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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe I (1866 / 12)

Schüler, weil er einmal eingetreten, zum Durchlaufen der ganzen Stnfenrsihe geniithigt 
sei, oder dass er nach dem Unterrichtsplan nur erst nach acht, oder zehn oder vierzehn 
Jahren eine abgeschlossene Bildung zu erlangen im Stande sei, davon sieht man in Bel- 
gien glinzlich ab. Fasst man die höchsten theoretischen, idealen Ziele der Ausbildung in's 
Auge, so hat diese Einrichtung ihre Uebelstlinde, sie entspricht aber vollkommen ihrem 
Zweck, wenn man die vom Leben dargebotenen Durchsehnittsfille in's Auge fasst. Das 
deutsche Unterrichtswesen fördert gleichzeitig Kupfer und Gold zu Tage; das belgische 
producirt mehr das für den Lebensverkehr so brauchbare mittlere Silbermetall. 
Die Lehrwerkstätten, in welchen, unserer Auifassnng zufolge, das gewerbliche Un- 
terriehtssystem seinen gelnngensten Ausdruck gefunden hat, sind in manchen anderen Län- 
dern sporadisch nachgeahmt worden. In Frankreich finden sich solche Musterateliers na- 
mentlich im Elsass und in den nordwestlichen Industriebezirken, wie z. B. in Lille und 
Rouen; ebenso in Lyon. Die Kunstzcichenschulen gehen in Frankreich, dem tonange- 
bendsn Land in Sachen des Geschmacks und der Mode, theilweise schon über hundert 
Jahre zurück und sind sehr verbreitet. Gleichwohl beabsichtigt man, seitdem die Franzosen 
auf der Londoner Ausstellung die Fortschritte der englischen Industrie in künstlerischer 
Hinsicht wahrnahrnen, eine grossartige Reorganisation des gewerblichen Unterrichts h. In 
England, wo die Concurrenz der Arbeitsgeber gross und die Löhne hoch sind, und wo die 
Arbeiter daher für gewöhnlich mehr freie Zeit übrig behalten als auf dem Continont, hat 
man sich in der Regel darauf beschränkt, den Arbeitern leichte und ungemein vielseitige 
Gelegenheit zu nachträglicher Ausbildung aller Art darzubieten. Wo die Etablissements so 
dichtgedrlingt nsheneinanderstehen, wo die Industrie schon so hoch entwickelt und das 
eigentliche Fabrikssystem so allgemein verbreitet ist, wie in England, erscheinen wohl eigent- 
liche Lehrwerlrstlitten minder nothwendig. Bekannt sind jedoch die enormen Erfolge, die 
in England durch ein über das ganze Reich gezogenes Netz von Zeichensehulen erzielt wurden. 
Von den deutschen Staaten hat Württemberg am meisten in dieser Richtung 
gethan. ln Stuttgart besteht eine Centralschule, worin die Lehrer flir die württembergischen 
Lshrwerkstütten und gleichzeitig eine Anzahl von Werkiiihrern herangebildet werden. Die 
preu s s iach e n Weberschulen scheinen mehr den theoretischen Unterricht in's Auge zu fassen, 
jedoch wird die Weberschule von Crefeld sehr geriihmt. Eine hervorragende Anstalt im Sinne 
der belgischen Praüs ist die Baugewerlxschnle zu Holzrninden in H an nover. ln Preussisch- 
Schlesien gibt es mehrere Arbeitsschulen, z. B. iiir Strohdechten, und die Zeichen- und 
Malschule auf der Josephinenhiitte, der bekannten Glasfabrik des Grafen Schaffgotseh, 
ist als eine vorzügliche Anstalt zu bezeichnen. Gleichfalls aus eigener Anschauung kennen 
wir die - nicht bedeutende - lndustrieschule zu Berchtesgaden, von der baierisvhen Re- 
gierung zur Ausbildung der Holzschnitzer errichtet. Dagegen ist die Kunstgewerbeschule 
in Nürnberg ein grossartiges Institut. Eine Statistik dieser siirnmtlichen Schulen des Zoll- 
vsreins wäre übrigens eine verdienstliche Arbeit. 
Schliesslich sei nur noch erwähnt, dass im sächsischen Erzgehirg die Spitzenklöp- 
pelschnlen. worin übrigens auch Nahen und Stricken gelehrt wird, eine grosse Ausdehnung 
erlangt haben. Im Jahre 1868 bestanden deren 25 mit 43 Lehrerinnen, die durchschnitt- 
liche Schüler-zahl belief sich auf H39. ln Folge der verbesserten Arbsitsrnethode sollen 
die sächsischen Spitzen im Vergleich zu den böhmischen um 30-40Percent höhere Preise 
erlangen, und die Arbeitslöhne um 150-200 Percent gestiegen sein. Nicht uninteressant 
erscheint uns auch noch die Notiz, dass man in Berlin unlängst eine eigene Kutscher- 
sehule in's Leben gerufen hat, und in Oberschlesien eine eigene, grossartig dotirte Anstalt 
zur Erziehung tüchtigen weiblichen Gesindes beabsichtigt. 
Was Oesterrcich betrim, wirdNiemand verkennen dürfen, dass hier seit anderthalb 
Decennien ausserordentlich viel auf dem Gebiete des Unterrichts geleistet wurde. Da eine 
Betrachtung des Volk sschnlwesens uns hier fernlisgt, bemerken wir nur, dass auch 
auf diesem Gebiete praktische Tendenzen nicht fehlen. In Böhmen, Mührsn und Schlesien 
bestehen schon mindestens 1800 kleine Obstbaumschulen, die von Lehrern gehalten werden. 
Die Bisnenzncht und Seidenzucht zählt ihre eifrigsten Verbreiter unter dem Lehrerstsnde. 
Bier sei auch daran erinnert, dass durch zwei Frauenvereine in Wien 25 Arbeits- 
schulen gestiftet Wurden, Worin 2500 Schülerinnen Unterricht erhielten. 
Sofort mit dem Eintritt des Kaiserstsates in die Bestrebungen der Neuzeit sprach 
sich ferner das Bediirfniss nachVerlnehrung der gewerblichen Ausbildung in der Gründung 
zahlreicher Bealschulen aus. Ihre Zahl stieg von 185i bis 1857 von I7 auf 57, wovon 
24 vom Staat doürte, 13 von städtischen Gemeinden erhaltene, l stlindische, 6 von evan- 
gelischen Confessionsgemeindeu gegründet und 3 Privatschulen. Diese Ziffer dürfte sich 
seitdem auf etwa G5 vermehrt haben. Diese Anstalten erforderten im Jahre 1857, von dem 
geringen Schulgeld abgesehen, einen Aufwand von 427.518 5., und es muss anerkannt 
') Siehe darüber eine llltlhsllung von Dr. Wilhelm Rlttsr von Schwarz, in den Verhandlungen des 
nieder-Satan. Gewnrbevsrslns, 1864. Hth II. B. U1.
	        

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