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Objekt: Alte und Moderne Kunst XXI (1976 / Heft 145)

10., 11. und 12. Jahrhundert, bei Berücksichti- 
gung dieser Zielsetzungen nicht nur mit erhal- 
tenen Obiekten der frühen Babenberger-Zeit al- 
lein dokumentiert werden können. Hier sind 
Hilfskonstruktionen wie Fotomantagen, Diapo- 
sitive und Moulagen einzusetzen gewesen. Wenn 
davon reichlich Gebrauch gemacht wird, unter- 
scheidet sich die Babenberger-Ausstellung da- 
durch deutlich von der anderen großen histori- 
schen Gedächtnisausstellung dieses Jahres mit 
dem Thema „Wien im Mittelalter". 
Bei der Erstellung des Konzepts war uns klar, 
daß die einzelnen Zeitperioden mit Originalen 
unterschiedlich dokumentiert werden können. 
Während die vorhandenen Obiekte und Rea- 
lien aus der Frühzeit, der Periode der Mark, 
spärlich sind, werden sie etwa seit dem Beginn 
des 12. Jahrhunderts reichlicher und sind im 
13. Jahrhundert schon in großer Zahl und Dich- 
te vorhanden. 
Bei der Erstellung des Konzepts wurde natürlich 
auch auf die räumlichen Voraussetzungen Rück- 
sicht genommen. Während die Abwicklung des 
historischen Geschehens im Kreuzgong möglich 
ist, können im Kapitelsaal und im Laienbrüder- 
dormitorium durch die Konzentrierung wertvoller 
Obiekte Höhepunkte geschaffen und auch den 
erhöhten Sicherheitsbedingungen für einzelne 
Obiektgruppen voll entsprochen werden. Gleich- 
zeitig ergibt sich automatisch die Bildung von 
Schwerpunkten. Dies ist äußerst wichtig, weil 
dadurch das Publikumsinteresse beim Rundgang 
immer wieder neu belebt werden kann. Es wur- 
de nämlich auch darauf Rücksicht genommen, 
daß die Ausstellung „durchschwingt", das heißt, 
daß Passagen, die mehr den Fachmann anspre- 
chen, mit solchen wechseln, die allgemeines In- 
teresse erwecken sollen und werden. Dabei 
spielten auch Überlegungen eine Rolle, wie bei 
starkem Besuch Stauungen vermieden und in den 
Rundgang Ruhepunkte eingebaut werden kön- 
nen. Wir hoffen, manche Erfahrungen früherer 
Großausstellungen berücksichtigt zu haben, ob- 
wohl ieder neue Ausstellungsort seine besonde- 
ren Probleme bietet. 
Die Disposition der Ausstellung 
Aus den Erfahrungen früherer Londesausstel- 
lungen, besonders der ähnlich gelagerten auf 
der Schallaburg, wurde etwa übernommen, daß 
eine allgemeine Übersicht notwendig ist, um 
ein Verständnis für den dargebotenen Zeitraum 
zu erzielen. Aus diesem Grund wird einleitend 
eine ausgeprägte Gegenüberstellung der Reichs- 
geschichte und der gleichzeitigen österreichi- 
schen Entwicklung, besonders auf die einzelnen 
Babenberger bezogen, angeboten. Ganz be- 
wußt werden hier, mit Hilfe von Fotomantagen 
und Kopien gestaltet, die Perioden der einzelnen 
Kaiserdynastien der Ottonen, Salier und Stau- 
fer mit_den Herrschaftsdaten der babenbergi- 
schen Markgrafen und Herzöge konfrontiert. 
Auch den Beziehungen der Bayern zu den Un- 
garn wurde ein einleitender Abschnitt gewidmet, 
denn aus der Konfrontation dieser beiden Völ- 
ker ist Österreich entstanden. Die Frühzeit von 
976 bis 1095, die man als die Periode der „Mark" 
bezeichnen kännte, ist neben Hinweisen auf die 
Siedlungsgeschichte im ersten Teil vorwiegend 
mit archäologischen Funden gestaltet worden. 
Diese sind in den letzten Jahrzehnten bei neuen 
Ausgrabungen in größerer Zahl erschlossen 
worden, etwa in Gaiselberg oder Gars-Thunau. 
Daneben gibt es die schon lange bekannten 
Fundstätten der „Köttlacher Kultur" oder Gra- 
bungsergebnisse im Raum von Tulln, bei St. Pöl- 
ten oder im Marchfeld. Manche dieser Funde 
ergänzen das bisher aus Urkunden oder Anna- 
len bekannte Geschehen des frühen 11. Jahr- 
hunderts. 
4 
10 
11 
12 
 
