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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe X (1895 / 3)

 
scheiden von derjenigen, die der gemeine Sprachgebrauch im Sinne hat, 
wenn er von vRenaissanceu schlechtweg spricht. Der gemeine Sprach- 
gebrauch versteht unter wReuaissanceu in den meisten Fällen die 
italienische Renaissance des I5. Jahrhunderts. Es ist dies allerdings 
gewiss weitaus die wichtigste Renaissance, die von der Kunstgeschichte 
bisher überhaupt festgestellt worden ist. Aber es hat schon vor der 
italienischen Renaissance des 15. Jahrhunderts, dem sogenannten Quattro- 
cento, in der Entwicklung der Kunst im Allgemeinen Erscheinungen 
gegeben, die wir mit vollem Rechte ebenfalls als Renaissancen be- 
zeichnen dürfen. 
So berichtet die Kunstgeschichte einmal von einer Karolingischen 
Renaissance. Sie verdankt ihre Entstehung wesentlich dem unmittelbaren 
Eingreifen Karls des Großen und seiner hochgebildeten Hofgenossen in 
das Kunstleben ihrer Zeit. Nicht als ob es beim Regierungsantritt des 
großen Königs seinen Franken, Burgundern, Alemannen, Bayern u. s. w. 
an Kunst überhaupt gefehlt hätte; aber es war im Wesentlichen blos 
der Schmuck, worauf das Kunstschaffen dieser, der Barbarei kaum ent- 
rissenen Völker gerichtet war. Und die Formen, in welche dieser Schmuck 
gekleidet war, entbebrten vielfach einer höheren Bedeutsamkeit; die 
Ornamente beschränkten sich zumeist auf geometrische Configurationen: 
Zickzack, Sternrnuster, Bandverschlingungen u. dgl. Auf seinen Kriegs- 
zügen gelangte Karl der Große nach Italien und lernte dort die Denk- 
mäler der großen, römisch-antiken Kunst durch den Augenschein kennen. 
Sein Verdienst ist es nun, dass er auch sofort klar und scharf erkannt 
hat, wie hoch die alten römischen Kunstwerke über denjenigen standen, 
die zu seiner Zeit im Frankenreiche und in Italien gefertigt wurden. 
Denn unmittelbar aus dieser Erkenntniss ergab sich folgerichtig der Wunsch 
und das Bestreben, die Kunst seiner Franken auf die einstmalige Höhe 
der römischen zu bringen. Die Früchte dieses Bestreben: sind es, die 
wir als die wKarolingische Renaissäncea zu bezeichnen pßegen. 
Eine nähere Betrachtung derselben lehrt sofort, dass es sich dabei 
durchaus nicht darum gehandelt hat, etwas von Grund aus neues zu 
schaffen. Man sprach im 8. Jahrhundert, d. i. in der Zeit als Karl der 
Große den Thron bestieg, künstlerisch sozusagen noch immer dieselbe 
Sprache wie im 4. und 5. Jahrhundert, in den letzten Jahrhunderten der 
Römerzeit; aber man sprach jetzt einen verwilderten Dialekt davon. 
Man baute z. B. im Frankenreiche vor der Thronbesteigung Karls des 
Großen ebensolche Basiliken nach genau dem gleichen Grundplan, wie 
schon zur Römerzeit, im 4,. Jahrhundert, aber man vernachlässigte daran 
die höheren Gesetze der Schönheit, die die Römer niemals, bis in die 
späteste Zeit nicht, außeracht gelassen hatten. 
Parallelen aus anderen Cultur-Gebieten werden uns das Wesen der 
von Karl dem Großen begonnenen Neuerung auf künstlerischem Ge- 
biete, der Karolingischen Renaissance, am besten verstehen helfen. Die
	        

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