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Full text: Katalog der Wiener-Congress-Ausstellung 1896

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Bedürfnisse der Gesellschaft zu decken. Aber die Engländer selbst 
treten erst im 17. Jahrhunderte auf den Plan, anders als Andere, 
von neuem Geiste erfüllt, mit neuen künstlerischen Absichten, 
charakteristisch, eigenartig, kraftvoll, künftiger Entwicklung die 
Richtung weisend. Hogarth, Gainsborough, Reynolds erscheinen 
gegenüber den Künstlern des Continents wie Sendboten aus einer 
anderen Welt. Sie sind die Vorläufer der sich vorbereitenden Re 
volution, aber conservative Revolutionäre, wenn dieser Ausdruck 
gestattet ist, denn sie nehmen in der Vergangenheit abgerissene 
Fäden wieder auf und spinnen sie fort und verknüpfen sie in 
einer durch nationale und zeitgeschichtliche Verhältnisse bedingten 
Weise. Wie in den Köpfen der Literaten von Pope bis Shaftes- 
bury und wie vor Allem bei dem Künstler-Philosophen Reynolds, 
kämpfen und klären sich in denen der Künstler die Gegensätze 
von Antike und Natur, Idealismus und Realismus, welche schon 
die Hochrenaissance aufgewiesen hatte, und schaffen eine Coalition 
im Charakteristischen. 
Auf dem Continente vollzieht sich die Wendung zunächst 
fast ausschliesslich auf dem literarischen Gebiete; zumal in * 
Deutschland sind es Gelehrte und Pädagogen, welche in die Be 
wegung eingreifen. Dass Kunst und Leben ungesund sei, empfinden 
Alle. Ob aber die Rückkehr zur Natur oder zu den Idealen des 
classischen Alterthums die heiss ersehnte Rettung bringen könne, 
darüber gehen vorerst die Meinungen auseinander. Freilich der 
Führer der Berliner Bildhauer des 18. Jahrhunderts, Tassaert, 
Schadow’s Lehrer, meint, es gäbe nur acht bis neun Antiken, die 
gut und musterhaft wären, und auch diesen fehle die Anrnuth. 
Aber Algarotti. der Freund Friedrich’s II. und August’s III., 
empfiehlt die Erneuerung der Kunst durch Rückkehr zur Antike, 
dem „Muster und Spiegel der Schönheit“; Diderot entscheidet 
sich für Natur und Antike und verkündet als Erster die goldene 
Lehre, dass man die Antike studiren muss, um die Natur sehen 
zu lernen; Hagedorn und Heinse treten für das Studium der Natur 
und die Pflege des Volkstümlichen ein. Winckelmann vertieft 
die Bewegung und reisst alle gebildeten Deutschen mit sich fort. 
Der Oesterreicher Adam Friedrich Oeser, später auch Goethe’s 
Lehrer, hatte ihn gelehrt, in den Werken der Alten edle Einfalt 
und stille Grösse zu verehren, die Winckelmann dann 1755 in den 
„Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der 
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