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Objekt: Hohe Warte - Illustrierte Halbmonatsschrift für Architektur, angewandte Kunst und alle modernen Kulturaufgaben, 4. Jahrgang 1908

HERMANN OBRIST 
D ie Grabmalplaftik HERMANN OBRIST 3 gehört zu den un- 
gewöbnticbften Erfdheinungen der modernen Kunft. Sie 
hat keine Vorgängerfchaft; fie ift ebenfowenig aus dem 
Vorbild der Vergangenheit gefchöpft, wie die naturwiffenfcbaft- 
licbe Erkenntnis der modernen Zeit; fie gehört nicht jener heute 
vorwiegenden Gattung moderner Kunft an, die als flauer Hb- 
klatfcb biftorifcher Vorbilder der fterilen Nachempfindung ent« 
fpringt und die klare Entfchiedenbeit des biftorifcben Originals 
durch die ärgerliche Methode eines finnlofen Ummodelns bis zur 
Undeutlichkeit verwifcht. D 
Obrifts Plaftik erfcheint mir als der künftlerifcbe Ausdruck 
eines naturwiffenfcbaftlicb beftimmten Intellekts, der mit einem 
feberifchen Tiefblick in den biologifcben Schaflrensprozeß der 
Natur, zu der auch die metaphyfifchen Vorgänge gehören, be« 
gabt ift. Alfo etwas febr feltenes; eine Erfcheinung, die in das 
konventionelle und kunftpolizeilich reglementierte Denken unterer 
Zeit einen Ausblick in eine neue Welt fcbafft, die Offenbarung 
unbegrenzter künftlerifcber Möglichkeiten, die im Individualismus 
beruhen. »Der Einzige und fein Eigentum«, auf diefem Sa^ 
ftebt auch der künftlerifcbe Glaube eines fo konfequenten Indi- 
vidualiften wie Obrift. 
Seine Grabmalkunft: weder Plaftik noch Architektur, oder viel 
mehr beides zugleich, das eine in dem anderen. Die herkömm 
lichen Begriffskategorien geraten oft in Unordnung und bringen 
auch jene gegen ihn auf, die einft neben ihm oder vor und 
nach ihm ausgezogen waren, ihr künftlerifcbes Selbft zu ent 
decken und nun froh find, lieh über eine banale Konvention 
geeinigt zu haben. D 
Als Individualift und künftlerifcbes Temperament, fozufagen 
als eine Ausnahme, kann er wieder nur auf die Ausnahmen 
rechnen, auf die Verftebenden und auf die Liebhaber, die ihn 
begreifen wollen. Er gehört alfo nicht zu jenen, die »Kunft 
für das Volk« produzieren, wie er denn auch mit Recht »die 
Kunft für das Volk« mißtrauifch betrachtet, als eine Sache, bei 
der unfehlbar eine kleine Fälfchung oder Verwäfferung mit 
unterläuft. Die Kunft ift eine rein menfcbliche Angelegenheit, 
die nicht mit dem Hinblick auf eine Klaffe, auf eine foziale 
Schicht, auf ein beftimmtes Alter hin zureebtgemaebt werden 
kann. Es gibt kein Kunftwerk durch die Mafcbine, kein Kunft- 
werk als Maffenartikel, fondern es gibt nur ein Kunftwerk als 
fpontane Eigenfchöpfung der Perfönlicbkeit, und wer es als 
folches nicht erfaffen kann, dem ift nicht zu helfen. Der Lieb 
haber- und Kennerkreis um Obrift teilt diefe Auffaffung, ohne 
die es keine Möglichkeit gibt, zu diefem Künftler ein Verhältnis 
zu finden. Wie feine Stickereien und Teppiche, fo haben auch 
feine Plaftiken eine Eigenart, die mit dem Herkömmlichen nichts 
gemein bat. Der Künftler bat ficb auf diefes Gebiet zurückge 
zogen und feine Kraft einem ftark vernachläffigten Teil der 
Plaftik gewidmet, der Grabmalkunft. Es ift febr intereffant zu 
feben, wie ficb feine perfönliche Auffaffung des ornamentalen 
und des künftlerifchen Bildens, die er in dem biologifcben Vor 
gang der Natur ergriffen, nun auch auf dem Gebiet der Plaftik 
entwickelt; außer Abgüffen von Brunnen, Vogelbrunnen, Denk 
mälern für Grüfte, find es Afcbenurnen und Urnengrabmäler, 
die gelegentlich in feinem Atelier zu feben find, als Tonmodell, 
als Gipsabguß dafteben oder im Steinmaterial der Vollendung 
entgegengehen. Keine Konvention, kein noch fo füßer Engel, 
keines der üblichen figuralen Symbole erfcheint, um die her- 
kömmlicben bequemen Gedankenverbindungen berzuftellen. 
