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Volltext: Monatszeitschrift XIV (1911 / Heft 6 und 7)

Dann muß man nicht vergessen, daß der 
Zahnstocher. wenn er reich ausgestattet und 
offen getragen wird, sich vom Gebrauchs- 
gegenstand zum Schmuckstück umwandelt 
und daher andern Bedingungen unterworfen 
werden muß. Übrigens kamen in früheren 
Jahrhunderten weit mehr unpraktische, ja 
für den gewollten Zweck ganz unbrauchbare 
Sachen vor als heute. Wir haben doch heute 
noch Taschenmesser, die nicht aufgehen, 
Blumenvasen, die Wasser durchlassen, und 
Broschen, deren Nadel nicht schließt, warum 
sollte man da im XVLjahrhundert keine un- 
praktischen Zahnstocher gemacht haben? 
Wir haben, so würde man uns vielleicht 
vorwerfen, nur die Hälfte der Arbeit geleistet, 
wenn wir nachweisen, daß es sich bei den . 
besprochenen Kleingeräten um Zahnstocher Figur go. Verkleinert. 
und nicht um Nestelhaken handelt; wir Teil eines ßämischen Reliefs, die4Fuß- 
_ Waschung darstellend (Sammlung Fxgdor) 
müßten auch noch zeigen, was Nestelhaken 
sind. Das ist aber sehr schwer. Ich glaube nämlich, daß das Wort gar nicht 
existiert. Eine Nestel gibt es wohl, auch einen Haken, der in die Nestel ein- 
greift, aber ein Instrument, um die Nestel, die über die Haken läuft, zu- 
sammenzuziehen, gibt es nicht. Auch in dem einfachen Sinne - der, 
nebenbei gesagt, hier gar nicht in Betracht kommt - zur Bezeichnung eines 
Hakens, in den die Nestel sich einlegt, ist das Wort meines Wissens niemals 
gebraucht worden. Das Nächste wäre noch „der Haken des Nestels" ein Aus- 
druck, den ich um 1777 nachweisen kann. So können wir denn 
ruhig ein für allemal von dem oft gebrauchten Wort „Nestel- 
haken" Abschied nehmen und allen denen, welche 
es gebraucht haben, mit Clement Marot zurufen: 
„adieu vous toutes qui n'en valez pas une". 
Die Sammlung Figdor bewahrt mehrere Zahn- 
stocher aus der Renaissancezeit, einer Periode, die 
man nicht nur im übertragenen, sondern auch im re- 
alen Sinne „das goldene Zeitalter" der Zahnstocher 
nennen könnte. Wir stellen an die Spitze einen gol- 
denen Zahnstocher, Figur 9x, der die Form einer 
Adlerkralle hat, die, wie der Fischschwanz einer 
Nereide, aus einem weiblichen Oberkörper heraus- 
wächst. Das Stück entspricht so ziemlich einem 
Fig.gx.Nat.Gr. Entwurf, den wir in Figur 92 unserem Exemplar Fig.g2. Zahn- 
hhnsmch" V- gegenüberstellen und der auf den Ornamentstecher ""11" En" 
Gold (Samrn- , __ __ wurfvonEras- 
1.,": Figdgy) Erasmus Hormck, Nürnberg um 1560, zurückgeht. m, Homck 
 

	        

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