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Full text: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe VI (1891 / 9)

thumes nicht mehr unbedingte Geltung hat, dass an Stelle der einheit- 
lichen transcendentalen Anschauung Zerfahrenheit getreten ist, das zeigt 
sich uns sofort, wenn wir die Denkmäler und ihre Formen betrachten. 
Wir schreiten durch lange Gassen, in denen sich Obeliske an Obeliske 
reihen, verschieden unter einander nur durch Größe, Farbe und Material; 
an anderen Stellen stehen friedlich neben einander die schlanke palmetten- 
gekrönte Stele der Griechen, der Sarkophag und Cippus der Römer, die 
mit einem Baldachin überwölbte gothische Tumba, die abgebrochene 
Säule des Empirestiles, der naturalistische Felsblock der ersten Hälfte 
unseres Jahrhunderts; in den Arcaden das deutsche Epitaph des huma- 
nistischen Zeitalters, der Typus der florentinischen Renaissance, die Altar- 
form der Barocke und die Pyramide des Classicismus. - Kurz alle Grab- 
formen, die je in verschiedenen Zeiten und Stilen üblich waren, sind auf 
unseren Friedhöfen vertreten. Nun, die Erscheinung, dass die Kunsttypen 
vergangener Zeiten und Stile entweder direct übernommen werden oder 
wenigstens das Grundmotiv liefern, bestimmt ja auch den Charakter der 
modernen Architektur und des modernen Kunstgewerbes. Lehrreicher und 
unmittelbarer jedoch als bei diesen Kunstgebieten zeigt sich in dem Chaos 
auf den Friedhöfen ein Spiegelbild des modernen Lebens, seines Ver- 
hältnisses zur Religion und Kunst. Aber es ist nicht nur das Ganze eine 
Illustration des Empfindens und der Anschauungen unserer Zeit, es ist 
auch die Einzelerscheinung, das einzelne Grabmal weitaus bezeichnender 
für die ganze Individualität des Einzelnen, seine Weltanschauung, sein 
Gemüthsleben, seinen Charakter und sein Verhalten zur Kunst als in 
früheren Zeiten, wo die Grabmäler sowie die Gedanken über transcen- 
dentale Fragen eine weitaus größere Familienähnlichkeit aufweisen. 
In der bunten Mannigfaltigkeit unserer Grabmäler ist die Dominante 
der Obelisk, die Negation jedes künstlerischen Gedankens, die starre 
geometrische Formel, die auf jeden Schmuck verzichtet. Es wäre sehr 
gefehlt, seine Beliebtheit einfach auf seine relative Billigkeit gegenüber 
künstlerisch ausgeführten Grabmälern zurückführen zu wollen, sie ist 
vielmehr in tieferliegenden Gründen von culturgeschichtlicher Wichtigkeit 
zu suchen. Mit seiner neutralen Form ist der Obelisk das geradezu ideale 
Grabmal für glaubenslose oder religiös indirferente Menschen. Wünscht 
der Verstorbene sich weder in confessioneller Beziehung zu compr0mit- 
tiren, noch der Kirche gegenüber Aergerniss zu geben, so genügt ein 
kleines Kreuz und verkündet den Ueberlebenden, dass der Dahingeschie- 
dene es vorzog, im Leben den weisen Mittelweg einzuschlagen. Dem- 
jenigen aber, für den die Ueberzeugung feststeht, dass der Tod die voll- 
ständige Vernichtung des Daseins bedeute, erfüllt die nichtssagende geo- 
metrische Formel mit ihrer Schweigsamkeit und Verschlossenheit voll- 
ständig ihren Zweck, wenn sie die Stelle bezeichnet, wo er begraben liegt; 
darüber hinaus verlangt er nichts, weil ihm dem Ernste des Todes gegen- 
über Alles weitere als Lüge erscheinen würde. 
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