Anftatt der fentimental verfinnlichten Trauer drücken diefe 
Gebilde die laftende Wucht des Unabänderlichen aus, tiefum- 
febattenden Ernft, ein Umfangenfein wie am Eingang dunkler 
Grotten, wo eine Ahnung des Unendlichen brütet. Wie im 
Gebirge türmt ficb das Geftein als Gleichnis der Natur, aber 
immerhin zweckvoll geftaltet, mit Rückficht auf rinnendes oder 
Ackerndes Waffer, auf den Wuchs der Pflanzen oder auf Ruhe« 
punkte, die zum Verweilen beftimmen. Aus einer Urfpbäre des 
unbehauenen Gefteins fteigt das Gebilde empor in Flächen, die 
mit Rückficht auf die ornamentale Wirkung abgeftuft behandelt 
find, von der robbebauenen, bis zur glanzpolierten Fläche, um 
alle natürlichen Schönheiten des Materials im Wecbfel von Licht 
und Schatten zn offenbaren. Die Modellierung gewinnt Körper 
und Beftimmtbeit durch die Zahl und Form der Afchenbebälter, 
durch die Größe der Schriftfelder und durch ftatifebe und dimen- 
fionale Rückfichten, die auf die Formgebung von Einfluß find. 
Eine Ornamentik tritt auf, die neuartig ift, fremd und pban- 
taftifcb, fie erinnert an nichts Bekanntes. Sie entftammt auch 
nicht aus der Erinnerung von Bekanntem, fondern fie erwuchs 
aus dem Ton, gleicbfam aus der künftlerifchen Intelligenz des 
Taftfinnes, der durch das Auge nur unterftüt)t, ganz frei fcbafft, 
aus der Empfindung, aus dem Unbewußten, aus dem reinen 
und ungebrochenen Gefühl für das abficbtslos Schöne, das man 
in diefem Fall nur deshalb abftrakt nennen konnte, weil es 
keinen Zufammenbang mit den paar landläufigen Vorftellungen 
vom Ornamentalen bat. Der Künftler tut, wozu ihn feine Nei 
gung und feine Kraft berufen. Er tut es auf eine Art, die ihn 
wabrfcbeinlich mit vielen anderen in Widerfprucb bringt. Es 
genügt vollkommen, wenn der Künftler nicht mit ficb in Wider 
fprucb ift. Das ift febr feiten der Fall in einer Zeit, da die 
Temperamente fo rafcb wecbfeln und febon nach wenigen Jahren 
ihr eigenes früheres Ich oft mehr als einmal widerrufen haben. 
Wenn das ein Vorwurf ift, fo ift Obrift von dem Vorwurf ganz 
unberührt. Er hat den Vorzug ganz ficherer Naturen, die ficb 
im Wecbfel der Zeiten ganz treu zu bleiben vermochten. Man 
kann über fein Schaffen verfchiedener Meinung fein. Es kann 
ficb auch gar nicht darum handeln, über ihn eine Meinung zu 
verbreiten. Das Wefentlicbe ift, daß es fo viele Möglichkeiten 
des Künftlerifchen gibt, als perfönliche Eigenarten find. Den 
konfequenten Individualismus in der Kunft bat Obrift nicht nur in 
feinem Schaffen, in feiner Praxis vertreten, fondern auch als 
Kunfttheoretiker und Erzieher. Die moderne Bewegung konnte 
bei ihrem Einfe^en in Deutfcbland keinen wärmeren Anreger 
und Berater finden, als ihn, der unermüdlich die neuen »Mög 
lichkeiten der Kunft« verkündete. L. 
ÜBER DIE ZIELE DER PLASTIK 
URTEILE VON RODIN, MEUNIER, BARTHOLOMÉ UND 
DESBOIS 
D ie Forderungen Baudelaires, »die Bildhauer mögen ficb 
mit einer ornamentalen, auf die Suche nach dem Schön 
heitsideal und die Zufammenftellung barmonifeber Formen 
befchränkten Kunft begnügen«, veranlaßte vor wenigen Jahren 
einen franzöfifchen Schriftfteller,. verfchiedenen Künftlern die 
Frage vorzulegen, ob die Plaftik mit der Malerei rivalifieren 
könne und folle. Nicht um des Themas, fondern um der 
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