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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXIII (1978 / Heft 160 und 161)

Brigitte Klesse 
Bildwerke auf geschnittenen 
Gläsern des 19. Jahrhunderts 
1 Antonio Canova. wTheseus im Kampf gegen den Cen- 
taurenv, 1804-1819, Marmorgruppe. Wien. Kunsthisto- 
risches Museum. 
2 Gorner, Henkelbecher mit einer Darstellung von "The- 
seus im Kampf gegen den Centaurenu, nach dem Vor- 
bild Abb 1 Prag. Kunstgewerbemuseurn 
2a Ausscnnitt mit der Trieseusgruppe aus Abb. 2 
3 Bertel Thorvaldsen, Modell des Standbildes von Johan- 
nes Gutenberg, rasa. Kopenhagen. Thorvaldsen Mu- 
SEUm. 
4 Glaspokal, silbergelbgeatzt, mit "Gutenbergs Monu- 
ment zu Mainzv von einem Glasschneider, der Gorner 
nahesteht. Mannheim, Heiss-Museum. 
4a Ausschnitt mit der Gutenberg-Darstellung aus Abb. 4 
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Unter den mannigfaltigen Ausdrucksmitteln der bil- 
denden Künste haben die des Glasschneiders und 
die des Bildhauers auf den ersten Blick wenig mit- 
einander gemein. Zwar tauchen bei den von der 
Glasschnittkunst je benutzten Vorlagen oft figürli- 
che Kompositionen bekannter Maler oder Graphi- 
ker, aber so gut wie niemals Beispiele dreidimensio- 
naler Bildwerke auf. Im Grunde begegnen sich hier 
unvereinbare künstlerische Grundgesetzlichkeiten. 
Daß es dennoch - freilich nur für den knappen Zeit- 
raum einer Generation - zu solchen Berührungs- 
punkten kam und welche Voraussetzungen dazu 
führten, sei hier eingehender untersucht. 
Jede gute. auf "Ftundum-Ansichtigkeitß angelegte 
Freiplastik muß bei der fast silhouettenhaften, aus 
technischen Gründen auch meist ganz unräumlich 
koordinierten Übertragung auf die Oberfläche eines 
Glases zuviel von der ihrem eigentlichen Wesen im- 
manenten Qualität einbüßen. Besonders das feine 
Stilempfinden des Barocks scheint sich solchen 
Manipulationen widersetzt zu haben, so daß man in 
der eigentlichen Blütezeit der Glasschnittkunst des 
17. und 18. Jahrhunderts vergebens nach entspre- 
chenden Vorwürfen Ausschau hält, die im Schnitt- 
dekor kostbarer Gläser hatten verewigt worden sein 
konnen. 
Nicht von ungefähr ergab sich jedoch im Klassizis- 
mus für kurze Zeit eine Lockerung dieser prinzipiel- 
len Anschauungen. Zweifellos wurde diese Tendenz 
durch einen Geschmackswandel in der Auffassung 
der Bildhauerei selbst hervorgerufen. Es war die 
zeichnerische, auf den schönlinigen Umriß einer 
festgelegten Schauseite abzielende Komponente, 
die mitunter sogar bei den hervorragendsten Vertre- 
tern der klassizistischen Skulptur- bei Antonio Ca- 
nova und Bertel Thorvaldsen sowie ihren Schülern - 
die Oberhand gewann. Manche ihrer rühmlichsten 
Schöpfungen besaßen tatsächlich nur von einer 
Seite her vollste Wirksamkeit - ein Umstand. der die 
Anwendbarkeit solcher Kompositionen in der Glas- 
schnittkunst unterstützte und den originelleren un- 
ter den Glasschneidern die Augen für diese neue 
Möglichkeit öffnete. 
Der Giasgraveur G'orner, dessen Schnittarbeiten für 
lgnaz Palme 8. Comp. in Parchen auf der Prager 
"Ausstellung der lndustrieerzeugnisse Böhmensu 
1831 im nBericht der Beurtheilungs-Commissionr- 
besonders lobend hervorgehoben wurde', gehorte 
offenbar zu diesen begabten Glaskünstlern der er- 
sten Generation des 19. Jahrhunderts, Freilich wis- 
sen wir über seine künstlerische Persönlichkeit und 
sein Leben sonst gar nichts. Auf mehreren seiner 
Gläser hat er mit Antonio Canovas Marmorgruppe 
des Theseus im Kampf gegen den Centauren eine 
der damals populärsten Skulpturen wiedergege- 
benz (Abb. 1). Eine Skizze in dem Kaikulationsbuch 
von lgnaz Palme 8t Comp. aus dem Jahre 1835, die 
einen glockenformigen Becher Gorners mit dem 
Kampf von i-Herckuless und Centauer-r zeigta, 
3 
stimmt motivisch vdllig mit dem inschriftlich als 
"Theseusr- bezeichneten Sujet aufeinem Henkelbe- 
cher des Kunstgewerbemuseums in Prag' (Abb. 2) 
uberein, Daher können wirdiesen wohl ohne Zweifel 
alsein erhaltenes Werk seiner Hand ansprechen? Es 
ist dem gesunden Selbstvertrauen Gorners in seine 
eigene Leistungsfähigkeit zu verdanken, daß er sich 
von der schwierigen Komposition des Canova-Vor- 
bildes nicht abschrecken ließ. Der unter dem Wur- 
gegriff des Helden rücklings zusarnmengesunkene 
Centaur mit seinen körperlichen Verkürzungen und 
Überschneidungen stellte für den Glasschneider 
zwar eine nahezu unlosbare Aufgabe dar. doch ist 
die Wahl gerade dieses Themas um so bezeichnen- 
der. Schon allein die vom seitlichen Standpunkt 
aufgenommene Fotografie der Originalgruppe Ca- 
novas macht deutlich, daß wir es hier mit einem 
Schulbeispiel solcher auf einseitige Ansichtigkeit 
angelegten Skulptur zu tun haben. Außerdem - und 
dieses war gleichermaßen ausschlaggebend - han- 
delte es sich um ein schon wahrend des Schaffens- 
prozesses im Blickpunkt internationaler Aufmerk- 
samkeit stehendes Werk. Quatrernere de Quincy, 
der mit Canova befreundete französische Archäo- 
loge und Kunstschriftsteller, vertrat schon 1804, als 
er das erste Modell dazu gesehen hatte, die Mei- 
nung, daß dieses das Hauptwerk des Künstlers wer-
	        

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