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Objekt: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 5)

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Auch der Goldschmied wurde langsam zur Gothik hinübergeleitet 
und kam in dieser Zeit unter die Herrschaft des Architekten; aber er 
suchte sich das Joch leicht zu machen dadurch, dass er selbst Architekt 
wurde. Anfangs war noch der Fuß des romanisch-gothischen Kelches 
rund, dann löste er sich in sechs oder acht Blätter oder in ein sechs- 
strahliges Polygon (England) auf, die früher einfache Fußplatte löste sich 
in zwei, selbst mehr Abfolgen von Gesimsprofilen auf, dass wie ein Kelch 
mit kleinem Fuße auf einem größeren, erst angemessenen Fußgestelle 
zu ruhen scheint. Der Ständer löst sich langsam in drei Glieder auf, 
welche der Reihe nach architektonische Formen annehmen: zunächst der 
Nodus, der Anfangs sechs vorspringende Zapfen und dazwischen beschei- 
denes gothisches Fenstergitterwerk erhält, dann aber, namentlich wenn 
in ihm Reliquien verborgen liegen, geradezu eine Kapelle mit sechs 
Wimbergen und Kreuzrosen, auch mit Statuen in Nischen sich umgestaltet. 
Aehnlich ist es mit den Berührungspunkten zwischen Cuppa, resp. Fuß 
und dem Trägen- Die Cuppa verliert in gothischer Zeit die schwere Halb- 
kreisform, wird (namentlich in Italien) fast zu einem Cylinder mit halb- 
kreisförmigem Boden, und zwischen diesen zwei Extremen nimmt sie 
gefällige Hyperbeb, Eiform, Parabelform an, die allerdings auch wieder 
in ihrer Weise ausartet, ja selbst schon in vereinzelten Fällen des 
14. Jahrhunderts zur Tulpenform, der unpraktischesten, hinübergleitet. 
Besonders schön sind die gothischen Kelche, welche das Stift Klosterneu- 
hurg besitzt, und die einer Wiener Goldschmiedeschule zuzuschreiben sein 
dürften, die aber weithin bis Ungarn, Polen und Kärnten ihren Ein- 
fluss geltend macht, oder aber mindestens ihre Erzeugnisse versendet. - 
Solche gothische Kelche wissen nun freilich nichts mehr zu erzählen, 
höchstens von der Geschicklichkeit des Goldschmiedes; oder aber dass 
hier und da ein Cruciiix, oder ein Marienbild und Heiligenstatue mehr 
äußerlich und aufdringlich angebracht ist. Die Goldschmiedekunst war 
ganz in die Hände der Laienmeister gerathen, welche wohl auch ohne 
Bestellung - auf Lager _ fortarbeiteten und also eine Thätigkeit entfal- 
teten, die, wie die Limousinerarbeiten des 13. Jahrhunderts, von unserer 
Fabriksthätigkeit nicht allzuweit entfernt war, und eine aller Welt 
passende Waare auf den Markt brachte. Die Geistlichen aber und kau- 
fenden Laien wussten in den meisten Fällen nicht weiter auf den Gold- 
schmied einzuwirken, als dass er den Lieblingsheiligen oder ein und das 
andere Bildchen und Wappen richtig anbringe. 
Allerdings war noch ein tlichtiges Handwerk da, aber es fehlte ihm 
der künstlerische Hauch, es fehlte ihm der Geist, und der kirchlichen 
Kunst fehlte es zunächst an kirchlichem Sinne und -- trotz des vielen 
Theologisirens in allen Straßen und Läden - an Verständniss des kirch- 
lichen Lebens und innersten Denkens. 
Die Renaissance lenkte wohl die Goldschmiedekunst zurück zu einem 
edlen richtigen Goldstyl, und Meisterwerke ersten Ranges, aber mit aus- 
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