Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Ein Ausflug nach Berlin

27

Marmorwerke  bilden  jetzt  schon  ein  so  bedeutendes  Besitzthum  Berlins,
dass  jeder  ernste  Kunstfreund  dieselbe  gesehen  haben  muß.  Wie  man
nach  München  gehen  muß  der  Aegineten  halber,  nach  London  wegen  der
Elgin-Marbles  und  der  Rafael’schen  Cartons,  so  geht  schon  jetzt  jeder
Künstler  und  Kunstfreund  nach  Berlin,  der  pergamenischen  Alterthümer
halber.  Der  größte  Kunstgenuss,  der  mir  auf  meinem  jüngsten  Ausfluge
nach  Berlin  zu  Theil  wurde,  war  die  Besichtigung  dieser  pergamenischen
Reliefs  und  Statuen,  und,  wenn  Kleines  neben  Großes  zu  stellen
eilaubt  ist,  die  Betrachtung  der  Marmorfigur  des  Giovannino  von  Michel-Angelo*).
  Welch’  jugendlicher,  echt  florentinischer  Reiz  liegt  in  der
Marmoifigui  des  Giovannino!  welche  dramatische,  siegfreudige  Gewalt  in
den  Reliefs  von  Pergamon!  Man  sieht  in  den  Meisseischlägen  der  griechischen ­
  Bildhauer,  welche  am  Hofe  der  Attaler  arbeiteten,  eine  Kunstschule,
welche  von  künstlerischen  Idealen  eines  griechischen  Rubens  inspirirt
wurden.  Alles  ist  groß  und  breit  angelegt,  voll  Lebenswahrheit  und  ungemein
  klar  und  verständlich  entworfen  und  daher  auch  demjenigen  geistig
zugänglich,  der  eine  geringere  wissenschaftliche  Vorbildung  hat.  Zudem
liegen  sie  ihrer  Stylrichtung  nach  dem  herrschenden  realistischen  Zeitgeschmäcke ­
  viel  näher,  als  die  Bildwerke  von  Olympia,  die  doch  zu  ihrem
Verständnisse  eine  gewisse  antiquarische  Vorbildung  verlangen.  Es  sind
daher  die  pergamenischen  Bildwerke  viel  populärer,  als  es  in  jener  Zeit
dei  Fall  war,  in  welcher  zum  ersten  Male  die  aeginetischen  Sculpturen
bekannt  wurden,  und  wo  noch  Canova  für  den  Werth  der  Elginmarbles
eintieten  musste.  Um  sich  aber  die  volle  Bedeutung  dieser  Erwerbungen  auf
plastischem  Gebiete  klar  zu  machen,  muß  man  sich  hüten,  die  Erwerbungen ­
  des  Giovannino’s  und  der  pergamenischen  Werke  als  nur  ein
glückliches  Ohngefähr  zu  betrachten,  welche  Preußen  gewissermaßen
unverdient  in  den  Schoß  gefallen  sind.  Ich  betone  dieses  mit  Rücksicht
auf  Ansichten  und  Vorurtheile,  welche  in  Oesterreich  herrschen;  die
antiquaiischen  Schätze,  welche  jetzt  im  k.  Kunstmuseum  aufgespeichert
sind,  sind  die  Frucht  der  ernsten  geistigen  Arbeit  auf  philologischem  Gebiete,
welche  tief  in  dem  humanistischen  Bildungsgang  des  ganzen  deutschen
Volkes  wurzelt.
Die  Erkenntniss  von  der  künstlerischen  Bedeutung  der  Florentiner
Bildwerke  ist  erst  jüngeren  Datums  und  ein  Ergebniss  der  jüngsten  Kunstforschung, ­
  an  dem  die  Engländer  (insbesondere  Perkins  und  die  Prärafaeliten)
  einen  fast  ebenso  großen  Antheil  haben,  wie  die  Deutschen.
Jene  haben  die  deutschen  Romantiker  der  ersten  Jahrzehente  schon  eindringend ­
  und  mit  überzeugender  Kraft  auf  die  Florentiner  des  XV.  und
XVI.  Jahrhunderts  hingewiesen,  aber  sie  haben  wenig  Anklang  gefunden,
da  damals  die  meisten  Künstler  sich  nach  akademischen  und  französischen
*)  Ueber  den  Giovannino  M.  A  n  g  e  I  o’s  berichtet  eingehend  das  "Jahrbuch  der  k.
preuß.  Kunstsammlungen«  Jahrg.  11,  S.  72—78.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.