus- 
stellungsprogrammes, bei dessen Er- 
stellung sie jedoch zumindest teil- 
weise an Entscheidungen des Ver- 
einsvorstandes gebunden sein wird. 
Die Galerie mit dem Eingang Mahler- 
straße 1 wird grundsätzlich nach 
kommerziellen Gesichtspunkten ge- 
führt und soll neben primären Ver- 
kaufsausstellungen auch ausgespro- 
chene "Förderungsausstellungen" ver- 
anstalten, bei denen den dazu ein- 
geladenen Künstlern keine finanziellen 
Belastungen erwachsen. Daß man 
sich nicht auf österreichische Maler, 
Graphiker und Bildhauer beschränken 
will, entspricht der Notwendigkeit 
nach impulsgebender internationaler 
Kontaktnahme, ohne die auf längere 
Sicht kein wirklich qualitätvolles und 
aktuell interessierendes Ausstellungs- 
programm erstellt werden kann. Dar- 
über hinaus wird die großzügig ein- 
gerichtete Galerie auch als Forum für 
andere Veranstaltungen, wie Dichter- 
Iesungen, Vorträge und Diskussionen, 
fungieren, die - nach Wunsch ihrer 
Initiatoren 7 der "Auseinandersetzung 
mit aktuellen kulturellen Problemen, 
Ideen und Strömungen" dienen. 
Die Eröffnungsausstellung umfaßte in 
abwechslungsreicher Präsentation und 
Auswahl neue Druckgraphiken und 
Bilder von Theo Braun in der für sie 
typischen Tendenz geometrischer 
Hard-Edge-Elemente, deren farbiger 
und formaler Zusammenklang aller- 
dingsverschiedentlichauchorganisch- 
vegetativ anmutet und die subjektiven 
Ausdrucksmoglichkeiten eines im all- 
gemeinen eher als "objektiv" einge- 
stuften bildnerischen Vokabulars ver- 
deutlicht. Bertram Castell, Mitglied 
der Künstlergruppe Schloß Parz und 
zuletzt Aussteller in der Welser Gul- 
den-Galerie, zeigte neben einer Folge 
jüngst entstandener Zeichnungen zwei 
farbig subtile, ausgewogene größere 
Bilder, die hinsichtlich Kompositione- 
gerüst, Bilddichte und der sehr male- 
rischen Detailbehandlung erfreuliche 
Fortschritte andeuten. Hildegard Joos, 
die in Wien schon länger nicht zu 
sehen war, präsentierte drei mit Be- 
dacht komponierte, zumeist auf reine 
Schwarzweißkontraste reduzierte Ab- 
straktionen, die ihren Ursprung im 
amerikanischen Post-Painterly Ab- 
stractionism besitzen. Mittelgroße 
Zeichnungen des Köflachers Franz 
Roupec (sie wurzeln in einem mit- 
unter skurril anmutenden lnformel) 
und dekorativ betonte, im allgemeinen 
jedoch zu wenig geläuterte Abstrak- 
tionen des Salzburgers Lucas Suppin 
ergänzten die Schau unterschied- 
licher Tendenzen und Qualitäten. 
Galerie Junge Generation - 
Elfriede Trautner 
Mit rund vierzig zumeist neueren 
Kaltnadelradierungen gab die Linzer 
Künstlerin Elfriede Trautner kompak- 
ten Einblick in ihr von echtem Aus- 
drucksbestreben getragenes CEuvre 
(Abb. 12). 
Der in mehreren Beispielen mögliche 
Vergleich zu älteren Blättern verdeut- 
lichte dabei die schrittweise erworbe- 
nen Fortschritte, die außer zu einer 
  
spieuaun e. naumang .. 
größere Bestimmtheit vorterlha 
geschränkt. Das zeichnerisch 
ment tritt heute 7 variabel um 
stilistisch einheitlich genützt 7 
in den Vordergrund. Das hat 
Spannung zur Folge und inspir 
sensible Graphikerin oft und 
dynamischen, großzügigen Lös 
Elfriede Trautner ist mit zunehm 
Erfolg um eine - mitunter gle 
hafte 7 Synthese von real ref 
baren Sinneseindrücken und 
tionellen Erfahrungen bemüht. 1 
dient sich dabei eines weitest; 
abstrahierten, doch fest im Fig 
Gegenständlichen verwurzelte 
kabulars, das mehr und me 
dekorative Reize und Atzstrt 
verzichtet, wie sie z. B. in derr 
subtilen Blatt „Altes Rad" no 
zutreffen sind. 
Mittelgroße Arbeiten wie „Er". 
der Puppe 1" oder der in ma 
auf Pop-Art-Tendenzen in der 
Figuration eines Antes hinwt 
„Zeitgenosse" sind für die I 
Auffassung der Graphikerin 
ders charakteristisch. Sie zählte 
nur zu den graphisch ergiebigst 
spannungsreichsten Blättern de 
tativ beachtlichen Schau, s 
vermutlich auch zu den ausgev 
sten und interessantesten Leis 
der empfindsamen Künstlerin 
haupt. 
Galerie Ariadne - 
Kurt Moldovan: "Alice im 
Wunderland" 
Mehr als zwanzig kapriziöse V 
nen, die der Wiener Zeichn- 
Aquarellist Kurt Moldovan 19 
viel Verve zu Papier gebrac 
stellte die von George McGu 
leitete Galerie Ariadne (VI 
Bäckerstraße 6) im Rahmer 
qualitätvollen, intimen Auss 
vor. Moldovan, dessen rhyt 
beschwingte. spannungsreiche 
erst bei eingehender Betra 
ihren eigenwilligen Charakter v 
falten, widmete sich dem Then 
schließlich in mittelgroßen 
formaten. Seine mit Pinsel um 
in unverkennbarem Stil gezeic 
Tuschen beziehen ihren Re 
herben graphischen Charme r 
Spontaneität einer temperamer 
Handschrift, die den Vollblutgr 
immer wieder zu phantasievolle 
quat illustrierenden Kapriolen 
Galerie Peithner-Lichtenfel 
Walter Schmögner 
Der zuletzt sehr erfolgreiche 
geborene Wiener Graphiker, Z 
und Illustrator stellte bei Peithi 
gesamt 47 Blätter aus: Aq 
Tuschen, Federzeichnungen 
einige Radierungen. Besonder 
lich: die zum Besten gehö 
espritgeladenen, doch auch v 
Idee her einfallsreichen Bild: 
im popigen Stil amerikanischer 
sowie einige der gelungen aqu. 
ten Politikerporträts. Viele der 
ten Blätter sind auch in dei 
Verlag für Jugend und Volk, 
München, herausgebrachten Si 
ner-Schmöcker-Band "Böse 
in sehr guter drucktechnischer 
tät veröffentlicht. Starpoet H. 
mann hat der skurrilen Feder t 
nichtwenigerindividualistische 
sicht des zeichnenden Self 
Mannes „Brave Worte" mit 2 
Weg gegeben und damit zu 
stehen eines publizistischen . 
seiters beigetragen, der sic
	        

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