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Volltext: Alte und Moderne Kunst XV (1970 / Heft 111)

Künstlers Strandbildern quirlt Lebendigkeit. Ge- 
steigerte Dramatik kann selbst aus einem im Grunde 
so stillebenhaften Vorwurf wie dem des „Männer- 
bads" bei Martinz entspringen. Und in dem großen 
,.Negerbild" hat gesellschaftskritisch Geschautes un- 
mittelbar Form angenommen. 
Der Neger im Vordergrund wurde niedergeschlagen. 
Zwei Weiße in der Mittelzone kämpfen miteinander. 
Im Hintergrund sucht ein anderer Neger mit weit 
ausholender Gebarde die Situation zu klaren. Das 
Opfer und der, weicher aufklären will, sind in grau- 
braunen Tonen gemalt, zu denen Weiß kommt. 
Karminrot und Veronesegrün wurden verwendet. 
Die Absicht des Künstlers war, ein entfremdendes 
Bild zu schaffen. Der Betrachter soll die Leiber 
nicht um ihrer selbst willen ins Auge fassen. 
Solche Gemälde, die ein politisches Problem gleich- 
sam beim Namen nennen, sind bei Fritz Martinz 
selten. Mit der gleichen Intensität, mit der er Malerei 
als .Farb- und Formproblem" bezeichnet, lehnt er 
häufig alles Erzählerische, alles „Literarische" in der 
bildenden Kunst. ab. 
Seine Art des Protestes war, daß er in einem zu- 
nehmend automatisierten Zeitalter Physis malte. Des 
Künstlers Schlachthausbilder erhalten einen „philo- 
sophischen" Aspekt dadurch, daß sie die Zerstorung 
und Bedrohung des Organischen darstellen. Die 
Liebesgärten, wie überhaupt die Frau als Thema 
von Martinz' Malerei, sind Zeugnisse einer unge- 
brochenen Vitalität. Die Bilder dieses Künstlers be- 
schworen: Fleisch gegen Maschine, Figur als revo- 
lutionäre Haltung gegen die Automation. Die Frau 
wird nicht als Konsumartikel, nicht als Werbemittel, 
sondern als ein krattiges, Iebenserhaltendes, lebens- 
erneuerndes Wesen geschaut. 
Es ist nicht notig, meint Martinz, ins einzelne zu 
gehen. Es genügt der hockende, der stehende oder 
sitzende, der sich bewegende Mensch, die Existenz 
des Menschen im Bildraum. Der Maler habe da 
unwahrscheinlich differenzierten Gesetzen zu folgen, 
dem physischen, dem Lichtmoment in der Um- 
friedung, auf der Schotterbank, auf der Fläche. Fritz 
Martinz' Palette reicht von einer schweren Farbig- 
keit, die viel Schwarz gebraucht, bis (in derjüngsten 
Zeit) zu einer zarteren, hellen oder auch penetrant 
grellen. Anfänglich legte Martinz seine Bilder flach 
an, war ihm Volumen ein Greuel. Als er sah, wie 
modern die flachige Malerei wurde, hat er sich um 
das Volumen bemüht. Damals war das barocke 
Anliegen Protest. Der Künstler malt seit einigen 
Jahren ungemein spontan. Zeichnerisch aber ist 
jeweils alles schon vorbereitet. Es gibt viele zeich- 
nerisohe Varianten, viele Naturstudien, bevor 
Martinz an die eigentlich malerische Arbeit geht. 
Dieser Maler liebt große Formate. Er meint: „Diese 
Wirklichkeit ist gar nicht paradiesisch. Man kann sie 
nicht als Briefmarke machen. Ich mochte mich nicht 
als Psalmodiker sehen, sondern eher als einen Hecht, 
der beißt." Der Künstler glaubt nicht, daß das 
Kostüm, daß das historische oder zeitgenössische 
Detail in der Malerie notwendig sei. Er glaubt auch 
nicht an grundlegende Neuerungen psychischer 
Art: .,Der Mensch hat sich seit Jahrtausenden nicht 
geändert. Er schreit noch immer, wenn man ihn 
auf die Füße tritt. Er hat noch immer sein Liebes-, 
sein Sexualproblem. Wer den Ovid, den Homer mit 
Verstand liest, der wird sagen: Das bin ja ich!" 
In des Künstlers Werk wird mit Leidenschaft eine 
Tradition fortgesetzt, die dem Bilde des Menschen 
ebenso gilt wie der Findung und Erweiterung for- 
maler Möglichkeiten, welche für diesen Zweck ge- 
eignet sind. Martinz ist unter anderem auch einer 
der vollkommensten Aktzeichner, die es in Öster- 
reich gegenwärtig gibt. 
„La maison des fous", eines derjüngsten Gemälde des 
Künstlers, setzt etwas fort, was mit den Schlacht- 
hausbildern begann und in den „Fleischträgern" 
weiterlebte: die Darstellung eines Raums, in dem 
sich etwas sehr Ernstes vollzieht. Das Schlachthaus 
war Martinz „eine Sache des Kriegserlebnisses, wenn 
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