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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 132)

Siegfried Wichmann 
Bildreihen zur Begegnung 
der europäischen Kunst im 
19. und 20. Jahrhundert 
mit dem islamischen 
Orient, mit Schwarzafrika 
und lndo-Amerika 
Außereuropäische Kulturen haben immer auf 
die europäische Kunst eingewirkt. Im I9. und 
20. Jahrhundert finden gewichtige Begegnungen 
statt, die bis zum heutigen Tag nachweisbar 
sind. Die hier vorliegenden Bildreihen ebenso 
wie die ostasiatischen im letzten Heft zeugen 
dafür, daß die Völker über die Grenzen hinweg 
einen ständigen Austausch wünschen und in 
der Kunst auch realisieren. Die Bildreihen kön- 
nen hier nur andeutend und stellvertretend für 
umfassende Motivketten stehen, die von der 
vergleichenden Forschung in den kommenden 
Jahren noch gezielter zusammengestellt und 
ausgewertet werden können. 
Die hier vermerkten Kommentare beziehen sich 
auf die Ausstellung Weltkulturen und moderne 
Kunst in München 1972 oder aber gehen davon 
aus. Einzelne Sektionen dieser Schau sind be- 
reits durch Spezialforschungen erweitert wor- 
den, vor allem gilt dies für den islamischen 
Orient und die ostasiatische Keramikabteilung. 
Es ist daran gedacht, über den Einfluß der 
ostasiatischen Kalligraphie auf die europäische 
Malerei in einem der kommenden Hefte eine 
Zusammenfassung zu bringen, auch der Einfluß 
der japanischen Färberschablone auf die 
Schwarzweißgraphik des Jugendstils und Art 
nouveau ist ein ergiebige: zu erforschendes 
Thema geworden, das gesondert vorgestellt 
wird. 
Die Auswahl der hier ausgewählten Sektoren 
erscheint willkürlich, vielleicht gegensätzlich! 
Dennoch zeigt gerade die islamische Orna- 
mentform iene phantastische Vielfalt und Er- 
finderkraft, die ähnlich im Werk Paul Gauguins, 
aber auch in der modernen Kunst nachweisbar 
sind. Die hier abgebildeten Reihen geben eine 
Vorstellung der pluralistischen Motivationen, die 
notwendig sind, um durch Begegnungen Infor- 
mationen schöpferisch umzuwandeln. 
Die Auseinandersetzung der bildenden Kunst im 
beginnenden I9. Jahrhundert mit dem Außer- 
europäischen erfolgte auf verschiedenen Ebe- 
nen. lm Vordergrund stehen hier das Kunsthand- 
werk und die daraus hervorgehende Beherr- 
schung verschiedener Techniken und technologi- 
scher Einsichten, die vor allen Dingen im ersten 
Viertel des I9. Jahrhunderts der Vordere Orient 
vermittelte. Die neuen Materialien und ihre Be- 
herrschung führen zum Verständnis fremder Gei- 
stestraditionen. Die optische Präsenz in der Aus- 
stellung Weltkulturen hat der vergleichenden 
kunstkritischen Forschung Anregung und Hin- 
weise geliefert, hat zu den reichhaltigsten In- 
spirationen und zu einer aktiven ökonomischen 
Bearbeitung geführt, so daß die genetischen 
Ansatzpunkte in den Bereichen islamischer 
Orient, Asien, Afrika und Afro- und Indo- 
Amerika weiter entwickelt wurden. 
Für den Orient waren die Ausgangssituatianen 
der Bearbeitung die jüngst aufgestellten islami- 
sdien Abteilungen in den europäischen und 
amerikanischen Museen oder aber die erstmalige 
Präsentation islamischer Kunst nach dem zwei- 
ten Weltkrieg in Schausammlungen oder aber 
neuerbauten Museen. 