Bischof Otto von Freising, Glasgemälde. Scheibe 
aus dem Brunnenhaus Stift Heiligenkreuz, 14. 
Jahrhundert 
Markgräfin Agnes, Glasgemälde. Scheibe aus 
dem Brunnenhaus Stift Heiligkreuz, 14. Jahr- 
hundert 
Falkensteiner Codex, Titelblatt, 1166-1196. Baye- 
risches Hauatstaatsorchiv, München 
Falkensteiner Codex, Burg Hernstein (fol. 14], 
1186-1196 
Kruzifix aus der Ruprechtskirche, um 1170. Stift 
MelkNiederösterreich 
Sogenanntes Schreibzeug des hl. Leopold, 12. 
JahLhundert. Stift KlosterneuburglNiederöster- 
reic 
Siculo-arabisches Pastorale, 2. Hälfte 12. Jahr- 
hundert. Stift AItenburglNiederösterreich 
 
Auch anthropologische Arbeiten, besonders die 
Untersuchung der Babenberger-Gräber im Stift 
Melk, brachten ebenfalls beachtliche Ergebnisse 
für die Frühzeit des Babenberger-Geschlechts. 
Was schon 1936 bei Leopold lll. versucht wurde, 
ist nun auf breiterer Basis fortgeführt worden. 
Auch Urkundenfarschung, Siedlungskunde und 
Ortsnamenforschung spielen für diese Periode 
eine große Rolle, und es ist verständlich, daß 
wir versuchen, das allmähliche Werden des Lan- 
des anhand einer großen Übersichtskarte zu zei- 
gen. Wenn die Arbeiten des im vergangenen 
Jahr verstorbenen Univ.-Prof. Dr. Karl Lechner, 
ergänzt und fortgeführt durch iüngere Mitar- 
beiter, die Grundlagen für diese Karte lieferten, 
so ist damit das Ergebnis eines Forscherlebens 
in einem einzigen Ausstellungsobiekt niederge- 
legt. 
Die Urkunden zur frühen österreichischen Ge- 
schichte sind nur zum geringen Teil in österrei- 
chischen Archiven erhalten, im Haus-, Hof- und 
Staatsarchiv oder im Stiftsarchiv Klosterneuburg. 
Überwiegend befinden sie sich im Bayerischen 
Hauptstaatsarchiv, wo nach der Säkularisation 
des Jahres 1803 die Archivalien der Hochstifte 
konzentriert wurden. Die ältesten Urkunden, die 
Österreich und die Babenberger betreffen, stam- 
men nämlich aus den Hochstiftsarchiven Passau, 
Freising oder Regensburg, so ist auch die so- 
genannte „Ostarrichi-Urkunde" von 996 eine 
Schenkungsurkunde für Freising, während die 
Urkunde, in der zum erstenmal am 21. Juli 976 
ein Babenberger als Markgraf genannt wird, für 
Metten, einem Benediktinerkloster bei Deggen- 
dorf, bestimmt war. In diese frühe Periode gehärt 
aber auch die Entstehungsgeschichte der ältesten 
Klöster des Landes, wie Melk, Göttweig oder Her- 
zogenburg. Aus deren Besitz stammen auch die 
ersten wertvollen Realien, etwa der berühmte 
Annalenkodex van Melk, von dem fast iede 
Seite ein historisches Dokument ist, oder das 
Tragaltärchen der Markgräfin Swanhilde als 
ältestes erhaltenes Denkmal, das von einem Ba- 
benberger überkommen ist. Aus diesen Aufzäh- 
lungen ergeben sich bereits deutlich die Zuord- 
nungsprinzipien dieser kulturhistorischen Aus- 
stellung. Anders als bei einer kunsthistorischen 
Dokumentation wird hier das Obiekt zur Person 
und zum Zeitraum eingeordnet und soll in die- 
sem Zusammenhang wirken. 
Das gilt in viel größerem Maße auch für die 
nächste Abteilung, die Leopold dem Heiligen 
und seiner Familie gewidmet ist und die man 
als die Zeit des „Prinzipates" bezeichnen könn- 
te. Aus dieser Periode sind die zeitgenössi- 
schen Realien schon häufiger, etwa das „Schreib- 
zeug Leopolds des Heiligen", die Krümmen aus 
Göttweig, Altenburg oder St. Florian, es müs- 
sen aber auch Gegenstände herangezogen wer- 
den, die erst im 14. und 15. Jahrhundert entstan- 
den sind. Dazu zählen die Glasfenster mit den 
Babenbergern, die in Heiligenkreuz und Klo- 
sterneuburg erhalten blieben. Sie wurden als 
älteste bildliche Darstellungen der Babenberger 
bewußt schon in diesen Teil der Ausstellung ein- 
bezogen. Die Gründung weiterer Klöster, von 
Klosterneuburg und Heiligenkreuz über Zwettl, 
Altenburg, Seitenstetten und den Schotten in 
Wien, aber auch die Umgestaltung von St. Flo- 
rian, letzthin auch „das Werden Wiens" fallen 
in diese Periode und bieten die Möglichkeit, 
nicht nur Urkunden, sondern auch bedeutende 
Handschriften, wie das Stiftungsbuch von Zwettl, 
die sogenannte „Bärenhaut", oder kostbare Reo- 
lien vorzustellen. 
Den Abschluß dieser Periode bildet der Kom- 
plex des „Privilegium minus", iener Urkunde, mit 
der Österreich im Jahre 1156 in ein Herzogtum 
umgewandelt und von Bayern getrennt wurde.
	        

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