Wesentlicher Ansatzpunkt, das zeigte auch die 
hier genannte Ausstellung, waren die arabische 
Schrift und das durch sie beeinflußte Orna- 
ment. Die Schriftzeichen und ihre Ordnung in 
der islamischen Kunst sind ahne ihre religiöse 
Bindung kaum zu verstehen. Es ist überhaupt 
die einigende Idee über viele Länder und Zei- 
ten hinweg. Auch in der Begegnung der euro- 
päischen Kunst des I9. Jahrhunderts mit den 
islamischen Vorbildern zieht das Schriftornament 
primär in die Analogien mit ein. Aber, was noch 
wesentlicher ist, der Europäer erfaßte zwar erst 
in den Ansatzpunkten wesentliche Stimmungs- 
werte, nämlich die Heiterkeit der islamischen 
Welt. Die nostalgische Neigung des I9. Jahr- 
hunderts zu einem geschlossenen, islamisch wir- 
kenden Gesamtkunstwerk in Farm von Architek- 
tur, Dekoration und Inventar zeigt deutlich, daß 
die Idealvorstellung des irdischen Paradieses 
eine Art pseudomuslimischer Entrückung war, 
die in den Konzeptionen und Ausführungen 
nachvollzogen werden konnte. Auf diesen 
Stellenwert war in der Präsentation des Bazar- 
zentrums der Ausstellung Wert gelegt worden. 
Die Ausstellungstechnik vermittelte eine reich- 
haltige Gliederung und führte zu einer direkten 
Kommunikation mit den Dingen im Sinne von 
Vorbild und Abbild. Zahlreiche Kontakte zu 
arabischen Forschern sind entstanden, die vor 
allen Dingen auf die didaktischen Ansatzpunkte 
der Ausstellung Weltkulturen zurückzuführen 
sind. Ein tieferes Verständnis bei unterschiedlich 
informierten Interessenten für den islamisch- 
arabischen Kulturkreis und dessen hohe Blüte ist 
nachweisbar - ein Umstand, der in der Gegen- 
wart von großem Wert ist, da die arabischen 
Völker in Absicht und Ziel ihres Kunstwollens 
direkter verstanden werden sollten. 
Auf Grund des knappen Raumes wird nur auf 
einige Themenstellungen eingegangen werden, 
zahlreiche Gebiete, Sektoren und Abteilungen, 
mit denen sich die Ausstellung Weltkulturen 
beschäftigte und die sie optisch präsentierte, 
können hier nur aufzählend genannt werden. 
Der Auftakt war der Saal der Völker, in dem 
Bildnisse außereuropäischer Menschen vorge- 
stellt wurden, die von europäischen Künstlern 
geschaffen worden waren. Sie gliederten sich 
in Darstellungen des I9. und 20. Jahrhunderts, 
gerade dadurch waren Ansätze zu einer neuen 
Sicht im Bereich der Orientmalerei gegeben. 
Große Teile der muslimischen Abteilung wur- 
den durch die Architektur bestimmt, wobei die 
islamische Kuppelform im Mittelpunkt des Inter- 
esses stand. Neben der Keramik- und Glasschau 
waren es die Textilien und die Objekte aus Me- 
tall," auch diese waren von zentraler Bedeutung 
und führten zu einer lebhaften Forschertätigkeit. 
Ebenso wie die Spezialgebiete Waffen und Zu- 
behär bereits in den Museen der Welt bevor- 
zugte Präsentation genießen. Der Kolorismus 
der Orientmalerei wird wohl ein Zentrum der 
Forschung bleiben, ebenso wie die neuen Ge- 
biete der Bewegungsaktion, die die Kontakt- 
nahme mit den orientalischen Völkerschaften 
durch neue spontane Einzelhaltungen andeutet. 
Die Gliederungen, die vor allem durch Themen 
und Materialien besonders des alten Orients 
angeregt wurden, waren in der Ausstellung nur 
angedeutet, doch liegt auch hier ein großes Ge- 
biet der vergleichenden Kunst- und Sozialge- 
schichte und der Motivationsforschung brach, 
das auf Bearbeitung harrt. 
So ist das islamische Ornament im Bereich Archi- 
tektur, Keramik, Glas, Textil, Kunst am Bau ein 
ausgedehntes Forschungsgebiet, das in der Zu- 
sammensicht mit der bildenden Kunst Europas 
im I9. und beginnenden 20. Jahrhundert zu we- 
sentlichen Ergebnissen führen würde. Auch die 
thematische Gliederung ist vielfältig. Gerade die 
europäische Ikonagraphie dieses Zeitabschnittes 
erhält aus dem islamischen Orient noch einmal 
einen nicht zu unterschätzenden Impuls: Das 
Pfauensymbol, die Sultonsinschriften, die illumi- 
nierten islamischen Handschriften, die Nischen- 
formen und Schriftbandrhythmen, der Kufi- und 
TuIut-Duktus, die spiegelbildliche Wiederholung 
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